
Zahlreiche Türen zäunten den Korridor. Zimmer, aus denen kein
Laut drang.
Nicht das leiseste
Lebenszeichen war zu hören.
Nichts.
Auf dem Flur
herrschte eine Totenstille, die selbst seine Schritte und das Rollen der
Kofferräder unnatürlich dumpf wirken ließ … als würde der Gang jedes Geräusch
verschlucken.
Ein endlos langer
Läufer bedeckte den Boden, auf dem ein verschlungenes Muster zu sehen war:
schwarze Linien, die sich schlangenhaft zu einem undurchdringlichen Geflecht
verzweigten. Das verworrene Teppichdesign erinnerte unwillkürlich an ein
Spinnennetz. Eine todbringende Falle, gewebt für ahnungslose Fliegen.
Gespenstische
Schatten spukten über die Holzvertäfelung. Für schaurige Sekunden hatte er das
Gefühl, sie bewegten sich nicht zufällig – sondern beobachtend. Die Leuchtröhre
oben an der Decke flackerte, und jedes Flimmern ließ das Dunkel an den Wänden
für einen Herzschlag länger wirken. Als würde es zögern, wieder zu weichen.
Etliche Schrammen
entstellten das kalkweiße Holz der Hotelzimmertüren, abscheulichen Narben
ähnlich. In regelmäßigen Abständen säumten hohe Ständer mit Zierkerzen den
Flurgang, alten Gaslaternen nachempfunden: Wachslichter hinter rechteckigen
Scheiben aus Mattglas, eingefasst in eiserne Halterungen mit Kuppel obendrauf.
Seinen Rollkoffer in
der Hand, blieb er vor der letzten Tür am Ende des Korridors stehen. 311 war auf einem
Messingschild über dem winzigen Guckloch eingraviert.
311 … 3.11. Die Zimmernummer ließ ein schmerzliches Lächeln über seine
Lippen huschen und erinnerte ihn daran, dass der dritte November nur noch
wenige Wochen entfernt war. Seinen Geburtstag würde er dieses Jahr
höchstwahrscheinlich einsam ohne jede Gesellschaft verbringen. Schließlich
stand er im Begriff, sein vorheriges Leben hinter sich zu lassen und sämtliche
Brücken zur Vergangenheit abzureißen.
Viele Stunden lang
war er gefahren – südwärts über nächtliche Straßen. Würde seine Flucht
gelingen? Zweifel hatten ihn längst eingeholt. Was, wenn es kein Entkommen gab?
Kein Versteck, das sicher war? Vielleicht waren die Schrecken bereits auf
seiner Spur, folgten ihm unbarmherzig, unaufhaltsam. Seine Ängste klammerten
sich an ihn wie Dämonen an einen schuldbeladenen Sünder.
Mit einem
beklemmenden Gefühl im Magen angelte er die Schlüsselkarte aus seiner
Jackentasche, die ihm der greise Kahlschädel unten im Foyer übergeben hatte.
Der metallene Slot oberhalb der Klinke glänzte unheimlich im fahlen Schein der
Flurbeleuchtung. Seine Finger zitterten, als er die Karte langsam hineinsteckte.
Ein kurzes Summen ertönte; die Tür glitt auf … lautlos, ohne Widerstand … und
enthüllte uferlose Dunkelheit.
Mit
zusammengekniffenen Augen erkannte er schwere Vorhänge, die drinnen vor die
Fenster gezogen waren. Von Bett und Mobiliar ließen sich lediglich die Umrisse
ausmachen. Ein merkwürdiger Modergeruch stieg ihm in die Nase, der sonst häufig
in muffigen Kellern oder auf staubigen Dachböden hauste – so dicht und alt,
dass er ihn instinktiv mit etwas Leblosem verband. Als würde das Zimmer
verwesen. Unweigerlich drängte sich der absonderliche Eindruck auf, dass der
Raum seit Urzeiten nicht mehr betreten worden war. Als wäre dieses Hotelzimmer
allein … auserwählten Gästen vorbehalten?
Als hätte es auf mich gewartet … ein Jäger, lauernd auf der
Pirsch, schoss ihm ein skurriler Gedanke durchs Hirn, den er durch
heftiges Kopfschütteln augenblicklich niederrang. Bin nur übermüdet … einfach erschöpft von der langen Fahrt, das ist
alles!
Durch die geöffnete
Zimmertür wehte ihm Kälte entgegen, die sich mit eisigem Griff in seiner Haut
festkrallte. Himmel, war die Heizung intakt? Für einen schaudernden Moment
packte ihn der Impuls, auf dem Absatz umzukehren und das Hotel schleunigst
wieder zu verlassen. Das Weite zu suchen und sich schnellstens in Sicherheit zu
bringen, bevor …
… es zu spät ist …?
