
Buchvorstellung einmal anders
Ich drehe den Kindle hin und her und öffne schließlich das darauf enthaltene Buch. Es ist genau das um das es heute gehen soll. „Lebensraub“ von Johanna Maria K.. Ich beginne ein wenig darin zu schmökern. Nach einigen Minuten höre ich ein feines Stimmchen: »Hast du denn überhaupt keine Fragen? Sie wird nicht kommen. Interview einfach mich, deshalb bin ich ja da!«
Ich lache laut auf, denn ich liebe es mit Büchern zu reden und wer weiß neben der Autorin am meisten über das Buch? Vermutlich das Buch selbst. Also, dann lege ich mal los. 😊 Doch da klettern noch zwei Protagonisten aus dem Buch und setzt sich zu uns.
Wer seid ihr denn? Wollt ihr euch den Besuchern des Blogs vorstellen
Herzlich Willkommen, Valeria und Samuel. Wollen wir das Interview nun zu viert machen?Valeria: Ich bin Valeria Kießling. 32 Jahre alt, Innenarchitektin, verheiratet mit Samuel und eigentlich hatte ich bis vor Kurzem ein ziemlich normales Leben.Samuel: Eigentlich.Valeria: Du könntest mich wenigstens ausreden lassen.Samuel: Entschuldige.Valeria: Jedenfalls war mein Leben perfekt. Unser Leben. Es war … märchenhaft.Samuel: Ja (seufzt). Wie auch immer: Ich bin Samuel. Ihr Mann. Immobilienunternehmer. Und offenbar der Mensch in diesem Buch, dem man sehr lange sehr wichtige Dinge verschweigt.Valeria: Ich…Samuel: Ich weiß. Es tut dir leid… lassen wir das einfach, dafür sind wir ja nicht hier (nickt und sieht Fragestellerin an)
Hallo, danke, dass ihr heute Zeit gefunden habt, um mit mir zu reden.Samuel: Gern. Solange dieses Buch nicht noch mehr Geheimnisse über meine Frau kennt, von denen ich nichts ahne.Lebensraub: Dazu möchte ich mich lieber nicht äußern.Valeria schweigt.
Valeria und Samuel haben wir schon kennengelernt. Kannst du dich als Buch meinen Lesern vorstellen? Vielleicht in eigenen Worten, da die Leser den Klappentext auf der Verkaufsplattform lesen können?Valeria: Sehr gerne.Samuel: Wir hatten ohnehin noch einige Dinge aus unserer Geschichte zu klären.Lebensraub: Ich kann nichts dafür. Ich erzähle nur Valerias Geschichte (sieht Samuel entschuldigend an).
In deinem Inneren spielt sich ja so einiges ab, die in dir enthaltenen Charaktere erleben so einiges. Da ihr ja auch viel mit der Autorin zusammenarbeiten müsst, könnt ihr uns vielleicht beantworten, ob es ihr leichter fällt sie durch einfache, schöne oder schwierige, düstere Zeiten und Situationen zu führen? Seht ihr es als Protagonisten genau so?Lebensraub: Ich bin eine Geschichte, die Geheimnisse in sich trägt.Samuel: Das ist erschreckend ehrlich.Lebensraub: Es geht um Valeria, ihr Leben jetzt und das Leben vor ihrer Adoption aus Rumänien. Es geht um Familie. Herkunft. Entscheidungen, die wir als Kinder treffen und deren Folgen uns Jahre später wieder einholen. Es geht auch um Kindheitstrauma und um Vertrauen. Nicht nur um die Frage, wer Valeria einmal war, sondern auch darum, wer sie heute sein darf.Samuel: Das wüsste ich auch gern.Lebensraub: Ich erzähle von Liebe und Familie, aber auch von Eifersucht, Verlust und davon, was passiert, wenn du dein Leben auf Lügen aufbaust.Samuel: Oh ja.Lebensraub: Ich glaube, meine Kernfrage ist: Ab wann trägt ein Kind Verantwortung für das, was es tut? Und verdient es es trotzdem, geliebt zu werden?Valeria (ganz leise): Denn nur, weil ich nicht schuldfähig war, war ich noch lange nicht unschuldig.
Habt ihr eine Lieblingsstelle, die ihr uns gerne vorstellen würdet?Lebensraub: Schwierige Zeiten. Definitiv. Johanna hat offensichtlich seine sehr spezielle Vorstellung davon, was man Figuren zumuten kann.Samuel: Dem kann ich mich nur anschließen.Valeria: Ich glaube, sie schreibt besonders gern die Momente, in denen Menschen nicht einfach zwischen richtig und falsch unterscheiden können. Wenn Gefühle widersprüchlich werden. Wenn jemand etwas tut, das man verurteilen würde…Samuel: Warum sollte man es nicht verurteilen, wenn es falsch ist?Valeria: Weil es nicht immer nur schwarz und weiß gibt. Es gibt Grauzonen. Und die sind es, die Johanna mitreißen.Lebensraub: Manchmal glaube ich, wir bekommen schöne Szenen nur, damit der Absturz danach mehr wehtut. Das beherrscht Johanna wirklich gut.Valeria: Aber sie lässt uns auch wachsen. Sie lässt uns nicht einfach gebrochen zurück. Ich glaube sie fängt in all dem das wahre Leben ein. Moral ist ein großes Thema in ihren Büchern.
