
Kapitel 1: Esther
Grün. Hier ist alles einfach nur grün. Grüne Weiden, grüne
Bäume, grüne Büsche. Sogar die Strommasten sind grün. Ach nein, nicht alles ist
grün. Ich habe das Grau vergessen. Den bleigrauen Himmel, der heute Abend
bestimmt wieder die grünen Wiesen einweichen und in braunen Schlamm verwandeln
wird. Grau wie das Leben meiner Mutter, die meinem Vater immer nach dem Mund
redet. Wenn sie überhaupt mal von ihrem Kochtopf aufschaut, um etwas zu sagen.
Mutter wird immer stiller, während Vater immer herrischer wird. Gestern Abend
hat er wieder auf sie eingeredet, sie unter den Tisch geredet, bloß weil sie
den Speck nicht bei seinem Lieblingsbauern gekauft hat. Ist doch wohl
scheißegal, wo der Speck herkommt, habe ich mich eingemischt und mich an den
Radieschen bedient. Überhaupt finde ich, sollte man den ganzen Fleischverbrauch
hier so langsam mal in den Griff kriegen. Mein Vater hat mich angestarrt, als
wäre ich gerade mit einer fliegenden Untertasse auf dem Küchentisch gelandet.
Dann hat er mich angemotzt, was ich mir überhaupt erlaube, ob ich meine
Hausaufgaben gemacht habe und ob ich auch nicht vergessen habe, dass morgen
Nachmittag die Verwandten aus der Stadt kommen. Ich habe ihm daraufhin
geantwortet, dass ich eigentlich nicht vorhatte, mit Tante Lise Eierlikör zu
trinken und Sahnetorte zu spachteln, sondern dass ich mit Steffi verabredet
bin, um den Samstagnachmittag auf den Talferwiesen zu verbringen. Nein, und
nochmals nein, hat Vater geantwortet und ist dabei knallrot geworden. Die
vertikale Ader auf seiner Stirn ist bedrohlich hervorgetreten, seine Kiefer
waren ganz angespannt, er schien so bereit wie der weiße Hai kurz vor dem
Angriff auf das kleine Fischerboot.
Das Ganze endete in einer wilden Diskussion, ich konnte einfach nicht still
bleiben. Meine Mutter hatte wie immer Tränen in den Augen und hat sich in die
Küche verzogen, um weinend den Abwasch zu erledigen und einen Versöhnungskuchen
in den Ofen zu schieben.
Der Streit um den heutigen Nachmittag ist noch nicht ausgestanden. Meine Tante,
der Onkel, die beiden Cousins und die Cousine meiner Mutter sind auf dem Weg
von Bozen hierher auf den Kohlerer Berg. In einer halben Stunde werden sie mich
in Beschlag nehmen und nicht mehr gehen lassen, bevor ich nicht mindestens zwei
Eierliköre getrunken und drei Stück Kuchen gegessen habe. Ich höre sie jetzt
schon sagen: „Na komm Liebes, iss doch noch ein Stückchen, an dir ist ja nichts
dran!“ Dann direkter Übergang zur Speckmarende. Ein wahrer Fresstag also.
Nichts gegen Essen, wirklich nicht, ich esse ja gerne. Aber bitte in der
richtigen Gesellschaft.
Ich habe nun also noch fünfundzwanzig Minuten Zeit, um eine folgenschwere
Entscheidung zu treffen. Will ich Streit mit meiner Familie, weil ich jetzt
gleich die Füße in die Hände nehme und zur Seilbahn renne, um in einer
zehnminütigen Fahrt in die Stadt hinunterzugondeln? Oder will ich Streit mit
Steffi, weil sie vergeblich an der Brücke auf mich wartet, um zu den
Talferwiesen zu gehen? Die Entscheidung fällt mir relativ leicht. Familie
bekommt man, Freunde sucht man sich. Als meine Schwester Elisabeth plötzlich am
Gartentor steht und nach mir ruft, renne ich schon so schnell die
Schotterstraße hinunter, dass die Kiesel nur so davonspritzen. Und wenn unser
Treffen erst mal fertig ist, dann wird die letzte Seilbahn schon längst
gefahren sein. Ups.
Mein Magen hebt und senkt sich bei jedem Seilbahnpfeiler, unter mir die vielen
Baumwipfel und noch etwas weiter unten die Stadt. Sie liegt in der Sonne,
während sich hinter dem Kohlerer Berg schwarze Wolken türmen. Bozen ist okay.
