Donnerstag, 22. Oktober 2026

[Schnipseltime] Am Ende des Korridors von Christian Tobias Krug

 

Zahlreiche Türen zäunten den Korridor. Zimmer, aus denen kein Laut drang.
     Nicht das leiseste Lebenszeichen war zu hören.
     Nichts.
     Auf dem Flur herrschte eine Totenstille, die selbst seine Schritte und das Rollen der Kofferräder unnatürlich dumpf wirken ließ … als würde der Gang jedes Geräusch verschlucken.
     Ein endlos langer Läufer bedeckte den Boden, auf dem ein verschlungenes Muster zu sehen war: schwarze Linien, die sich schlangenhaft zu einem undurchdringlichen Geflecht verzweigten. Das verworrene Teppichdesign erinnerte unwillkürlich an ein Spinnennetz. Eine todbringende Falle, gewebt für ahnungslose Fliegen.
     Gespenstische Schatten spukten über die Holzvertäfelung. Für schaurige Sekunden hatte er das Gefühl, sie bewegten sich nicht zufällig – sondern beobachtend. Die Leuchtröhre oben an der Decke flackerte, und jedes Flimmern ließ das Dunkel an den Wänden für einen Herzschlag länger wirken. Als würde es zögern, wieder zu weichen.
     Etliche Schrammen entstellten das kalkweiße Holz der Hotelzimmertüren, abscheulichen Narben ähnlich. In regelmäßigen Abständen säumten hohe Ständer mit Zierkerzen den Flurgang, alten Gaslaternen nachempfunden: Wachslichter hinter rechteckigen Scheiben aus Mattglas, eingefasst in eiserne Halterungen mit Kuppel obendrauf.
     Seinen Rollkoffer in der Hand, blieb er vor der letzten Tür am Ende des Korridors stehen. 311 war auf einem Messingschild über dem winzigen Guckloch eingraviert.
     311 … 3.11. Die Zimmernummer ließ ein schmerzliches Lächeln über seine Lippen huschen und erinnerte ihn daran, dass der dritte November nur noch wenige Wochen entfernt war. Seinen Geburtstag würde er dieses Jahr höchstwahrscheinlich einsam ohne jede Gesellschaft verbringen. Schließlich stand er im Begriff, sein vorheriges Leben hinter sich zu lassen und sämtliche Brücken zur Vergangenheit abzureißen.
     Viele Stunden lang war er gefahren – südwärts über nächtliche Straßen. Würde seine Flucht gelingen? Zweifel hatten ihn längst eingeholt. Was, wenn es kein Entkommen gab? Kein Versteck, das sicher war? Vielleicht waren die Schrecken bereits auf seiner Spur, folgten ihm unbarmherzig, unaufhaltsam. Seine Ängste klammerten sich an ihn wie Dämonen an einen schuldbeladenen Sünder.
     Mit einem beklemmenden Gefühl im Magen angelte er die Schlüsselkarte aus seiner Jackentasche, die ihm der greise Kahlschädel unten im Foyer übergeben hatte. Der metallene Slot oberhalb der Klinke glänzte unheimlich im fahlen Schein der Flurbeleuchtung. Seine Finger zitterten, als er die Karte langsam hineinsteckte. Ein kurzes Summen ertönte; die Tür glitt auf … lautlos, ohne Widerstand … und enthüllte uferlose Dunkelheit.
     Mit zusammengekniffenen Augen erkannte er schwere Vorhänge, die drinnen vor die Fenster gezogen waren. Von Bett und Mobiliar ließen sich lediglich die Umrisse ausmachen. Ein merkwürdiger Modergeruch stieg ihm in die Nase, der sonst häufig in muffigen Kellern oder auf staubigen Dachböden hauste – so dicht und alt, dass er ihn instinktiv mit etwas Leblosem verband. Als würde das Zimmer verwesen. Unweigerlich drängte sich der absonderliche Eindruck auf, dass der Raum seit Urzeiten nicht mehr betreten worden war. Als wäre dieses Hotelzimmer allein … auserwählten Gästen vorbehalten?
     Als hätte es auf mich gewartet … ein Jäger, lauernd auf der Pirsch, schoss ihm ein skurriler Gedanke durchs Hirn, den er durch heftiges Kopfschütteln augenblicklich niederrang. Bin nur übermüdet … einfach erschöpft von der langen Fahrt, das ist alles!
     Durch die geöffnete Zimmertür wehte ihm Kälte entgegen, die sich mit eisigem Griff in seiner Haut festkrallte. Himmel, war die Heizung intakt? Für einen schaudernden Moment packte ihn der Impuls, auf dem Absatz umzukehren und das Hotel schleunigst wieder zu verlassen. Das Weite zu suchen und sich schnellstens in Sicherheit zu bringen, bevor …
     … es zu spät ist …?
     Doch wohin? Er besaß kein Zuhause mehr, wo er willkommen gewesen wäre. Keinen Ort, an den er heimkehren konnte.
     Zaghaft wagte er einen Schritt näher, spähte angestrengt ins Dunkel und streckte den Arm nach dem Lichtschalter aus, den er drinnen unmittelbar neben der Tür vermutete. Vergebens tastete er ins Leere. Der Schalter musste sich irgendwo im Inneren befinden – und die Taschenlampenfunktion seines Handys half ihm ebenfalls nicht weiter. Das ausgeschaltete Gerät lag tief im Koffer verstaut. Schließlich wollte er für niemanden erreichbar sein.
     Frag den alten Knacker unten am Empfang wenigstens nach einem anderen Zimmer!, rief ihm eine warnende Stimme in seinem Hinterkopf verzweifelt zu. Aber in seinen Schuhen schienen Bleiklumpen zu stecken und der Weg zurück zur Rezeption kam ihm plötzlich unerreichbar weit vor. Zweifellos, die anstrengende Autofahrt und die ihn übermannende Müdigkeit forderten ihren Tribut!
     Bin halt im Eimer … Ich wette, morgen nach ‘ner ordentlichen Runde Schlaf sieht die Welt schon anders aus …
     Die Deckenleuchte über seinem Kopf flackerte erneut.
     Seufzend packte er seinen Koffer, ein banges Klopfen in der Brust … trat zögerlich über die Schwelle – und die Finsternis verschlang ihn, dem Schlund einer Bestie gleich.