Doch wohin? Er besaß
kein Zuhause mehr, wo er willkommen gewesen wäre. Keinen Ort, an den er
heimkehren konnte.
Zaghaft wagte er
einen Schritt näher, spähte angestrengt ins Dunkel und streckte den Arm nach
dem Lichtschalter aus, den er drinnen unmittelbar neben der Tür vermutete.
Vergebens tastete er ins Leere. Der Schalter musste sich irgendwo im Inneren
befinden – und die Taschenlampenfunktion seines Handys half ihm ebenfalls nicht
weiter. Das ausgeschaltete Gerät lag tief im Koffer verstaut. Schließlich
wollte er für niemanden erreichbar sein.
Frag den alten Knacker unten am Empfang wenigstens nach einem
anderen Zimmer!, rief ihm eine warnende Stimme in seinem Hinterkopf verzweifelt
zu. Aber in seinen Schuhen schienen Bleiklumpen zu stecken und der Weg zurück
zur Rezeption kam ihm plötzlich unerreichbar weit vor. Zweifellos, die
anstrengende Autofahrt und die ihn übermannende Müdigkeit forderten ihren
Tribut!
Bin halt im Eimer … Ich wette, morgen nach ‘ner ordentlichen
Runde Schlaf sieht die Welt schon anders aus …
Die Deckenleuchte
über seinem Kopf flackerte erneut.
Seufzend packte er
seinen Koffer, ein banges Klopfen in der Brust … trat zögerlich über die
Schwelle – und die Finsternis verschlang ihn, dem Schlund einer Bestie gleich.
***
Vier Tage später saß Dario im Büro seines Chefs Carsten Berger.
Seine Frühschicht hatte vor einer halben Stunde begonnen und draußen dämmerte
allmählich der Morgen – ein Blick aus dem Fenster verriet es. Trübe kroch der
neue Tag über Frankfurts Dächer, als wolle die Nacht nur widerwillig weichen.
Die Lichter der Straßenlaternen würden schätzungsweise in einigen Minuten
erlöschen, sterbenden Glühwürmchen in gläsernen Gefängnissen gleich.
Bergers Augen flogen
über die Zeilen von Darios Bericht, der die jüngsten Ereignisse rund um die
Entführung in der leer stehenden Fabrikhalle behandelte. »Ehrlich, ich verstehe
nicht, weshalb du dich auf solche Geschichten einlässt.« Schummriger
Morgenschimmer fiel durch die Scheibe und tauchte die steinernen Züge des
Kriminaldirektors in blassgraues Licht. »Du willst mir ernsthaft erzählen, die
Situation hat dir keine andere Wahl gelassen? Soweit ich informiert bin, trug Sebastian
Kessler nicht mal eine Schusswaffe bei sich.«
»Nein, aber ein Messer, mit dem er
den kleinen Felix bedroht hat – hab ich doch geschrieben! Als ich reinkam,
wollte der Mistkerl gerade zustechen. Konnte in dem Moment einfach nur an die Sicherheit
des Jungen denken!«
Mit skeptischer Miene blickte Berger von dem
ausgedruckten Schriftstück auf. Seine Mundfalten gruben sich tiefer in sein
Gesicht und ließen ihn, gemeinsam mit den ergrauten Schläfen, älter erscheinen,
als es seine Lebensjahre erlaubten. »Und dabei musstest du ihm direkt zwei
Finger und den halben Genitalbereich wegballern? Versehentlich, nehme ich an?«
Dario antwortete mit teilnahmslosem
Schulterzucken.
»Hättest du nicht wenigstens auf die Verstärkung
warten können, bevor du einen Kleinkrieg im Alleingang anzettelst?«
»Und währenddessen Däumchen drehen? Dann wäre das
Kind jetzt tot!«
»Wie steht es um die beiden, um Kessler und den
Jungen?«, erkundigte sich Berger.
