
Protagonisteninterview – Julia Vellberg aus Please Me
Hi, schön, dass du heute Zeit findest, ein wenig mit mir über das Buch zu sprechen.
Julia: Sehr gerne. Auch wenn es sich etwas seltsam anfühlt, über all das zu sprechen. Manche Dinge sind leichter zu erleben, als sie später in Worte zu fassen. Und einige Momente sind so intim, dass es mich fast beschämt. Aber ich glaube, dass dieses Interview wichtig ist. Für mich und für andere Frauen, denen es geht, wie mir.Wie geht es dir heute?
Würdest du dich meinen Lesern vorstellen?Julia: Heute? Besser. Ich glaube, das ist die ehrlichste Antwort, die ich geben kann. Es gab eine Zeit, in der ich auf diese Frage automatisch mit „gut“ geantwortet hätte. Ganz egal, wie es mir wirklich ging. Vielleicht, weil ich selbst nicht wahrhaben wollte, wie viel in meinem Leben gerade auseinanderbrach. Vielleicht auch, weil ich nicht wusste, wie ich über all das reden sollte, was passierte. Meine Mutter lag im Sterben und ich konnte nichts tun. Und dann war da Matteo. Ich habe Dinge getan oder zugelassen, von denen ich früher überzeugt gewesen wäre, dass ich sowas niemals tun würde. Ich habe mich einem Mann hingegeben, von dem ich wusste, dass er mir nicht guttun würde.Irgendwann war von der Julia, die ich einmal gewesen bin, nicht mehr viel übrig. Das war schwer für mich, weil ich nicht mehr wusste, wer ich war. Ich hatte alle meine Prinzipen verloren.Aber ich bin noch da. Also ja, heute geht es mir besser.
Was ist dein höchstes Lebensziel?Julia: Gern. Ich bin Julia Vellberg, 27 Jahre alt und arbeite in einer Anwaltskanzlei.Wenn du mich zu Beginn meiner Geschichte gefragt hättest, hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass ich ziemlich genau weiß, wer ich bin. Ich hatte klare Vorstellungen von Recht und Unrecht, weshalb ich gerne als Staatsanwältin gearbeitet hätte. Mir reichte meine kleine Vorstadt, aus der ich kam. Ein gutes Buch und die Natur.Aber dann wurde meine Mutter krank und ich wollte meine Eltern finanziell unterstützen. Es war das Einzige, was ich tun konnte. Deshalb kam ich nach Stuttgart, wo ich direkt in Matteos Arme lief… und in die Strafverteidigung. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie schwer das für mich war. Plötzlich sollte ich diejenigen verteidigen, die ich selbst verurteilte.Ich würde sagen, das letzte Jahr war ein ziemliches moralisches Dilemma für mich.
Wie kann man sich deinen ganz normalen Alltag vorstellen?Julia: Früher hätte ich wahrscheinlich etwas ganz Einfaches gesagt. Glücklich sein, eine Familie gründen. Irgendwas Bodenständiges. Und ein guter Mensch sein.Heute glaube ich, mein größtes Ziel ist ein anderes: ich möchte hinterfragen, ich möchte denen zuhören, denen keiner mehr glaubt. Ich will nicht diejenige sein, die den ersten Stein wirft.Ich glaube, ich musste mich verlieren, um mich selbst zu finden.Jetzt weiß ich, wer ich bin. Und ich weiß, dass ich das nie wieder verlieren will.
Welche Stolpersteine und Hoppalas würdest du gerne aus deinem Leben eliminieren?Julia: Vor all dem war mein Alltag tatsächlich ziemlich unspektakulär. Ich bin zur Arbeit gegangen, habe meine Familie gesehen, mich über Kleinigkeiten geärgert und mir Gedanken über Dinge gemacht, die mir heute manchmal fast beneidenswert normal vorkommen.Aber dann wurde meine Mutter krank und ich traf Matteo. Einen Mann, der mich mit einer Seite von mir konfrontierte, die ich selbst als schockierend und beschämend empfand. Und doch faszinierte sie mich. Ich gab mich hin, viel zu sehr. Ich redete mir das alles schön, redete mir ein, dass Matteo gar nicht so schlecht sei, dass er eine gute Seite habe und dass ich diejenige sein könnte, die ihn rettet.Das ist mein Alltag geworden: Arbeit und Sex mit Matteo.Dass ich mich dabei selbst verloren habe, habe ich viel zu spät gemerkt. .