***

 

Vier Tage später saß Dario im Büro seines Chefs Carsten Berger. Seine Frühschicht hatte vor einer halben Stunde begonnen und draußen dämmerte allmählich der Morgen – ein Blick aus dem Fenster verriet es. Trübe kroch der neue Tag über Frankfurts Dächer, als wolle die Nacht nur widerwillig weichen. Die Lichter der Straßenlaternen würden schätzungsweise in einigen Minuten erlöschen, sterbenden Glühwürmchen in gläsernen Gefängnissen gleich.
     Bergers Augen flogen über die Zeilen von Darios Bericht, der die jüngsten Ereignisse rund um die Entführung in der leer stehenden Fabrikhalle behandelte. »Ehrlich, ich verstehe nicht, weshalb du dich auf solche Geschichten einlässt.« Schummriger Morgenschimmer fiel durch die Scheibe und tauchte die steinernen Züge des Kriminaldirektors in blassgraues Licht. »Du willst mir ernsthaft erzählen, die Situation hat dir keine andere Wahl gelassen? Soweit ich informiert bin, trug Sebastian Kessler nicht mal eine Schusswaffe bei sich.«

     »Nein, aber ein Messer, mit dem er den kleinen Felix bedroht hat – hab ich doch geschrieben! Als ich reinkam, wollte der Mistkerl gerade zustechen. Konnte in dem Moment einfach nur an die Sicherheit des Jungen denken!«
     Mit skeptischer Miene blickte Berger von dem ausgedruckten Schriftstück auf. Seine Mundfalten gruben sich tiefer in sein Gesicht und ließen ihn, gemeinsam mit den ergrauten Schläfen, älter erscheinen, als es seine Lebensjahre erlaubten. »Und dabei musstest du ihm direkt zwei Finger und den halben Genitalbereich wegballern? Versehentlich, nehme ich an?«
     Dario antwortete mit teilnahmslosem Schulterzucken.
     »Hättest du nicht wenigstens auf die Verstärkung warten können, bevor du einen Kleinkrieg im Alleingang anzettelst?«
     »Und währenddessen Däumchen drehen? Dann wäre das Kind jetzt tot!«
     »Wie steht es um die beiden, um Kessler und den Jungen?«, erkundigte sich Berger.
     »Felix ist wieder daheim bei seinen Eltern. Die Familie erhält in den kommenden Tagen psychologische Unterstützung. Kessler befindet sich im St. Elisabethen Krankenhaus. Ich vermute … na ja, die Ärzte versuchen wahrscheinlich zu retten, was noch zu retten ist.«
     »Das wird sicher ein Nachspiel haben. Du musst dich auf rechtliche Konsequenzen einstellen – je nachdem, ob Kessler Anzeige erstattet oder …«
     »Komm endlich zur Sache«, unterbrach Dario unwirsch. »Hast du mich bloß herbestellt, um mir eine Predigt zu halten?«
     Sein Chef schnaubte. »Nein. Es geht um einen Mord.«
     »Wer? Wann? Wo?«
     »Ein junger Mann. Stranguliert. Gestern Abend in Erlenmoor – irgendein winziges Hundertseelendorf hinterm Taunus.«
     »Tja … und? Sollen sich die Kollegen dort darum kümmern.«
     »Ich habe mit dem zuständigen Staatsanwalt gesprochen. Er will einen Spezialisten – jemanden, der sich mit Sexualverbrechen auskennt.«
     »Ist es denn ein solches?«
     »Das lässt sich bislang nicht mit Gewissheit sagen, aber einiges deutet darauf hin. Dafür spricht, dass der Leichnam des Opfers vollkommen unbekleidet war – und unter Umständen aufgefunden wurde, die Fragen aufwerfen. Die Ermittlungen werden sicherlich eine Weile dauern. Ich buche dir ein Zimmer. In der Gegend gibt’s ein kleines Landhotel. Abgelegen. Ruhig.«
