Samstag, 26. September 2026

[Schipseltime] Lebensraub von Johanna Koers

 

»Val?« Samuel legte die Tür hinter sich ins Schloss. Sie bemühte sich nicht, die Tränen zu verbergen. Er hatte das Gespräch der Frauen mitbekommen. Er wusste genau, wie sehr sie dieses Thema belastete.

»Ich freue mich für sie, aber…«

»Ich weiß.« Mittlerweile war er am Fenster bei ihr angekommen. Als er sie an sich heranzog, um sie in die Arme zu schließen, lehnte sie ihren Kopf an seine Brust. Seine Hand streichelte tröstend ihren Rücken. Die nackte Haut, die das Kleid nicht bedeckte, war im kaum beheizten Büro schnell kalt geworden. Valeria spürte diese Kälte nicht. Gerade tat es ihr einfach gut, seinem Herzschlag zu lauschen. Als sie vor zwei Wochen endgültig erfahren hatte, dass sie keine Kinder kriegen konnte, hatte sie sich wie vom schweren Güterzug überrollt gefühlt. Es war nicht nur ein Traum, der vor ihren Augen wie eine große, wunderschöne Seifenblase zerplatzte. Es war ein Gefühl von Leere und Trauer, das ihren ganzen Körper einnahm. Sie weinte um das Kind, das sie niemals haben würde.

Das Strahlen im Gesicht ihrer Kollegin, die ihnen eröffnet hatte, dass sie schwanger war, die Glückwünsche der anderen Frauen… Es hatte sie nur unweigerlich schmerzlich an das erinnert, was ihr für immer verwehrt blieb.

»Du weißt, dass es andere Möglichkeiten gibt.« Samuel nahm die Hand von ihrem Rücken, als Valeria sich von seiner Brust gelöst und sich an die Fensterbank angelehnt hatte.

»Adoption?«

»Zum Beispiel.« Wie Samuel eben von Natur aus war, hatte er nur einen Tag nach der bitteren Nachricht Alternativen vorgeschlagen. Valeria wusste, dass Samuel ihr die Traurigkeit nehmen wollte, dass er Lösungen suchte, damit sich ihr gemeinsamer Kinderwunsch erfüllte. Es war nicht nur sein Bedürfnis nach Harmonie, es war sein Streben danach, dass die Frau, die er liebte, glücklich war. »Du liebst deine Eltern und deine Eltern lieben dich. Es wäre unser Kind.«

»Hmm.« Valeria atmete tief ein, seufzte, bevor sie ihm ein Lächeln schenkte. Es wirkte weder bejahend noch glücklich.

»Du kannst darüber nachdenken, solange du willst. Es eilt nicht und wenn du dich dagegen entscheidest, ist das auch vollkommen in Ordnung. Ich liebe dich. Ganz egal, ob wir ein Kind haben werden oder nicht. Das ändert gar nichts daran, okay?« Samuel war sich nicht sicher, ob er ihr Nicken überzeugend fand. Nach der Hochzeit hatten sie es jahrelang versucht, doch Valeria war nie schwanger geworden. Als sie sich auf Anraten ihrer Mutter hatte untersuchen lassen, war das Ergebnis niederschmetternd gewesen – vor allem für Valeria. Die Tatsache, dass sie keine Kinder bekommen konnte, zerstörte nicht nur ihren Traum einer eigenen kleinen Familie, es ließ sie auch an ihrem Selbstwert als Frau zweifeln. Sie sprach es nicht so deutlich aus, aber Samuel konnte spüren, dass sie mit sich selbst kämpfte. Gedanken, die er ihr so gerne nehmen würde. Eine Adoption war das Erste, was ihm in den Sinn gekommen war, nachdem er die Nachricht verdaut hatte. Valeria war – obwohl sie mit neun Jahren bei ihrer eigenen Adoption schon recht alt gewesen war – das Wichtigste für ihre Eltern. Die Bindung, die sie zu ihnen hatte, war stark und innig. Zugegeben war er fast ein wenig überrascht, dass es gerade Valeria war, die einer Adoption gegenüber Skepsis zeigte. Vielleicht  brauchte sie einfach Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden. Aber selbst wenn nicht - selbst wenn Valeria sich gegen diesen Weg entscheiden würde - wäre das in Ordnung für ihn. Er brauchte kein Kind, um glücklich zu sein. Er war glücklich – glücklich mit Valeria.

