Samstag, 17. Oktober 2026

[Schnipseltime] Riding Free, Dancing Wild von Katy Lynn Peters


 

1 

Zoey

Mein Blick wandert zu der Uhr an der Backsteinfassade des kleinen Ladens.

Eine Stunde. So lange stehe ich hier schon. 

  Abgesprochen war, dass ich vom Flughafen aus den Bus nach Rockford – so heißt dieses winzige Städtchen – nehme und mich dann ein Fahrer zu der Ranch bringt, auf der ich ein Gästehaus gemietet habe.

Soweit ist alles reibungslos verlaufen. Bis jetzt.

Mein Problem sind nicht Flugzeuge oder Busse. Nein, mein persönlicher Endgegner sind Autos. Autos lassen meine Nerven blank liegen, lösen Panik in mir aus, bis ich keine Kontrolle mehr über meinen Körper habe.

Aus dem Grund vermeide ich diesen Endgegner in der Regel.

Ich trinke einen Schluck aus der kleinen Orangensaftflasche, in die ich mir eben im Bus einen großen Schluck Wodka gekippt habe.

Na ja, eigentlich war es anders herum. Es ist Wodka mit einem Schluck Orangensaft. So minimal verdünnt, dass die Flüssigkeit in meiner Kehle brennt und ich husten muss. Anders werde ich die Autofahrt nicht überstehen, und dass der Fahrer auf sich warten lässt, macht die Sache nicht besser.

Ich lese noch ein weiteres Mal die Buchungsunterlagen, die ich mir ausgedruckt habe, nur, um festzustellen, dass sie mir keine neuen Erkenntnisse liefern. Bei Fragen, steht dort, solle ich mich an Ace River wenden, gefolgt von einer Handynummer, bei der auch nach dem fünften Anruf nur die Mail-Box rangeht.

Mir bleibt im Moment nichts anderes übrig, als zu warten, was meine Ungeduld und meine Angst auf ein ganz neues Level hebt.

Da helfen nur weitere Schlucke aus der kleinen Flasche, die meine Finger fest umklammern.

Nervös und unfähig, ruhig stehenzubleiben, laufe ich vor einem der Geschäfte auf und ab.

Das Schild neben der Tür sagt mir, dass es sich um Rockfords Book Haven handelt. Die Besitzerin, eine rundliche, ältere Dame, guckt schon zum sechsten Mal durch das kleine Schaufenster zu mir rüber.

Ich kann es ihr nicht verübeln, denn ich wirke in meinem schwarzen Hoodie und der Sonnenbrille – auch wenn die Gläser die Form von Herzchen haben – nicht sehr freundlich. Und schon gar nicht so, als würde ich hierhergehören, denn dann müsste ich einen Cowboy-Hut tragen.

Mir dämmert langsam, dass es vielleicht keine gute Idee war, herzukommen.

Was habe ich mir, verdammt nochmal, dabei gedacht? Ich wollte weg aus New York. Weg von den Erinnerungen, die mich durch den Tag begleiten und wehtun.

Jetzt frage ich mich, ob es nicht auch die Hamptons getan hätten.

Nein, in den Hamptons gibt es zu viele Erinnerungen an Claire. Zu oft sind wir dort zusammen gewesen.

Claire.

Ich muss schlucken und spüre, wie sich mein Herz zusammenkrampft.

Was mache ich mir eigentlich vor? Ich könnte bis ans Ende der Welt reisen, überall gäbe es schmerzende Erinnerungen. Ich trage sie in mir. Claire war ein Teil von mir. Ohne sie klarzukommen, ist auch ein halbes Jahr nach ihrem Tod unvorstellbar.

In zwei Tagen ist mein Geburtstag und ihn ohne sie zu verbringen, ist so falsch.

Ich atme ein paar Mal tief durch, um mich zu beruhigen.

Es klappt nicht.

Tut es nie. Ich habe das Atmen verlernt, genauso wie das Leben.

Zusammengesunken beobachte ich, wie sich mein Schatten auf dem Asphalt abzeichnet. Er schwankt leicht. Dabei habe ich doch noch gar nicht so viel getrunken. Wie ein stiller Zeuge schaut er mich an und am liebsten würde ich mit ihm verschmelzen.

Unsichtbar werden.

Ein Schatten.

Ich reiße meinen Blick weg von dieser Dunkelheit, die mich verfolgt und zu verschlingen droht.