Mehr Menschen, mehr Welt, mehr Musik, mehr Leben. Nicht, dass es da
unten perfekt wäre, die Landeshauptstadt hat ordentliche Ecken und Kanten mit
ihren Superreichen, die gleich mehrere Läden unter den Lauben besitzen, und den
Armen, die im Winter auf den Stahlbänken im Bahnhofspark frieren. Mit uns Deutschen
und den Italienern, die es irgendwie miteinander aushalten, und dann doch
wieder nicht. Mit den Demos für die Autonomie unseres Landes. Mit den ganzen
Studentengrüppchen, die sich gerade bilden, um gegen Aufrüstung und Atomkriege
und Nuklearwaffen und ich weiß nicht was alles noch demonstrieren. Was ich ja
eigentlich auch richtig gut finde.
Bozen ist eben eine Stadt. Nicht gerade eine Großstadt, Bozen ist eher
übersichtlich. Robert würde wohl nie hierherkommen. Da muss ich mich schon in
einen Zug setzen und zu ihm fahren. Ich meine nicht zu ihm nach Hause, aber
vielleicht nach München, zu seinem nächsten Konzert. Robert Allen Zimmerman,
von allen nur Bob Dylan genannt. Ja, er ist nicht mehr der Angesagteste, ich
weiß. Jetzt stehen alle auf David Bowie. Der Mann mit den zwei verschiedenen
Augenfarben ist natürlich cool, aber ich werde Bob treu bleiben. Seine Texte
sagen so viel aus. Die Musik ist grooviger, ich kann mich bei ihm besser
bewegen. Als Steffi mich zum ersten Mal an ihrem Joint ziehen ließ, habe ich
danach zu seinen Akkorden getanzt. Die anderen haben gelacht, mir war es egal.
Als Lay Lady Lay dann zu Ende war, wollte ich den Kassettenrekorder das
Lied noch mal zurückspulen lassen und wieder an dem Joint ziehen, doch da lag
nur noch die Kippe im Gras.
Die Seilbahn schiebt sich mit heftigem Rütteln in ihre Schienen, die Tür geht
quietschend auf, ich verlasse die kleine, düstere Talstation und atme als
Erstes die stickige, heiße Stadtluft ein. Der Geruch minimaler, schnell
vergänglicher Freiheit schlägt mir entgegen. Staub, Abgase, ich laufe über die
Straße und übersehe, dass ich als Fußgängerin eigentlich rot gehabt hätte. Das
Auto hupt, die Reifen quietschen, ich hüpfe zurück auf den Gehweg. Der Fahrer
fährt rechts ran, kurbelt das rechte Seitenfenster herunter und grinst. Ich
kann mein Glück kaum fassen, es ist mein Lehrer, Herr Stadler. Ich spüre die
Hitze in meinen Wangen, als er seine rechte Augenbraue hebt.
„Vor wem bist du denn auf der Flucht?“, fragt er. Na, zumindest scheint er
nicht sauer zu sein.
„Ähm, also, eigentlich gar nicht“, stammle ich. „Wollte nur zu meinen
Freundinnen.“
„Wo musst du denn hin?“, fragt er nun, beugt sich herüber und öffnet die
Beifahrertür seines Kadetts.
Ich zögere kurz. Meint er es ernst? Lädt er mich gerade in sein Auto ein? Peter
Stadler. Nur seine Anwesenheit macht die Schule einigermaßen erträglich. Er
unterrichtet Deutsch und Politik. Er kennt die Welt, die Literaten, das
Weltgeschehen, hat Charisma. Und stechend blaue Augen. Außerdem spielt er in
einer Band, habe ich gehört. Gitarre. Wenn er mal ein Konzert gibt, stehe ich
auf jeden Fall in der ersten Reihe.
„Na, was ist? Soll ich dich ein Stück mitnehmen?“, fragt er noch einmal.
Ich hüpfe mit so viel Schwung auf den angebotenen Platz neben ihm, dass ich
fast auf seinem Schoß lande.
„Na hoppla“, lacht er. „Dann erzähl mal, wo soll es denn hingehen?“
„Einmal nach München bitte“, murmle ich und erwische mich dabei, wie ich
Stadler wieder anschmachte.
