Donnerstag, 10. September 2026

[Schnipseltime] Brisante Brandung von Katja Kleiber

 

 

 

Man gönnt sich ja sonst nichts. Das Hotel war etwas zu teuer für Barbaras Budget, was ihr heute egal war. Während der katalanische Küstenort unter der Sommerhitze stöhnte, waren die Räume hier perfekt klimatisiert. Viel Glas, Fliesen und Marmor sowie moderne Möbel trugen zu einem luxuriösen Stil bei. Palmen und andere Indoor-Pflanzen sorgten für den südlichen Flair.

Barbara liebte ihr eigenes Apartment mit Blick aufs Meer, aber es war ein wenig beengt. Da die Immobilienpreise in Cambrils unverschämt waren, hatte sie sich mit einigen wenigen Quadratmetern begnügen müssen. Zu ihrem 55. Geburtstag hatte sie sich daher ein Wochenende in einem Luxushotel gegönnt. Allein das Zimmer war größer als ihr Wohnzimmer mit der kleinen Küchenecke. Sie genoss den Luxus des Hotels, insbesondere das Spa. Gestern Abend hatte sie in der Sauna geschwitzt, bis ihre Haut ganz schrumpelig geworden war.

Nun hatte sie sich aus dem Bett gequält, um noch vor dem Frühstück ein paar Schwimmzüge zu machen.

Sie fuhr mit dem Aufzug ins oberste Stockwerk und folgte den Hinweisschildern zu dem Infinity-Pool. Als sie um die Ecke des Ganges bog, stand auf einmal ein Mann vor ihr, der ihr vage bekannt vorkam.

Er trug einen Blaumann und hatte einen Werkzeugkoffer in der Hand. Er war ungefähr in ihrem Alter. Ihr Blick fiel auf seine Füße: Sandalen und weiße Socken!

Da fiel ihr ein, woher sie ihn kannte. Das war Carlos, der Freund ihrer Yogalehrerin. „Hola“, sagte sie und zog ihren Bademantel enger um sich. Sie hatte in letzter Zeit zugelegt und wollte vermeiden, dass er einen Blick auf ihre üppigen Kurven warf.

„Moin“, antwortete Carlos fröhlich.

Egal, wie lange er schon in Spanien lebte, er würde immer ein Hamburger Jung bleiben, vermutete sie. Normalerweise wäre sie einem Schwätzchen nicht abgeneigt, aber wenn sie sich zu lange mit dem Schwimmen aufhielt, käme sie zu spät zum Frühstück. Womöglich wären die besten Bissen vom Büffet schon weg. Dabei hatte sie das Hotel unter anderem wegen des hervorragenden Essens ausgewählt. Und wegen des Spas und des Infinity-Pools natürlich. Sie wollte ein paar Kilos verlieren. Okay, an einem Wochenende wären wohl nur ein paar Gramm drin, aber das sollte möglich sein.

Also nickte sie Carlos zu und setzte ihren Weg fort. Da es wirklich früh war, war sie die Erste und Einzige am Pool. Sie legte ihr orange-gelb-gestreiftes Handtuch in den Spind mit ihrer Zimmernummer. Den Bademantel platzierte sie auf einer Liege und ging zu der Treppe, die ins Wasser führte. Einen Kopfsprung würde sie in ihrem Alter nicht mehr hinlegen. Sie war zufrieden, dass sie sich überhaupt aufgerafft hatte, Frühsport zu machen.

Einen Moment hielt sie inne und genoss den Blick über das Blau des Pools hinweg in die Ferne. Das Meer glitzerte im ersten Sonnenlicht. Es schien tatsächlich, als ob das Wasser des Schwimmbeckens nahtlos in Mittelmeer übergehen würde. Als könnte sie von hier oben in die See hinaus schwimmen.

Ein Sonnenstrahl kitzelte ihre Nase und lenkte sie von der Aussicht ab.

Sie ging vorsichtig die Treppe hinab und hielt sich dabei am Geländer fest, um nicht auszurutschen. Als ihr das kühle Wasser bis zu den Oberschenkeln reichte, blieb sie stehen. Sie blickte auf und bemerkte, dass sie doch nicht alleine war.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Beckens, ganz hinten schwamm ein Mann. Eigentlich schwamm er nicht, sondern spielte ‚Toter Mann‘. Seine Arme und Beine waren weit ausgebreitet, sein Gesicht unter Wasser. Er bewegte sich möglichst wenig.

Barbara hatte als Kind mit ihren Freundinnen gewettet, wer es länger schaffte, ohne eine Schwimmbewegung auf der Wasseroberfläche zu treiben. Ging das nicht nur im Meerwasser, wo die Salzkonzentration für einen zusätzlichen Auftrieb sorgte? Im Schwimmbad war es ihr nie gelungen.

Sie ging tiefer ins Wasser, bis es ihre Hüften erreichte. Der Pool war in den Morgenstunden noch nicht besonders warm und es kostete sie Überwindung, mit dem ganzen Körper einzutauchen und loszuschwimmen. Sie hielt inne und beobachtete den Mann weiter.

Er rührte sich immer noch nicht.

Das konnte doch nicht sein.

Sein Gesicht hing ins Wasser? Und das schon seit Minuten?

Langsam sickerte die Erkenntnis in ihr Bewusstsein: Ein Toter!

Sie schrie gellend auf, stolperte nach hinten, platschte ins Wasser und kam prustend hoch. Sie krabbelte auf allen vieren die Treppe hinauf. Auf keinen Fall wollte sie das Wasser mit einer Leiche teilen!

Carlos steckte seinen Kopf durch die Tür: „Was ist los? Kann ich dir helfen?“

Ihr war nicht zu helfen, das wusste sie in dem Moment ganz genau. Und dem Mann auch nicht mehr.

 

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