
»Also …«,
beginnt sie gedehnt, »… wer schläft wo?«
Fragend schaut sie mich an und ich reiße
den Blick von ihrem Ausschnitt los. Hoffentlich hat sie mein Gaffen nicht
bemerkt. »Das Bett ist groß genug für zwei.«
Ihre Augen weiten sich. »Du meinst, wir
sollen beide darin schlafen? Nebeneinander?«
»Das wäre am einfachsten. Es sei denn, du
willst unter mir liegen. Oder auf mir.« Spöttisch lächle ich sie an.
»Haha, sehr lustig.« Sie verdreht die
Augen. Noch einmal schaut sie sich im Zimmer um. »Gibt es kein Sofa, auf das
ich mich vielleicht legen könnte?«
»Nein. Nur den harten Boden. Und auf dem
habe ich nicht vor, die Nacht zu verbringen. Die Reise wird anstrengend genug,
daher brauche ich echte Erholung.«
Sie beißt sich auf die Unterlippe. »Ich
weiß nicht …«
Ich mache einen Schritt auf sie zu, lege
meine Hände auf ihre Schultern und sehe sie an. »Wovor hast du Angst? Dass ich
mich an dir vergehe? Glaube mir, nichts liegt mir ferner. Ich bin dein Wächter,
dein Beschützer und dein Lehrer. Du bist vor mir also völlig sicher.«
Ein seltsamer Ausdruck huscht über ihr
Gesicht, als fühle sie sich gekränkt. Weswegen? Weil ich ihr verspreche, mich
zusammenzureißen? Doch dann nickt sie. »Okay. Der Boden sieht nicht gerade
besonders einladend aus.«
»Gut, also wäre das ja geklärt.« Ich gehe
in das Bad, ziehe mein zerknittertes Hemd aus und lasse Flüssigfeuer in eine
Schüssel laufen. Wenn es nicht so spät wäre, würde ich am liebsten auch noch
ein Bad nehmen. Es wird die letzte Möglichkeit für eine Weile sein. Aber diesen
Luxus habe ich Tilaya gegönnt. Nun ist es zu spät dafür, die nächsten Tage
werden all unsere Kräfte erfordern. Es wird schon so gehen. Ich stelle die
Schüssel in die dafür vorgesehene Halterung vor einem Spiegel und tauche einen
Waschlappen hinein. Mit einem leisen Seufzer der Erleichterung drücke ich ihn
gegen mein Gesicht. Die Flüssigkeit wischt Dreck und Schweiß weg und entspannt
gleichzeitig durch seine angenehme Wärme.
Für einen Moment schließe ich die Augen,
presse den weichen Stoff noch enger gegen meine Haut. Dann nehme ich den Lappen
weg, lasse ihn sich wieder mit dem reinigenden Nass vollsaugen, um mit dem
Oberkörper und den Armen weiterzumachen. Das Glutwasser färbt sich allmählich
dunkler. Kein Wunder, das ist der Staub der Reise.
Ich schütte die alte Flüssigkeit aus und
fülle neue hinein, lasse erneut den warmen Lappen über meinen Körper gleiten.
Nun fehlt bloß der Rücken. An den ich allerdings schlecht herankomme. Ich
versuche es trotzdem. Doch egal, wie ich mich verrenke, es klappt nicht. Und
einen Diener habe ich hier natürlich nicht. Bleibt nur eine Möglichkeit, wenn
ich nicht stinken will wie ein Otter.
»Tilaya, könntest du mir bitte helfen?«
»Beim … Baden?« Ich höre ihr Entsetzen.
»Nein, beim Waschen. Ich komme nicht an
meinen Rücken. Es wäre nett, wenn du das übernehmen könntest. Und keine Sorge,
ich bin nicht nackt.«
Ein kurzes Zögern. Dann höre ich leise
Schritte. Im Spiegel sehe ich, wie sie ins Bad kommt. Ihr Blick fällt auf
meinen Rücken, der ebenso von Brandnarben gezeichnet ist wie der Rest des
Körpers. Kein schöner Anblick, das weiß ich selbst nur zu gut. Zu viele Frauen
sind schon zusammengezuckt, nachdem ich mich ausgezogen habe. Doch ihr
Gesichtsausdruck verändert sich kaum. Sie wirkt nachdenklich. Aber weder
angeekelt noch abgestoßen.
