
Matteo
grüßt mich nicht, als ich das Büro betrete. Er sieht nicht einmal zu mir hoch
und doch weiß ich, dass er jeden meiner Schritte verfolgt. Erst als ich direkt
vor ihm stehe und ihm den Briefumschlag hinhalte, kann er mich nicht mehr
ignorieren.
»Was ist
das? Deine schriftliche Entschuldigung?« Er greift nach dem Brief, seine rechte
Augenbraue hebt sich leicht. Er will vermutlich witzig sein, aber ich bin zu
wütend, um darauf einzugehen.
»Meine
Kündigung.« Meine Stimme
klingt selbst für mich erstaunlich fest. Ich bin mir sicher in meiner
Entscheidung, und doch hatte ich auf dem Weg hierher gezweifelt, ob ich das –
direkt in seine Augen blickend – auch umsetzen kann. Ich weiß nur zu gut, wie
stark sein Einfluss auf mich ist. Aber hier stehe ich: selbstbewusst und entschlossen. Matteo
sieht mich für den Bruchteil einer Sekunde an, als würde ein Geist vor ihm
schweben, doch sein Gesichtsausdruck versteinert so schnell, dass ich mir diese
Verwirrung seinerseits auch nur eingebildet haben könnte. Das provokante
Grinsen, das seine Lippen nun umspielt, ist allerdings definitiv keine
Einbildung.
»In dem
Fall kannst du das Schreiben behalten. Du wirst nicht kündigen.« Er hält mir den ungeöffneten Umschlag wieder
hin.
»Ich habe das Recht zu kündigen. Ich
werde nicht mehr für dich arbeiten. Ich werde dir nicht noch einmal helfen,
einen Schuldigen zu decken.«
»Deine Moralvorstellungen. Verstehe.« Er
nickt, aber in seinen Augen blitzt es. Kein Verständnis. Nur Spott. »Glaubst
du, du kommst dafür in die Hölle?«
Ich sage nichts. »In der
Hölle ist es wenigstens heiß… Jule.«
»Hör auf, mich Jule zu nennen.« Ich
hasse es. Ich hasse, wie er diesen Namen sagt. Wie er in mir ins Ohr haucht,
wenn er eindeutige Absichten hat.
»Diese Jule gefällt mir aber viel besser
als dieser Moralzwerg Julia.«
Er lehnt sich zurück, zufrieden mit sich selbst. Als hätte er das letzte Wort
gesprochen. Er könnte es mir gar nicht leichter machen, diese Tür hinter mir
zuzuziehen und für immer zu verschwinden. Gerade verabscheue ich ihn zutiefst.
»Ich
werde nicht mehr für dich arbeiten.«
Mit einem entschlossenen Ruck schmettere ich den Brief auf seinen Schreibtisch.
»Dann
schuldest du mir 25.000 Euro.«
»Was?« Ich
halte inne. Mitten im Schritt drehe ich mich ihm wieder zu.
»Du bist
gut, keine Frage. Aber nicht so gut, dass ich dir 25.000 Euro für vier Wochen
zahle.« Sein
Grinsen ist verschwunden und durch eine Maske aus Arroganz und Berechnung
ersetzt.
»Du weißt genau, dass ich das Geld in die
Behandlung meiner Mutter investiert habe.«
»Wo wir wieder am Anfang wären: Du
kündigst nicht.« Matteo
lehnt sich vor, stützt das Kinn auf die gefalteten Hände und mustert mich. »Ist
sonst noch was?« Ich
kann mich nicht bewegen. Wie versteinert stehe ich vor seinem Schreibtisch,
starre ihn an und weiß nicht, ob ich vor Wut schreien oder vor Verzweiflung
weinen will.
»Du
kannst mich doch nicht zwingen, für dich zu arbeiten.« Von meiner
selbstsicheren Haltung ist nichts mehr übrig. Meine Stimme ist nur noch ein
schwaches Flüstern.
»Das tue
ich nicht. Ich habe dir einen rechtlich sauberen Deal angeboten. Du hast deinen
Vertrag doch gelesen, oder?«
Ja. Ja, das hatte ich.
»Das ist
ein Deal, den ich mir nicht leisten kann.«
»Nicht
mein Problem.« Er
zuckt mit den Schultern, als ginge es um die Auswahl eines Kaffees. »Es ist
ganz einfach, Jule: Solange du nicht zahlen kannst, arbeitest du deine Schuld
ab. Ein Jahr. Das hast du unterschrieben.« Matteo hat recht. So stand es im
Vertrag. Ich habe zugestimmt. Ich habe genau das unterzeichnet. Ich hatte es
verdrängt oder gehofft, dass er mich dennoch gehen lässt.
»Das kannst du nicht tun.« Ich
weiß nicht einmal mehr, ob ich zu ihm spreche oder zu mir selbst. Matteo
antwortet dennoch.
»Ich kann alles tun. Glaub mir.« Er
nimmt den Brief, reißt ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, in zwei Hälften und
wirft ihn in den Papierkorb.
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