„Wie bitte?“, fragt er. Wieder zieht er die Braue hoch. „Ich glaube nicht, dass
wir das vor der letzten Seilbahn noch schaffen, und die möchtest du doch
sicherlich erwischen, oder?“
Ich richte mein Kleid. Gott, wie peinlich.
„Zu den Talferwiesen. Talferbrücke wäre auch in Ordnung.“
Ich schweige, lehne den Kopf in seine Richtung und ziehe meine Sonnenbrille
auf, damit er meine Blicke nicht sieht. Einatmen, ausatmen, ich muss so viel
wie möglich von seiner Aura einsaugen. Und während ich ihn anhimmle, fällt mir
auf, dass ich mich noch nicht einmal vorgestellt habe: Mein Name ist Esther,
ich bin achtzehn Jahre alt, komme aus Kohlern und werde bestimmt nicht
dortbleiben. Auch wenn es da oben am Berg noch so grün ist.
Kapitel 2: Annegret
Annegret legt den Kaffeelöffel beiseite und nimmt ein
Stückchen Torte auf. Sie sieht sich zwischen den Gästen um. Das Café Monika an
der Ecke zwischen der Mustergasse und dem Goethesträßchen in der Bozner
Stadtmitte ist bis auf den letzten Platz besetzt. Touristen aus Deutschland
mischen sich mit Touristen aus dem mittleren Italien. Die einen suchen die
wärmende Sonne, die anderen den kühlenden Nordwind, der in ihren Städten im
Sommer niemals wehen wird.
Annegret genießt die frische Käsesahne, die leicht nach Zitrone schmeckt. Wo
Sigrid nur bleibt, fragt sie sich. Hat ihr Mann sie wieder einmal nicht gehen
lassen? Sie ist froh, dass Peter nicht so ein Patriarch ist, der ihr die
gesamte Hausarbeit aufzwingt. Sie kann sich ohne Weiteres mit ihren Freundinnen
treffen und mit ihnen Kaffee trinken, einen Bummel durch die Bozner Lauben
machen oder auch mal tanzen gehen. Natürlich widmet sich auch Peter seinen
Hobbys, sofern seine Arbeit als Lehrer es ihm erlaubt. Heute wollte er
eigentlich am Nachmittag die Klassenarbeiten seiner Schüler korrigieren, doch
die hatte er im Lehrerzimmer liegen lassen. Also hatte er das Auto genommen und
war losgefahren. Annegret selbst hatte Sigrid angerufen und sich mit ihr zu
einem Kaffee in der Innenstadt verabredet.
„Da bin ich, bitte entschuldige, Annegret“, sagt Sigrid und wischt sich mit
einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Ich musste die Kinder noch baden,
sie hatten sich beim Spielen furchtbar schmutzig gemacht.“
„Ist schon gut, Sigrid. Hast du denn immer noch Streit mit deinem Mann?“
Sigrid schüttelt den Kopf, doch Annegret kennt den traurigen Blick ihrer
Freundin nur zu gut. Es ist nicht das erste Mal, dass Sigrid zu spät zu einer
Verabredung kommt, weil ihr Mann sie mit Lappalien davon abgehalten hat, das
Haus zu verlassen.
„Nein, nein. Es ist alles in Ordnung. Meine Verwandten in Sterzing werde ich
aber nur noch mit der ganzen Familie besuchen. Es funktioniert einfach nicht,
wenn Manfred mit den Kindern alleine zu Hause ist.“
„Aber es muss doch möglich sein, dass du ab und zu mal zu deiner Schwester
fahren darfst?!“, echauffiert sich Annegret. „Du bleibst ja nicht einmal über
Nacht. Das muss Manfred doch hinbekommen. Und sonst ist ja auch noch seine
Mutter da.“
Sigrid winkt ab. Annegret bemerkt, dass die Diskussion ihrer Freundin
unangenehm ist, doch sie kann sich kaum beherrschen. Das Verhalten von Sigrids
Mann macht sie wütend; noch wütender ist sie aber auf ihre Freundin, die sich
von Manfred unterkriegen lässt. Würde sie ihm doch nur einmal die Meinung
sagen, statt sich von ihm herumkommandieren zu lassen.