Schweigend reiche ich ihr den
Waschlappen, der mit dem Flüssigfeuer vollgesogen ist. Unsere Finger berühren
sich und es durchläuft mich wie ein Schock. Mein Herzschlag setzt einen Moment
aus, rast danach wie ein Funkenläufer im Endspurt. Warum reagiere ich bloß so
auf sie?
Es darf nicht sein. Ich muss ihr
beibringen, sich zu fokussieren. Ihre Kraft und sich selbst zu kontrollieren.
Gefühle sind dabei alles andere als förderlich, das weiß ich aus Erfahrung.
Aber obwohl ich all das weiß, ändert es nichts daran, dass ich in Flammen
stehe, wenn sie mich so berührt. Ihre Haut auf meiner fühlt sich an wie etwas
Vertrautes. Als hätte mein innerer Funke auf sie gewartet. Als wäre ihre
Berührung keine Schwäche, sondern der Teil von mir, den ich zu lange verdrängt
habe.
Sie drückt den Lappen gegen meinen Rücken
und es kommt mir fast so vor, als spüre ich ihre schlanken Finger auf meiner
Haut. Die Wärme sickert tiefer, als sie sollte. Tilaya fährt sacht mit dem
feuchten Stoff über meine verspannten Schultern. Mein ganzer Körper gerät in
Vibrationen. Ich kralle meine Finger um das eiserne Gestell, in dem die Schale
steckt. Aber die Kälte des Metalls reicht nicht, um das Feuer in mir zu
löschen.
Plötzlich fühle ich ihre andere Hand auf
meiner Haut. Sie streicht mit der Kuppe des Daumens sanft über das vernarbte
Schulterblatt. »Woher hast du diese Wunden? Hattest du einen Unfall?«
Ich sauge scharf die Luft ein. Diese
Berührung. Diese warme Anteilnahme. Das ist zu viel für mich. Ich umklammere
das Gestell so fest, bis das Weiß meiner Fingerknöchel hervortritt. Ich senke
den Kopf, konzentriere mich auf mich selbst. Beiße die Zähne zusammen. »Nein«,
stoße ich gepresst hervor. »Es ist eine Art … Krankheit. Es liegt an dem
Feuer, das durch meinen Körper fließt.« Das kommt meiner Bürde nahe genug. Mehr
darf sie nicht wissen.
»Tut es weh?«
Erstaunt hebe ich den Kopf und unsere
Blicke treffen sich im Spiegel. Das ist also die Anteilnahme? Nicht wegen der
Absonderlichkeit, sondern weil sie denkt, ich habe Schmerzen? Gegen meinen
Willen lächle ich sie an. »Nein, das tut es nicht. Zumindest meistens nicht. Es
ist nur da.«
Sie nimmt den Lappen weg und streicht mit
der flachen Hand meinen Rücken entlang. Ihre Fingerspitzen gleiten über narbige
ebenso wie über unversehrte Haut, sie unterscheiden nicht dazwischen. Tilayas
Hand löst sich von meinem Rücken und ich hätte fast geseufzt. Erneut taucht sie
den Waschlappen in die Flüssigkeit, geht damit ebenso sanft über meinen Körper
wie zuvor mit ihren Fingern.
»Irgendwie passt diese Eigenheit zu dir.
Sie macht dich zu etwas Besonderem. Einem kleinen Kunstwerk. Geschaffen von dem
Element dieser Welt.« Ihre Stimme klingt weich, während sie mit dem feuchten
Tuch über meine Haut streicht.
Ich erstarre beinahe bei diesen Worten.
Dieses tiefe Verständnis für das Wesen des Feuers haut mich genauso um wie die
Bedeutung, die sie meinen Narben fast beiläufig verleiht. Ein Kunstwerk bin ich
für sie. Nicht entstellt. Nicht beschädigt. Sondern erschaffen. Gezeichnet von
der Glut, die ich manchmal verflucht habe.
Wie wenig ich mich selbst so sehe. Wenn
sie nur wüsste, welche Wahrheit ich verberge!