Komm schon, Zoey! Konzentrier dich auf was Schönes, versuche ich meinem mittlerweile leicht benebelten Gehirn einzureden.

Ich lenke meine Sinne auf meine Umgebung, ehe ich später dafür zu betrunken bin. Nehme den Geruch frisch gebackenen Brotes wahr, der aus der Bäckerei auf der gegenüberliegenden Straßenseite kommen muss. Es gibt genau eine Ampel, die bisher absolut überflüssig ist, denn es kam noch kein Auto an mir vorbei. Außerdem sehe ich einen kleinen Einkaufsladen, einen Shop für Anglerbedarf, ein Diner und ein Geschäft mit einem winzigen Schaufenster, bei dem es sich um einen Friseursalon handelt und den Anschein macht, er wäre schon hundert Jahre alt. Das Städtchen schmiegt sich zwischen zwei Hügelketten, die wie stille Beschützer stolz emporragen.

Ein Auto biegt um die Ecke, beendet meine Beobachtung, nur, um dann an mir vorbeizufahren.

Mist, es ist nicht mein Fahrer.

Die meisten Touristen werden sich wohl selber ein Auto mieten, ich jedoch setze mich nie mehr hinter ein Steuer.

  Wieder schaut die Ladenbesitzerin zu mir rüber. Ich überlege, ihr zu winken, stattdessen hebe ich die Flasche an den Mund und bete, dass ich nicht morgen noch hier stehe.

Die Dame in dem Laden meint es bestimmt nicht böse und ist nur wachsam oder neugierig, aber ich mag diese Blicke nicht, die sie mir zuwirft. Und auch die anderen Leute, die vorbeikommen, schauen mich neugierig an, bevor sie ihre Köpfe in eine andere Richtung drehen.

Ich will einfach nur allein sein. Und wo könnte man das besser als auf einer einsamen Ranch irgendwo in Montana? Weit weg von allen möglichen Triggern.

Ich zucke zusammen und stoße einen leisen Fluch aus.

Der Alkohol zeigt langsam seine Wirkung, denn ich habe die riesige Gestalt eines Mannes, die plötzlich neben mir auftaucht, nicht wahrgenommen.

Mit einem selbstsicheren Lächeln auf den Lippen nimmt er seinen Hut ab und hält ihn sich vor die Brust.

„Tschuldigung Ma´am, ich wollte Sie nicht erschrecken“, trällert er charmant und zwinkert mir zu.

Sein Haar ist schwarz und er trägt es zu einem Man-Bun auf dem Kopf zusammengezwirbelt. Seine Haut hat eine warme, dunkele Farbe. Es ist nicht die typische Bräune von jemandem, der sich viel draußen in der Sonne aufhält, sondern ein unverkennbares Zeichen, das auf seine Herkunft schließen lässt.

Der Bus ist an drei Reservaten vorbeigefahren. Das Nächstgelegene wies ein großes Holzschild mit einem Adler als Reservat der Lakota aus. Vielleicht liegen die Wurzeln des Mannes mit dem markanten Gesicht, auf dessen Wangen sich Grübchen bilden, wenn er lacht, dort.

Er ist gutaussehend und das weiß er.

Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, dass meine Mundwinkel leicht nach oben zucken.

„Mein Name ist Matho Reed, kann ich Ihnen helfen?“, stellt er sich vor und macht die kleine Hoffnung zunichte, er könnte der Fahrer sein, auf den ich schon so lange warte.

„Können sie nicht“, gebe ich grummelig zurück und stoße einen genervten Seufzer aus.

„Na komm schon, Kleine! Sag, was los ist, und ich versuche dir zu helfen.“

Scheinbar ist der Frauenheld der Stadt auf mich aufmerksam geworden.

Na toll.

Da ich keine andere Möglichkeit sehe, werde ich mich wohl mit dem Flirtversuch abfinden müssen und seine Hilfe annehmen.

„Ich warte seit … äh … lange … einer Stunde. Keine Ahnung. Ein Chauffeur … Fahrer … sollte mich abholen.“

Ja, der Alkohol ist definitiv in meinem Gehirn angekommen.

Dummerweise bin ich noch nicht so dicht, dass es mir egal wäre, wie wirr ich rede.

Mein Gegenüber zieht die Augenbrauen zusammen, versucht aus meinen Infos schlau zu werden.

