Sonntag, 27. September 2026

[Schnipseltime] Please Me - Nimm mich - und ich vergesse, wer ich bin. von Johanna Maria K.


 

Matteo grüßt mich nicht, als ich das Büro betrete. Er sieht nicht einmal zu mir hoch und doch weiß ich, dass er jeden meiner Schritte verfolgt. Erst als ich direkt vor ihm stehe und ihm den Briefumschlag hinhalte, kann er mich nicht mehr ignorieren.

    »Was ist das? Deine schriftliche Entschuldigung?« Er greift nach dem Brief, seine rechte Augenbraue hebt sich leicht. Er will vermutlich witzig sein, aber ich bin zu wütend, um darauf einzugehen.

     »Meine Kündigung.« Meine Stimme klingt selbst für mich erstaunlich fest. Ich bin mir sicher in meiner Entscheidung, und doch hatte ich auf dem Weg hierher gezweifelt, ob ich das – direkt in seine Augen blickend – auch umsetzen kann. Ich weiß nur zu gut, wie stark sein Einfluss auf mich ist. Aber hier stehe ich: selbstbewusst und entschlossen. Matteo sieht mich für den Bruchteil einer Sekunde an, als würde ein Geist vor ihm schweben, doch sein Gesichtsausdruck versteinert so schnell, dass ich mir diese Verwirrung seinerseits auch nur eingebildet haben könnte. Das provokante Grinsen, das seine Lippen nun umspielt, ist allerdings definitiv keine Einbildung.

    »In dem Fall kannst du das Schreiben behalten. Du wirst nicht kündigen.«  Er hält mir den ungeöffneten Umschlag wieder hin.

    »Ich habe das Recht zu kündigen. Ich werde nicht mehr für dich arbeiten. Ich werde dir nicht noch einmal helfen, einen Schuldigen zu decken.«

    »Deine Moralvorstellungen. Verstehe.« Er nickt, aber in seinen Augen blitzt es. Kein Verständnis. Nur Spott. »Glaubst du, du kommst dafür in die Hölle?« Ich sage nichts. »In der Hölle ist es wenigstens heiß… Jule.«

    »Hör auf, mich Jule zu nennen.« Ich hasse es. Ich hasse, wie er diesen Namen sagt. Wie er in mir ins Ohr haucht, wenn er eindeutige Absichten hat.  

    »Diese Jule gefällt mir aber viel besser als dieser Moralzwerg Julia.« Er lehnt sich zurück, zufrieden mit sich selbst. Als hätte er das letzte Wort gesprochen. Er könnte es mir gar nicht leichter machen, diese Tür hinter mir zuzuziehen und für immer zu verschwinden. Gerade verabscheue ich ihn zutiefst.

    »Ich werde nicht mehr für dich arbeiten.« Mit einem entschlossenen Ruck schmettere ich den Brief auf seinen Schreibtisch.

    »Dann schuldest du mir 25.000 Euro.«

    »Was?« Ich halte inne. Mitten im Schritt drehe ich mich ihm wieder zu.

    »Du bist gut, keine Frage. Aber nicht so gut, dass ich dir 25.000 Euro für vier Wochen zahle.« Sein Grinsen ist verschwunden und durch eine Maske aus Arroganz und Berechnung ersetzt.

    »Du weißt genau, dass ich das Geld in die Behandlung meiner Mutter investiert habe.«

    »Wo wir wieder am Anfang wären: Du kündigst nicht.« Matteo lehnt sich vor, stützt das Kinn auf die gefalteten Hände und mustert mich. »Ist sonst noch was?« Ich kann mich nicht bewegen. Wie versteinert stehe ich vor seinem Schreibtisch, starre ihn an und weiß nicht, ob ich vor Wut schreien oder vor Verzweiflung weinen will.

    »Du kannst mich doch nicht zwingen, für dich zu arbeiten.« Von meiner selbstsicheren Haltung ist nichts mehr übrig. Meine Stimme ist nur noch ein schwaches Flüstern.

    »Das tue ich nicht. Ich habe dir einen rechtlich sauberen Deal angeboten. Du hast deinen Vertrag doch gelesen, oder?« Ja. Ja, das hatte ich.

    »Das ist ein Deal, den ich mir nicht leisten kann.«

    »Nicht mein Problem.« Er zuckt mit den Schultern, als ginge es um die Auswahl eines Kaffees. »Es ist ganz einfach, Jule: Solange du nicht zahlen kannst, arbeitest du deine Schuld ab. Ein Jahr. Das hast du unterschrieben.« Matteo hat recht. So stand es im Vertrag. Ich habe zugestimmt. Ich habe genau das unterzeichnet. Ich hatte es verdrängt oder gehofft, dass er mich dennoch gehen lässt.

    »Das kannst du nicht tun.« Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich zu ihm spreche oder zu mir selbst. Matteo antwortet dennoch.

    »Ich kann alles tun. Glaub mir.« Er nimmt den Brief, reißt ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, in zwei Hälften und wirft ihn in den Papierkorb.                                              

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