»Felix ist wieder daheim bei seinen Eltern. Die
Familie erhält in den kommenden Tagen psychologische Unterstützung. Kessler
befindet sich im St. Elisabethen Krankenhaus. Ich vermute … na ja, die Ärzte
versuchen wahrscheinlich zu retten, was noch zu retten ist.«
»Das wird sicher ein Nachspiel haben. Du musst
dich auf rechtliche Konsequenzen einstellen – je nachdem, ob Kessler Anzeige
erstattet oder …«
»Komm endlich zur Sache«, unterbrach Dario
unwirsch. »Hast du mich bloß herbestellt, um mir eine Predigt zu halten?«
Sein Chef schnaubte. »Nein. Es geht um einen
Mord.«
»Wer? Wann? Wo?«
»Ein junger Mann. Stranguliert. Gestern Abend in
Erlenmoor – irgendein winziges Hundertseelendorf hinterm Taunus.«
»Tja … und? Sollen sich die Kollegen dort darum
kümmern.«
»Ich habe mit dem zuständigen Staatsanwalt
gesprochen. Er will einen Spezialisten – jemanden, der sich mit
Sexualverbrechen auskennt.«
»Ist es denn ein solches?«
»Das lässt sich bislang nicht mit Gewissheit
sagen, aber einiges deutet darauf hin. Dafür spricht, dass der Leichnam des
Opfers vollkommen unbekleidet war – und unter Umständen aufgefunden wurde, die
Fragen aufwerfen. Die Ermittlungen werden sicherlich eine Weile dauern. Ich
buche dir ein Zimmer. In der Gegend gibt’s ein kleines Landhotel. Abgelegen.
Ruhig.«
»Ach, Gottchen, wie heimelig!«, spottete Dario.
Berger sah ihn nur an, zuckte mit den Schultern.
»Allzu viel Auswahl hat das Kaff nicht zu bieten. Bist da sowieso nur zum
Schlafen.« Sein Blick ruhte ernst auf ihm. »Ein vorübergehender Tapetenwechsel
und ein bisschen frische Landluft wird dir bestimmt guttun. Wenigstens hoffe
ich, du richtest draußen in der Provinz weniger Schaden an. Also, übernimmst du
den Fall?«
Dario nickte knapp und verkniff sich ein missmutiges
Grummeln. Er kannte Berger bereits seit ihrer gemeinsamen Zeit als
Streifenpolizisten. Lange bevor sein jetziger Vorgesetzter die Regentschaft
über das administrative Reich angetreten hatte, waren sie beide
Patrouillengänger gewesen, knallhart und schlagfertig. Ihrer jahrelangen
Kollegialität allein war es wohl zu verdanken, dass Berger stets die schützende
Hand über ihn hielt – und aufgrund seiner blinden Gewaltaktionen oftmals ein
Auge zudrückte.
Während der vergangenen dienstfreien Tage hatten
die Erlebnisse in der Lagerhalle hinter Darios Schläfen weitergespukt: Die
Entführung, die kinderpornografischen Fotografien an den Wänden; die beiden
Schüsse, abgefeuert von seiner Dienstwaffe. Auf beängstigende Weise war ihm
schleichend bewusst geworden, dass er nur eine Haaresbreite davon entfernt
gewesen war, Sebastian Kessler zu erschießen und somit einen Menschen
umzubringen. Seine Sorge vor strafrechtlichen Konsequenzen wiederum hielt sich
vorerst in Grenzen. Tatsache war: Kessler hatte den kleinen Felix mit einem
Messer bedroht und Dario war zu blitzschnellem Handeln gezwungen gewesen.
Natürlich durfte man von ihm als geübtem Schützen wahrscheinlich eine
zielsicherere Leistung erwarten – aber letztendlich: Wer sollte ihm nachweisen,
dass er Kesslers lebensspendendem Körperteil nicht bloß durch einen tragischen
Zufall, quasi im Eifer des Gefechts, den Todesschuss versetzt hatte?
Sein jüngster Gewaltausbruch brachte Dario
dennoch zum Grübeln. Gedanken kreisten um jene Anflüge ausufernder Brutalität,
die sich seiner des Öfteren bemächtigten, seinen Verstand lähmten und zum
Äußersten trieben. Schon als Kind galt er unter seinen Lehrern als Hitzkopf:
Hamza aus der Grundschule, der Dario auf dem Pausenhof hänselte – und einen
ausgeschlagenen Eckzahn als Antwort kassierte. Boris in der achten Klasse – ein
Blick zu viel auf Darios Freundin, eine verbeulte Nase als Quittung. Tief in
seinem Inneren verbarg sich etwas Dunkles, das zuweilen die Kontrolle über
Darios Bewusstsein übernahm, sein Gewissen schachmatt setzte – und ihn nach
Blut lechzen ließ.
Der Kripochef überreichte ihm einen dünnen
Papierstapel, frisch aus dem Drucker. »Die ersten Ergebnisse der Untersuchungen
vor Ort.«
Wortlos hasteten Darios Augen über die
vollgetippten Seiten.
»Ich gebe den Kollegen in Erlenmoor Bescheid,
dass sie dich morgen erwarten dürfen. Und falls es Neuigkeiten wegen Kessler
gibt …« Ein halb unterdrückter Seufzer entfloh Bergers Mund. »Ich ruf dich an,
in Ordnung?«