Wenn du einen Wunsch frei hättest, wie würdest du ihn verwenden?Julia: Das ist schwierig. Ich weiß gar nicht, ob es Dinge gibt, die ich ungeschehen machen würde, wenn ich es denn könnte.Ich glaube, dass unsere Entscheidungen uns formen und zu dem machen, was wir sind. Natürlich würde ich gerne meine Mutter retten. Aber alles andere? Ich weiß nicht, ob ich es einfach löschen würde. Würde ich die Zeit zurückdrehen, um Matteo niemals kennenzulernen, oder das rote Zimmer niemals zu betreten? Ich glaube nicht.Ich habe viele Entscheidungen getroffen, bei denen ich gegen meine eigene Überzeugung gehandelt habe. Aber so widersprüchlich es auch klingt: auch die schlimmsten Dinge haben mich weitergebracht.Ich habe Seiten an mir kennengelernt, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren. Das war schrecklich beängstigend. Ich bin gefallen. Ziemlich tief sogar. Aber ich habe gelernt, dass Fallen nicht bedeutet, dass man liegenbleiben muss.Ich bin stärker als vorher. Und das verdanke ich gerade den schwierigen Zeiten.Abgesehen davon habe ich mit Matteo Dinge erlebt, die ihresgleichen suchen. (räuspert sich verlegen.)
Herzlichen Dank für deine Zeit.Julia: Meine erste Antwort wäre meine Mutter. Natürlich wäre sie das. Noch einmal ihre Stimme hören. Sie umarmen. Einen ganz gewöhnlichen Tag mit ihr verbringen, ohne Krankheit, ohne Angst davor, wie viel Zeit uns noch bleibt.Aber vielleicht würde sie mir sagen, dass ich meinen Wunsch nicht für etwas verwenden soll, das ich nicht mehr ändern kann.Dann würde ich mir wünschen, niemals wieder so weit von mir selbst entfernt zu sein, dass ich nicht mehr erkenne, wann ich meine eigenen Grenzen überschreite. Nicht weil ich nie wieder Fehler machen möchte. Sondern weil ich nie wieder das Gefühl haben möchte, mich selbst zu verlieren.
Julia: Danke. Ich würde gerne kurz noch etwas sagen: Meine Geschichte klingt an manchen Stellen wahrscheinlich wie die Geschichte einer Frau, die falsche Entscheidungen getroffen hat. Der Pakt mit dem Teufel (verdreht lächelnd die Augen).Ich habe falsche Entscheidungen getroffen. Zumindest für mich. Meine beste Freundin Lenny würde sagen, ich habe mit Matteo den Jackpot geknackt.Meine Geschichte mit Matteo ist intensiv. Sowohl moralisch als auch körperlich. Vor allem körperlich (zwinkert).Ich habe geliebt, wo ich hätte gehen sollen. Ich habe meine moralischen Vorstellungen verraten. Ich habe mich selbst belogen. Und manches davon hat mich beinahe zerstört.Aber ich glaube, dass alles, was dieses Buch erzählt, nicht das Leben einer Frau ist, die naiv und dumm war, denn dann würde ich nicht zulassen, dass man sie erzählt. Dann wäre ich nicht hier.Ich bin hier, weil ich Frauen Mut machen möchte. Wir dürfen fallen. Wir dürfen Grenzen überschreiten. Wir dürfen uns dieser Seite hingeben, ohne uns zu schämen.Wir dürfen uns nur nicht verlieren.Wenn wir das schaffen – uns selbst zu akzeptieren, wie wir sind –, verlieren wir uns auch in einem Mann wie Matteo nicht mehr. Dann sind wir kein Objekt. Dann entscheiden wir selbst.
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