     »Ach, Gottchen, wie heimelig!«, spottete Dario.
     Berger sah ihn nur an, zuckte mit den Schultern. »Allzu viel Auswahl hat das Kaff nicht zu bieten. Bist da sowieso nur zum Schlafen.« Sein Blick ruhte ernst auf ihm. »Ein vorübergehender Tapetenwechsel und ein bisschen frische Landluft wird dir bestimmt guttun. Wenigstens hoffe ich, du richtest draußen in der Provinz weniger Schaden an. Also, übernimmst du den Fall?«
     Dario nickte knapp und verkniff sich ein missmutiges Grummeln. Er kannte Berger bereits seit ihrer gemeinsamen Zeit als Streifenpolizisten. Lange bevor sein jetziger Vorgesetzter die Regentschaft über das administrative Reich angetreten hatte, waren sie beide Patrouillengänger gewesen, knallhart und schlagfertig. Ihrer jahrelangen Kollegialität allein war es wohl zu verdanken, dass Berger stets die schützende Hand über ihn hielt – und aufgrund seiner blinden Gewaltaktionen oftmals ein Auge zudrückte.
     Während der vergangenen dienstfreien Tage hatten die Erlebnisse in der Lagerhalle hinter Darios Schläfen weitergespukt: Die Entführung, die kinderpornografischen Fotografien an den Wänden; die beiden Schüsse, abgefeuert von seiner Dienstwaffe. Auf beängstigende Weise war ihm schleichend bewusst geworden, dass er nur eine Haaresbreite davon entfernt gewesen war, Sebastian Kessler zu erschießen und somit einen Menschen umzubringen. Seine Sorge vor strafrechtlichen Konsequenzen wiederum hielt sich vorerst in Grenzen. Tatsache war: Kessler hatte den kleinen Felix mit einem Messer bedroht und Dario war zu blitzschnellem Handeln gezwungen gewesen. Natürlich durfte man von ihm als geübtem Schützen wahrscheinlich eine zielsicherere Leistung erwarten – aber letztendlich: Wer sollte ihm nachweisen, dass er Kesslers lebensspendendem Körperteil nicht bloß durch einen tragischen Zufall, quasi im Eifer des Gefechts, den Todesschuss versetzt hatte?
     Sein jüngster Gewaltausbruch brachte Dario dennoch zum Grübeln. Gedanken kreisten um jene Anflüge ausufernder Brutalität, die sich seiner des Öfteren bemächtigten, seinen Verstand lähmten und zum Äußersten trieben. Schon als Kind galt er unter seinen Lehrern als Hitzkopf: Hamza aus der Grundschule, der Dario auf dem Pausenhof hänselte – und einen ausgeschlagenen Eckzahn als Antwort kassierte. Boris in der achten Klasse – ein Blick zu viel auf Darios Freundin, eine verbeulte Nase als Quittung. Tief in seinem Inneren verbarg sich etwas Dunkles, das zuweilen die Kontrolle über Darios Bewusstsein übernahm, sein Gewissen schachmatt setzte – und ihn nach Blut lechzen ließ.
     Der Kripochef überreichte ihm einen dünnen Papierstapel, frisch aus dem Drucker. »Die ersten Ergebnisse der Untersuchungen vor Ort.«
     Wortlos hasteten Darios Augen über die vollgetippten Seiten.
     »Ich gebe den Kollegen in Erlenmoor Bescheid, dass sie dich morgen erwarten dürfen. Und falls es Neuigkeiten wegen Kessler gibt …« Ein halb unterdrückter Seufzer entfloh Bergers Mund. »Ich ruf dich an, in Ordnung?«


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