„Ich habe ein Haus gemietet, auf einer Ranch.“ Okay, das war besser.

„Hast du die Nummer des Fahrers? Manchmal steht einfach eine Herde Bisons im Weg und man kommt nicht durch.“

 Bisons? Ist das sein Ernst?

 „Es geht nur die Mailbox ran.“

 „Weißt du, wie er heißt? Das ist eine Kleinstadt, hier kennt jeder jeden.“

„Ace River.“ Matho erstarrt.

Er setzt den Hut wieder auf, was lässig erscheinen soll, seine Wirkung jedoch verfehlt, weil er mich ungläubig anschaut.

„Ace soll dich abholen?“

Nervosität macht sich in mir breit. Ist Ace River einer von der schlimmen Sorte? Jemand, zu dem man nicht ins Auto steigen sollte?

„Was ist mit Ace River?“, frage ich panisch, was Matho nicht entgeht. Er lächelt mich an und beruhigt mit dieser Geste meinen überreizten Geist. Um ihn komplett ruhigzustellen, braucht es allerdings noch ein bisschen mehr Wodka.

„Ich bin nur überrascht, dass er dein Fahrer ist. Ace ist mein Freund, Süße.“

Es wäre an der Zeit, dass diesem Mann mal jemand erklärt, warum es nicht okay ist, eine Frau einfach Süße zu nennen. Da ich im Moment andere Sorgen habe, erspare ich ihm einen Vortrag über das Reduzieren auf Stereotype.

„Wie heißt die Ranch, zu der er dich fahren soll?“

„Es ist die Wild River Ranch.“

Ich verhaspele mich beim Aussprechen des Namens und hoffe, dass er nicht merkt, wie es mir mittlerweile zunehmend schwerer fällt, deutlich zu sprechen.

Matho lacht laut auf: „Okay, Süße. Da muss ein riesiger Fehler vorliegen. Ace organisiert Wanderritte für Touristen, aber nie würde er jemanden auf seiner Ranch wohnen lassen.“

Mir wird schlecht. Panik und Wodka randalieren in meinem Magen.

Mir fällt die Buchungsbestätigung ein, die ich Matho nun unter die Nase halte und die ich mittlerweile in- und auswendig kenne. Er liest aufmerksam und runzelt die Stirn.

„Du willst bis September bleiben? Das sind drei Monate?“

Überrascht blickt er auf.

Ich nicke. „So ist der Plan.“ Plan. Ein schönes Wort für etwas, das sich im Moment gefährlich wackelig anfühlt.

„Hör zu, ich werde Ace anrufen und versuchen, das zu klären. Vielleicht geht er bei mir ran.“

Mit diesen Worten lässt er mich stehen, entfernt sich weit genug, damit ich nicht hören kann, was er sagt.

Mit dem Finger schiebe ich die Sonnenbrille fest auf meine Nase. Mein Blick gleitet von den in die Jahre gekommenen Fassaden der Häuser hinauf zum Himmel. Er strahlt so blau auf mich herab, dass ich mir in meinem schwarzen Hoodie noch deplatzierter vorkomme.

Ich versuche mich auf meine Umgebung zu konzentrieren und nicht auf Matho, der in sein Handy spricht. Er hatte im Gegensatz zu mir keine Schwierigkeiten, seinen Freund zu erreichen.

Fröhliches Kinderlachen dringt an mein Ohr. Die Schule ist aus und eine Gruppe Kinder überquert mit ihren Schulranzen die Straße. Sie benutzen brav die Ampel. Mein Gehirn zeigt mir ein Bild von Claire und mir. Zwei Mädchen mit identischen Rucksäcken, an denen Ballettschuhe baumeln. Die Haare hochgesteckt, bereit für den Tanzunterricht. Mädchen mit demselben Traum, dem, eine Prima Ballerina zu werden.

Für Claire hat sich dieser Traum erfüllt. Jetzt ist sie tot und ich bin noch hier und alles daran fühlt sich falsch an.

 Die Erinnerung reißt mich mit sich, sie fährt mir direkt ins Herz und macht es zu einem schweren, schmerzenden Muskel, den ich am liebsten loswerden würde.

Schnell suche ich etwas anderes, auf das ich meine Aufmerksamkeit lenken kann. In der Ferne höre ich ein Windspiel leise klingeln. Der Wind trägt den Geruch von Blumen und Gras mit sich. Es ist ruhig. Ich mag es, stelle ich überrascht fest. Ja, wirklich. Hoffentlich liegt es nicht am Alkohol, denn für einen kurzen Moment fühlt es sich ganz okay an, hier zu sein.