„Lassen wir uns nicht den wunderschönen Sommertag verderben.“ Sigrid wendet
sich an die Kellnerin. „Einen Eiskaffee, bitte. Mit viel Sahne.“
Annegret versucht, ihren Puls zu kontrollieren und nimmt ein weiteres Stückchen
Kuchen in den Mund. Der frische Geschmack ist weg, sie schmeckt nur noch die
Säure der Unterdrückung.
„Wie geht es eigentlich Peter?“, fragt Sigrid in die Stille hinein, die nur von
den Gesprächen der Touristen erfüllt wird.
„Gut, er ist gerade auf dem Weg zur Schule.“
„An einem Samstagnachmittag?“, fragt Sigrid ungläubig.
„Er hat die Schülerhefte vergessen, die holt er ab und setzt sich dann zu Hause
hin, um sie zu korrigieren.“
„Und du, Glückliche, darfst inzwischen hier sitzen und Kuchen essen … sag, hast
du eigentlich von Irmgard mal wieder etwas gehört? Ist ihr Sohn denn aus dem
Libanon zurückgekommen?“
„Nein“, antwortet Annegret. „Die Ärmste hat sich in ihrer Angst völlig
abgekapselt und will nicht einmal mehr ausgehen. Mal abgesehen davon, dass sie
es wirtschaftlich alleine kaum schafft, seitdem ihr Ältester beim Autounfall
ums Leben gekommen ist. So viele Schicksalsschläge auf einmal … Wenn man da
doch nur irgendetwas machen könnte, ich meine, was sollen denn diese jungen
Männer dort an der Front?“
„Andererseits haben sich die Jungen doch freiwillig gemeldet“, wendet Sigrid
ein.
„Ja, aber doch nur, weil der Einsatz so gut bezahlt wird. Meine Güte, mit ihren
achtzehn Jahren sind sie doch fast noch Kinder. Als ob sie in dem Alter schon
so schwerwiegende Entscheidungen treffen könnten! Die armen Eltern warten
täglich auf Briefe und den Bescheid, dass die Söhne endlich nach Hause
zurückkommen. Wenn sie nicht schon gefallen sind.“
Annegret deutet Sigrids Schweigen als Zustimmung und lehnt sich in ihrem
Korbstuhl zurück. Ein Lied von Joan Baez wird in der Bar nebenan gespielt,
leise dringen die Töne zu ihnen herüber, gehen dann und wann wieder in den
Gesprächen der Touristen und dem Geschrei der kleinen italienischen Kinder
unter. Baez singt vom Krieg, von einem jungen Soldaten namens Sasha. Die
Melodie ist so traurig und ängstlich wie Irmgards Augen, als sie ihr zum
letzten Mal beim Einkaufen begegnet ist. Baez’ Worte, die die Kriegsgrauen
beschreiben, sind hart und schonungslos. Plötzlich wird sie müde, der Kopf
schwirrt ihr. Sie ruft den Kellner zu sich, Sigrid sieht sie verwundert an.
„Du willst schon gehen? Wir sind doch erst eine Viertelstunde hier.“
„Wir gehen jetzt zu Irmgard. Ich muss mit ihr sprechen. Es kann einfach nicht
angehen, dass die Mütter hier verzweifeln. Es muss doch irgendeinen Weg geben,
ihren Buben zurückzuholen.“
„Ja, aber wie willst du das denn anstellen? Hast du etwa plötzlich irgendwelche
Verbindungen zum Militär?“, wirft Sigrid ein. In ihrer Stimme schwingt Skepsis,
aber auch Ehrfurcht mit, besonders, als sie das Wort „Militär“ ausspricht.
Annegret schüttelt den Kopf.
„Noch nicht. Aber diese Verbindungen lassen sich doch ganz bestimmt irgendwie
herstellen.“
Sigrid nimmt einige Lirescheine aus ihrem Portemonnaie und legt sie auf den
Tisch.
„Ich kann da leider nicht mitmachen. Aber sprich du ruhig mit Irmgard. Ich gehe
nach Hause und schaue nach dem Rechten.“
„Du kommst mit, Sigrid. Dein Mann kommt schon noch ein Stündchen ohne dich
zurecht. Wir brauchen jede Hand und jeden Kopf, um die richtigen Pläne zu
schmieden.“
„Was bist du doch für ein Hitzkopf, Annegret“, sagt Sigrid und lächelt zum
ersten Mal an diesem Nachmittag. „Du wirst noch eine Revolution anzetteln, ich
sehe es schon kommen!“




