Man gönnt sich ja sonst nichts.
Das Hotel war etwas zu teuer für Barbaras Budget, was ihr heute egal war.
Während der katalanische Küstenort unter der Sommerhitze stöhnte, waren die
Räume hier perfekt klimatisiert. Viel Glas, Fliesen und Marmor sowie moderne
Möbel trugen zu einem luxuriösen Stil bei. Palmen und andere Indoor-Pflanzen
sorgten für den südlichen Flair.
Barbara liebte ihr eigenes
Apartment mit Blick aufs Meer, aber es war ein wenig beengt. Da die
Immobilienpreise in Cambrils unverschämt waren, hatte sie sich mit einigen
wenigen Quadratmetern begnügen müssen. Zu ihrem 55. Geburtstag hatte sie sich
daher ein Wochenende in einem Luxushotel gegönnt. Allein das Zimmer war größer
als ihr Wohnzimmer mit der kleinen Küchenecke. Sie genoss den Luxus des Hotels,
insbesondere das Spa. Gestern Abend hatte sie in der Sauna geschwitzt, bis ihre
Haut ganz schrumpelig geworden war.
Nun hatte sie sich aus dem Bett
gequält, um noch vor dem Frühstück ein paar Schwimmzüge zu machen.
Sie fuhr mit dem Aufzug ins
oberste Stockwerk und folgte den Hinweisschildern zu dem Infinity-Pool. Als sie
um die Ecke des Ganges bog, stand auf einmal ein Mann vor ihr, der ihr vage
bekannt vorkam.
Er trug einen Blaumann und hatte
einen Werkzeugkoffer in der Hand. Er war ungefähr in ihrem Alter. Ihr Blick
fiel auf seine Füße: Sandalen und weiße Socken!
Da fiel ihr ein, woher sie ihn
kannte. Das war Carlos, der Freund ihrer Yogalehrerin. „Hola“, sagte sie und
zog ihren Bademantel enger um sich. Sie hatte in letzter Zeit zugelegt und
wollte vermeiden, dass er einen Blick auf ihre üppigen Kurven warf.
„Moin“, antwortete Carlos
fröhlich.
Egal, wie lange er schon in
Spanien lebte, er würde immer ein Hamburger Jung bleiben, vermutete sie.
Normalerweise wäre sie einem Schwätzchen nicht abgeneigt, aber wenn sie sich zu
lange mit dem Schwimmen aufhielt, käme sie zu spät zum Frühstück. Womöglich
wären die besten Bissen vom Büffet schon weg. Dabei hatte sie das Hotel unter
anderem wegen des hervorragenden Essens ausgewählt. Und wegen des Spas und des
Infinity-Pools natürlich. Sie wollte ein paar Kilos verlieren. Okay, an einem
Wochenende wären wohl nur ein paar Gramm drin, aber das sollte möglich sein.
Also nickte sie Carlos zu und
setzte ihren Weg fort. Da es wirklich früh war, war sie die Erste und Einzige
am Pool. Sie legte ihr orange-gelb-gestreiftes Handtuch in den Spind mit ihrer
Zimmernummer. Den Bademantel platzierte sie auf einer Liege und ging zu der
Treppe, die ins Wasser führte. Einen Kopfsprung würde sie in ihrem Alter nicht
mehr hinlegen. Sie war zufrieden, dass sie sich überhaupt aufgerafft hatte,
Frühsport zu machen.
Einen Moment hielt sie inne und
genoss den Blick über das Blau des Pools hinweg in die Ferne. Das Meer
glitzerte im ersten Sonnenlicht. Es schien tatsächlich, als ob das Wasser des
Schwimmbeckens nahtlos in Mittelmeer übergehen würde. Als könnte sie von hier
oben in die See hinaus schwimmen.
Ein Sonnenstrahl kitzelte ihre
Nase und lenkte sie von der Aussicht ab.
Sie ging vorsichtig die Treppe
hinab und hielt sich dabei am Geländer fest, um nicht auszurutschen. Als ihr
das kühle Wasser bis zu den Oberschenkeln reichte, blieb sie stehen. Sie
blickte auf und bemerkte, dass sie doch nicht alleine war.
Auf der gegenüberliegenden Seite
des Beckens, ganz hinten schwamm ein Mann. Eigentlich schwamm er nicht, sondern
spielte ‚Toter Mann‘. Seine Arme und Beine waren weit ausgebreitet, sein
Gesicht unter Wasser. Er bewegte sich möglichst wenig.
Barbara hatte als Kind mit ihren
Freundinnen gewettet, wer es länger schaffte, ohne eine Schwimmbewegung auf der
Wasseroberfläche zu treiben. Ging das nicht nur im Meerwasser, wo die
Salzkonzentration für einen zusätzlichen Auftrieb sorgte? Im Schwimmbad war es
ihr nie gelungen.
Sie ging tiefer ins Wasser, bis
es ihre Hüften erreichte. Der Pool war in den Morgenstunden noch nicht
besonders warm und es kostete sie Überwindung, mit dem ganzen Körper
einzutauchen und loszuschwimmen. Sie hielt inne und beobachtete den Mann
weiter.
Er rührte sich immer noch nicht.
Das konnte doch nicht sein.
Sein Gesicht hing ins Wasser? Und
das schon seit Minuten?
Langsam sickerte die Erkenntnis
in ihr Bewusstsein: Ein Toter!
Sie schrie gellend auf, stolperte
nach hinten, platschte ins Wasser und kam prustend hoch. Sie krabbelte auf
allen vieren die Treppe hinauf. Auf keinen Fall wollte sie das Wasser mit einer
Leiche teilen!
Carlos steckte seinen Kopf durch
die Tür: „Was ist los? Kann ich dir helfen?“
Ihr war nicht zu helfen, das
wusste sie in dem Moment ganz genau. Und dem Mann auch nicht mehr.
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