Man sagt, New York schläft nie, und so ist es. Claire war durch und durch ein City-Girl. Rockford wäre ihr zu langweilig. Mir hingegen war New York schon weit vor Claires Tod zu viel. Dennoch hätte ich mich nie aus ihrer Nähe entfernt.

Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, wie Matho sein Handy in die Tasche seiner Jeans steckt und auf mich zustampft. Seinen Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten.

„Ace ist unterwegs“, berichtet er und ich warte auf weitere Erklärungen, doch er schweigt. Na klasse, das fängt ja super an.

 

Matho bleibt bei mir und erzählt mir lustige Anekdoten über dieses Städtchen. Er bemerkt nicht, dass ich ihm kaum folgen kann.

Dann stoppt sein Monolog und er deutet die Straße hinunter. „Da kommt Ace.“

Ein schwarzer Pick-Up-Truck nähert sich langsam. Er hält so dicht vor meinen Füßen, dass ich beinahe einen Satz zurück mache. Die Motorhaube reicht mir bis zur Brust. Mit diesem Monster hätte er locker einen Bison überfahren können.

Ich hebe meinen Blick von der schmutzigen Motorhaube zu dem Mann, der mich durch die Windschutzscheibe finster ansieht.

Lange.

Dann steigt er aus.

Zu meiner Überraschung trägt er keinen Cowboy-Hut. Der Dresscode der Stadt ist ihm wohl egal.

Seine Haare sind kurz. Praktisch. Genauso wie sein restliches Outfit, bestehend aus Jeans, Shirt und staubigen Stiefeln. Auf der linken Seite seines Ärmels blitzt eine Tätowierung hervor, bei der ich nicht erkennen kann, um was es sich handelt. Ein leichter Bartschatten zieht sich über seinen angespannten Kiefer. Er hat so blaue Augen, dass ich sie länger betrachte, als mir lieb ist. Seine harte Miene behält er bei. Fehlt noch, dass Rauch aus seinen Ohren kommt.

Der laute Knall der Autotür lässt mich zusammenzucken.

Einer seiner Mundwinkel hebt sich leicht. Ihn amüsiert meine Reaktion. Ace River ist also ein Arsch.

Ich schnaube in seine Richtung, aber er lässt mich links liegen. Geht an mir vorbei zu Matho, um ihn zu begrüßen.

Mein Puls rast vor Wut. Für das Geld, was ich ihm gezahlt habe, müsste er eigentlich einen roten Teppich ausrollen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2

Ace

 

Als ich von Matho hörte, dass in der Stadt eine Zoey Winter aus New York behauptet, auf mich zu warten, war ich erstmal sprachlos. Angeblich hat sie Buchungsunterlagen, die beweisen sollen, dass sie das alte Haus auf meiner Ranch gebucht hat.

 Als hätte ich Spaß daran, jeden Tag rund um die Uhr Touristen auf der Ranch zu haben.

Nein, danke!

Ich schaue auf sie hinab. Ihre kleine Gestalt versinkt in einem viel zu großen Pulli. Unter der Kapuze quillt ein Schwall blondes Haar hervor. Ihre Augen versteckt sie hinter einer lächerlichen Sonnenbrille in Herzchenform.

Stocksteif steht sie da. Wütend.

Liegt es daran, dass ich erst Matho begrüßt habe? Oder daran, dass ich ihr beinahe über die Füße gefahren bin?

Ach, eigentlich ist es mir egal.

„Ist das die neuste Masche, um sich Urlaub zu erschleichen?“, frage ich sie. Meine Stimme ist alles andere als freundlich.

„Wie bitte? Ich habe mir nichts erschlichen.“ Sie presst die Worte zwischen ihren Zähnen hervor.

„Wir sollten den Sheriff holen, dann kannst du ihm diesen Bullshit erzählen.“ Ihre Zähne vergraben sich in ihrer vollen Unterlippe. Noch ein wenig fester und sie wird sie durchbeißen.

„Ich habe es offiziell gebucht und eine Menge Geld bezahlt und das kann ich belegen“, sie hält mir einen Zettel vors Gesicht, der mich nicht im Geringsten interessiert.

