
„Scheiße“, flüstere ich und stelle fest, dass ich total blockiert bin. Wenn ich schon Probleme habe, einem Fan ein paar unverbindliche Worte zukommen zu lassen, wie unfähig bin ich dann geworden, überhaupt irgendwas zu Papier zu bringen?
Ein
Klopfen an meiner Tür lässt mich zusammenzucken. Ich schrecke auf und erhebe
mich vom Bett.
Sam!
„River?“,
höre ich von draußen.
„Komme!“,
kratze ich aus meiner trockenen Kehle, schreite zur Tür und öffne sie.
„Alles
klar?“, fragt Sam und sieht mich prüfend an. Er ist genauso groß wie ich. Seine
blauen Augen tragen eine gewisse Sorge in sich.
„Ich
… ja. Alles okay.“ Ich senke den Blick.
„Hat
sie geschrieben?“, fragt er, als er auf das Handy in meiner Hand sieht, das
noch immer hell erleuchtet ist.
„Äh,
ja“, murmele ich.
„Und?
War das Konzert gut oder mega gut?“, lacht er und schielt auf das Display, hält
kurz inne und sieht mich wieder an. „Vielen Dank? Du antwortest ihr?“
„Ich
weiß noch nicht“, sage ich und räuspere mich.
Sam
drängt sich an mir vorbei ins Zimmer. Ich schließe die Tür.
„Fuck
man, River. Die Kleine ist pünktlich wie die Schweizer Bahn, ha? Hat ihr das
Konzert gefallen? Wo hat sie gestanden?“
„Hinten.“
Ich lege das Handy auf dem Bett ab und stecke die Hände in die Hostentaschen.
„Sie hatte Kritik im Gepäck.“
Sam
lacht.
„Und
hat damit nicht hinterm Berg gehalten. Butternut hat sie
auseinandergenommen wie eine Weihnachtsgans.“
„Zurecht!“,
findet er. „Gully hatte keine Idee. Ich bin sicher, er hat den Vierzeiler beim
Abendessen mit Frau und Tochter zusammengemixt.“
Ich
schenke ihm ein halbes Lächeln.
„Dass
das Management zugestimmt hat, wundert mich. Wahrscheinlich nur, weil das Rad
sich gerade so gut dreht.“ Er zuckt mit den Schultern und sieht wieder zum
Handy. „Aber die Idee zu antworten, die finde ich nicht schlecht. Was hast du
zu verlieren?“
„Bitte?“,
lache ich kurz auf.
„Na“,
zuckt er mit den Schultern. „Im schlimmsten Fall gibst du dich nach zwei
Nachrichten als PR-Tussi aus. Das nimmt dich als Person aus dem Fokus.“
„Ich
weiß“, nicke ich. „Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“
Aufmerksam
sieht Sam mich an.
„Ich
will ihr das hier nicht kaputtmachen“, überlege ich. „Sie schreibt seit so
langer Zeit und ich vermute, dass das eine Art Ventil für sie ist. Wenn ich
antworte, nehme ich es ihr weg.“
Sam
schürzt die Lippen.
„Andererseits
schreibt sie mir. In meinem Postfach. Sie hat angefangen und führt seit Monaten
ein einseitiges Gespräch. Und die Ansätze, die sie hat, sind nicht schlecht.“
„Hast
du Erwartungen, wenn du ihr schreibst?“
„Nein“,
sage ich und bin ehrlich. „Ein Danke ist nicht verkehrt. Sie muss nicht wissen,
für was genau ich mich bedanke, das geht zu weit. Ich kann mich für die
Kritiken zu meinen Songs bedanken.“
Langsam
nickt Sam.
„Ich
kann ihre Fragen beantworten.“
„Welche
Fragen?“
„Kleinigkeiten.
Was mit Butternut gemeint ist. Was ich selbst nicht mal weiß“, lache ich
und fuchtele mit der Hand in der Luft herum. „Ansonsten belangloses Zeug. Ich …
will sie nicht vertreiben, aber …“
Sam
sieht mich an, während ich nach den richtigen Worten suche.
„Ihre
Nachrichten haben kein Fundament und ich denke, dass sie weiß, dass ihre
Gedanken im Nichts verpuffen. Dabei ist so viel Emotion darin enthalten. Es
wäre vielleicht schade, die Kraft, die sie aufwendet, und die Zeit, unbeachtet
zu lassen.“ Ich rede mir Argumente herbei, ihr zu antworten. Sams Floh in
meinem Ohr ist zu einem Elefanten in meinem Kopf geworden, an dem ich Gefallen
gefunden habe. Weil ich möchte, dass es weitergeht und ich will, dass das Netz,
was sie gestern Abend gesponnen hat, nicht reißt.
„Dann
mach das!“, nickt Sam. „Nimm das Handy und schreib ihr. Und dann guck, was
pas-siert.“
Ich
spüre, wie mein Herz schneller schlägt.
„Wenn
du das vorhast, weiß ich, du machst wenigstens heute keinen Unsinn.“ Er
entspannt sich und erst jetzt erkenne ich, wie müde er tatsächlich aussieht.
Die Augenringe, die sich dunkel auf seiner Haut abzeichnen, lassen erkennen,
dass ihm Schlaf fehlt. Ich vermute, ich sehe ganz ähnlich aus. „Ich lasse dich
allein, River. Dann kannst du dich sammeln.“
Ich
bringe Sam zur Tür und als ich zwei Minuten später wieder allein bin, greife
ich erneut zu meinem Telefon, öffne Fines Nachrichten, setze mich an den Rand
des Bettes und lösche auch das unverbindliche Vielen Dank wieder.