»Ich werde darüber nachdenken«, holte sie ihn aus seinen Gedanken. Die Tränen hatte sie getrocknet. »Ich liebe dich auch«, nickend beugte sie sich vor, gab ihm einen Kuss. Er konnte die salzigen Tränen noch auf ihren Lippen schmecken. Anschließend wartete er, bis Valeria ihr Make-up wieder nachgelegt hatte, bevor sich beide wieder unter ihre Gäste mischten. Immer wieder schaute er zu ihr rüber, vergewisserte sich, dass es ihr gut ging. Jedes Mal, wenn er sich nach ihr umsah, war sie in ein Gespräch vertieft, lächelte und war offensichtlich gut zufrieden. Dass sie über die Adoption nachdenken würde, freute ihn. Als die Uhrzeiger den Abend einläuteten, wandte er sich an die Anwesenden, sprach Dankbarkeit für ihr Erscheinen aus und übergab das Wort dann an seine Frau, die sich um die Spenden kümmerte.

»Ich danke euch - wie mein Mann - dafür, dass ihr unserer Einladung so zahlreich gefolgt seid. Ihr wisst, wieso ich hier stehe. Mein Spendenscheck ist der erste, der heute Abend in dieser Box landet…«, demonstrativ ließ Valeria das kleine Blatt Papier in den dafür vorgesehenen gesicherten Kasten verschwinden. Sie freute sich schon jetzt darauf, all die Geldspenden zu übergeben – nicht persönlich, dafür hatte sie jemanden engagiert. Valeria selbst war seit ihrer Adoption nie wieder in Rumänien gewesen. Sie wollte es nicht. Nicht, als ihre Eltern es ihr angeboten hatten. Nicht, als sie achtzehn war und selbst hätte fahren können. Auch nicht, als Samuel sie danach gefragt hatte. Sie sammelte die Spenden, sie nahm Hilfspakete entgegen, sie spendete selbst regelmäßig hohe Geldsummen, aber sie war nie nach Rumänien zurückgekehrt. »Ich bedanke mich schon jetzt für eure Unterstützung. Die Waisenkinder in Rumänien brauchen…«, sprach Valeria gerade weiter, als sie mitten im Satz abbrach. Für einen Moment stand sie irritiert und verloren dort. Als Samuel ihrem Blick folgte, sah er nichts Auffälliges.

»Alles okay?«, formten seine Lippen wortlos, als er ihren Blick eingefangen hatte. Eine Antwort bekam er nicht. Valeria wandte sich wieder ab, den Gästen zu, entschuldigte sich für die Unterbrechung und sprach dann weiter. Sie hatte ihre Ansprache deutlich abgekürzt, als sie das Rednerpult wieder ihrem Mann überließ und Richtung Büro verschwand. Als Samuel ihr endlich folgen konnte, hatte sie ihren Mantel bereits übergeworfen.

»Was ist los? Wo willst du hin?«

»Ich…«, stotterte Valeria, während sie schon die Autoschlüssel des Firmenwagens aus dem kleinen Tresor seines Schreibtisches holte. »Ich muss.« Ihr Blick ging zum Fenster, sie schaute raus, dann wandte sie sich Samuel wieder zu. »Ich brauche einfach ein paar Tage für mich.«

»Was? Wie? Valeria?« Samuel hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Was war passiert, dass sie nun so plötzlich von dieser Feier verschwinden wollte?

»Ich kann das hier gerade nicht.«

»Okay…«, lenkte er ein. Vielleicht war die Traurigkeit von vorhin doch noch nicht ganz verschwunden oder sie hatte sie gerade wieder eingeholt. »Fahr nach Hause. Ich komme später nach und dann reden wir ganz…«

»Ich will nicht reden, Samuel. Ich brauche ein paar Tage für mich. Allein.« Unverständlich, mit der plötzlichen Veränderung überfordert, schüttelte Samuel nur sprachlos den Kopf. »Ich werde mir ein Hotel buchen. Ein paar Tage Ruhe werden mir guttun. Bitte, lass mich einfach fahren, ja?«

»Und wo willst du hin?«

»Keine Ahnung. Ich werde schon was finden.«

»Val…«

»Gib mir einfach ein bisschen Zeit. Ich muss ein paar Dinge für mich klären und dann komme ich wieder nach Hause und alles wird gut, ja?« Einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen. Samuels Blick ruhte auf ihr, er versuchte aus dem, was seine Frau da gerade sagte, schlau zu werden. Hinter der Tür über den Flur hinweg konnte er die Gäste reden hören. Ein Meer aus Stimmen. Gerade wollte er am liebsten alle wegschicken, Valeria ins Auto packen und mit ihr nach Hause fahren. »Ich muss jetzt los. Ich werde zuhause vorbeifahren, ein paar Sachen einpacken. Bitte… gib mir einfach ein bisschen Zeit.« Ohne auf seine Zustimmung oder Antwort zu warten, beugte sie sich vor, gab ihm einen Kuss auf die Wange und ließ ihn unverrichteter Dinge in seinem Büro zurück.


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