„Tja, nur ist das Geld nie bei mir angekommen.“

„Dann sollten wir wohl wirklich den Sheriff holen, dem kannst du erzählen, was du mit meinem Geld gemacht hast. Ich habe nichts zu verbergen.“ Sie dreht den Spieß rum, das kleine Biest.

„Willst du behaupten, dass ich Touristen abzocke?“

„Du behauptest, ich würde mir einen Urlaub erschleichen“, faucht sie.

„Okay, ihr beiden“, Matho tritt beschwichtigend zwischen uns, „wir sollten alle kurz durchatmen.“

Zoey schaut weg und reibt ihre Schläfen.

Aus den Taschen ihres Pullis zieht sie eine kleine Orangensaftflasche, die sie in einem Zug leert und anschließend in ihrem Rucksack verstaut.

Ihre Bewegungen haben etwas Träges, als würde sie etwas sehr Schweres mit sich rumtragen.

Sie atmet tief durch und strafft die Schultern, um dann beide Arme fest um ihren Körper zu schlingen, als wolle sie verhindern, auseinanderzufallen.

„Ich denke, wir sind beide betrogen worden“, sagt sie ausdruckslos.

Es überrascht mich, denn ich hatte damit gerechnet, dass sie weiter fauchen wird.

Und da ist noch etwas, was mich aufhorchen lässt. Ihre Stimme. Sie klingt undeutlich, die Worte seltsam verwaschen. Ist das ein Dialekt? Reden New Yorker so? Oder lallt sie etwa?

 Ehe ich weiter darüber nachdenken kann, greift sie nach ihrer riesigen Reisetasche, hängt sie sich umständlich um, wobei sie bedenklich schwankt.

Matho, der es ebenfalls bemerkt, umfasst ihren Arm, um sie zu stabilisieren. Sie wehrt seine Hand ab. Anschließend wirft sie sich den Rucksack auf den Rücken.

„Danke für deine Hilfe, Matho, das war sehr nett“, ihre Worte klingen kraftlos.

Beladen wie ein Packesel, steht sie trotzdem aufrecht. Sie will vor uns keine Schwäche zeigen. Ihren Körper hat sie im Griff, in ihrem Gesicht hingegen zeichnet sich pure Verzweiflung ab. Dabei kann ich nicht mal ihre Augen sehen, die mir mehr verraten könnten.

Was ich weiß: Sie ist keine Betrügerin. Da bin ich sicher.

  Sie nickt Matho und mir zu, dreht sich um und geht.

„Warte, wo willst du hin?“, ruft Matho ihr hinterher und sieht mich hilfesuchend an.

„Weg!“ Sie zieht die Kapuze ihres schwarzen Pullis tiefer ins Gesicht.

„Wir können sie nicht einfach so gehen lassen. Sie weiß doch gar nicht, wo sie hinsoll“, sagt Matho.

„Das ist nicht unser Problem.“

Mein Freund sieht mich wütend an, ehe er Zoey nachsetzt, die noch nicht sehr weit gekommen ist.

Kopfschüttelnd trotte ich hinterher und glaube mich verhört zu haben, als Matho sagt: „Zoey, wenn du magst, kannst du bei mir wohnen.“

Er schenkt ihr sein schönstes Junggesellenlächeln.

Ich stöhne, angewidert von seiner Art, ihr dieses Angebot zu unterbreiten.

Zoey mustert ihn kurz, bevor sie weitergeht.

Ich wundere mich über mich selbst, weil es mich ein kleines bisschen freut, dass sie nicht auf Mathos Angebot eingegangen ist.

Matho ist ein Frauenmagnet und viele Damen dieses kleinen Städtchens sind seinem Charme bereits erlegen. Die kleine New Yorkerin konnte er mit seinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein bisher nicht beeindrucken.

„Hast du toll gemacht, Kumpel. Sie mag dich“, ziehe ich ihn auf.

Matho ist sichtlich verwundert über diese Abfuhr, schließlich bekommt er nicht viele. Dann atmet er tief ein, um ihr anschließend wieder nachzueilen. Oh Mann, so langsam reicht es mir. Hat er neuerdings ein Helfersyndrom oder ist es sein Jagdtrieb, der ihn antreibt und ihn wie ein Hündchen hinter ihr herlaufen lässt?

„Du könntest nur für eine Weile bleiben, bis du was anderes gefunden hast.“ Sie bleibt stehen. Legt den Kopf schräg, denkt scheinbar über sein Angebot nach. Wieder ist diese allumfassende Verzweiflung auf ihren Gesichtszügen zu erkennen.

„Er wohnt in einem Loft“, sage ich schärfer als beabsichtigt.

Mathos Kopf ruckt zu mir. Er starrt mich an.

Ehrlich gesagt, habe ich keinen Schimmer, warum ich das gerade von mir gegeben habe. Ich gönne meinem Freund jedes Mädchen, aber strenggenommen sollte Zoey in diesem Moment mit mir im Auto sitzen, um bei mir zu wohnen.

Schnell schiebe ich den Gedanken beiseite, weil er nicht zu dem passt, was ich eigentlich will.

Nämlich meine Ruhe.

„Ein Loft“, wiederholt sie mit gerunzelter Stirn. 

„Offene Küche, offenes … Bad“, zähle ich auf.

„Ich habe kein offenes Bad, du Idiot!“ Er lässt es beleidigt klingen, aber ich höre den amüsierten Unterton in seiner Stimme.

Was ich dann sage, grenzt an geistige Umnachtung: „Du kannst im Haus auf der Ranch wohnen.“

Zoey sagt nichts.

Matho fällt die Kinnlade runter. Er kann wohl nicht glauben, was ich da gerade von mir gegeben habe.

Kann ich ja selber nicht. Eigentlich dürfte es mir egal sein, wo sie unterkommt, aber wenn ihr etwas zustoßen sollte, würde ich es mir vorwerfen. Genau wie Matho. Was nicht erklärt, warum ich möchte, dass sie mit mir fährt.

Ich verdränge den Gedanken.

„Wieso?“, will sie wissen.

Es verunsichert mich, dass ich ihre Augen durch die dunklen Brillengläser nicht sehen kann. Ich schaue Menschen gerne in die Augen. Dennoch weiß ich, dass sie meine Reaktion auf die Frage genau beobachtet.

Ich zucke mit den Schultern. „Es ist die einfachste Lösung.“

 Es macht den Anschein, als wollte sie wieder weglaufen.

 Ein kleiner Teil in mir, der Teil, der ihr versprach, sie könne das Haus haben, will sie unbedingt davon abhalten.

 Idiotisch, Ace. „Du müsstest mir aus dem Weg gehen. Ich kann niemanden gebrauchen, der mich bei der Arbeit stört, und ich habe keine Lust auf Gesellschaft, dafür hättest du deine Ruhe“.

Man kann es in ihrem Gehirn förmlich rattern hören. Ich habe anscheinend das Richtige gesagt, denn ihre Gesichtszüge werden weicher, sie entspannt sich ein wenig. 

„Hör zu, mir ist egal, wie du dich entscheidest, nur könntest du dich ein wenig beeilen, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Also, Loft oder Ranch?“

Zoey schnaubt leise und ich muss mir ein Grinsen verkneifen.

Mathos Lippen formen lautlos das Wort Arsch. Ja, kann sein.

Im Moment fühle ich mich eher wie jemand, der an einer Quiz-Show teilnimmt und auf die langersehnte Antwort wartet.

Wird sich Zoey Winter für die Ranch entscheiden und somit mein erster Urlaubsgast, oder geht sie mit Matho, um eventuell seine nächste Kerbe im Bettpfosten zu werden?

„Ranch“, raunt sie die Antwort und ich hole tief Luft.

Ich habe nicht bemerkt, dass ich den Atem angehalten habe.

In ihrem Gesicht kann ich ablesen, wieviel Überwindung es sie kostet. Sie würde lieber sterben, als um Hilfe zu bitten. Und das ist eine Eigenschaft, die ich nur zu gut kenne. Vielleicht haben wir Gemeinsamkeiten.

Ich greife nach der riesigen Tasche über ihrer Schulter. Komme Zoey dadurch so nah, dass mir ihr Geruch in die Nase steigt.

Vorsichtig lehne ich mich noch ein Stück zu ihr.

Zitrone.

„Das kann ich selbst“, schnauzt sie mich an.

„Ich weiß, aber das gehört zum Service, Miss Winter, also gib schon her.“ Sie schenkt mir ein aufgesetztes Lächeln, verabschiedet sich von Matho und setzt sich in den Truck.

 Matho grinst mich an und klopft mir auf die Schulter: „Dann bring das Mädchen mal in deine Höhle, Neandertaler.“