Wisst ihr wie viel Johanna tatsächlich in dir oder auch in dem ein oder anderen Charakter steckt? Habt ihr dazu noch etwas hinzuzufügen oder stimmt ihr dem Buch zu?Valeria: Irgendwie ist „Lieblingsstelle“ das falsche Wort. Natürlich war es gut, als ich am Ende wieder in seinen Armen sein konnte. Aber ob das meine Lieblingsstelle ist? Ich glaube, die wichtigsten Stellen sind die Rückblicke in meine Kindheit. Denn nur hier kann der Leser verstehen, wer ich bin und wieso ich tat, was ich tat.Lebensraub: Ich würde außerdem die Stellen wählen, an denen Samuel zum ersten Mal merkt, das etwas nicht stimmt. Es sind zunächst keine großen Hinweise. Mehr dieses Gefühl. Der Mensch vor dir sieht aus wie immer und doch stimmt etwas nicht.Samuel: Dieses Gefühl wünsche ich übrigens niemanden. Deshalb sind das definitiv nicht meine Lieblingsszenen.Lebensraub: Das verstehe ich. Wichtig finde ich noch die Szenen, in denen Stück für Stück sichtbar wird, dass die Vergangenheit nicht abgeschlossen ist, nur weil niemand mehr darüber spricht. Die mag ich besonders, weil sich dort das Bild für den Leser langsam verändert.
Wie würdest du oder ihre Charaktere / Protagonisten / Antagonisten / Nebendarsteller die Autorin beschreiben?Lebensraub: Weniger in den konkreten Erlebnissen und mehr in den Fragen dahinter. Johanna interessiert sich sehr dafür, warum Menschen handeln, wie sie handeln. Nicht nur dafür, ob etwas richtig oder falsch ist. Z.B.: Wie weit prägt uns das, was wir als Kinder erleben? Wie viel Schuld trägt ein Mensch für Entscheidungen, die aus Angst oder Not entstanden sind? Kann man jemanden lieben und trotzdem Dinge an ihm nicht verzeihen? Und kann aus etwas Schrecklichem irgendwann trotzdem etwas Gutes entstehen? Darin steckt vermutlich mehr von ihr als in einer einzelnen Figur.Valeria: Sie mag außerdem komplizierte Familienverhältnisse.Samuel: Und komplizierte Beziehungen.Valeria: Unsere Beziehung war nie kompliziert.Samuel: Nein. Aber sie hat auf eine Lüge aufgebaut.
Wie seid ihr eigentlich zum Titel gekommen? Stand der schon im Vorfeld fest oder hat er sich im Laufe des Schreibprozesses verändert? Hattest du viel Mitspracherecht?Lebensraub: Ich beginne: neugierig auf menschliche Abgründe.Valeria: Emotional.Samuel: Rücksichtslos gegenüber ihren Figuren?Valeria/Lebensraub: Samuel!Samuel: Sie hat uns gefragt.Lebensraub: Ich glaube, was Samuel eigentlich sagen will ist, dass sie ihre Charaktere sehr liebt. Nur zeigt sie ihre Zuneigung, indem sie ihnen zunächst möglichst viele Probleme gibt.Valeria: Oder eine bescheidene Kindheit. Sie schreibt selten über Menschen, die einfach nur gut oder böse sind. Selbst bei Dingen, die eigentlich unverzeihlich wirken, sucht sie noch dem Menschen dahinter.Samuel: Das macht es für uns nicht angenehmer.Valeria: Nein. Aber sie lässt uns auch nicht allein mit dem Schmerz. Sie nimmt ihn an und sie trägt ihn mit. Und sie löst ihn. Vielleicht nicht ganz, aber sie versucht es. Sie versucht wirklich, uns alle zu verstehen.Lebensraub: Ich glaube, für die Leser ist das ein Geschenk und gleichzeitig eine Herausforderung, weil es nie den einen Antagonisten gibt. Man stellt sich seinen moralischen Grenzen. Das mag ich an unserem Buch.
Seid ihr zu 100% zufrieden mit dem Cover / Outfit oder würdet ihr nachträglich gerne etwas ändern wollen?Lebensraub: Bei mir geht es nicht einfach um gestohlene Gegenstände, Geld oder eine Identität auf einem Stück Papier. Jemand versucht, einem anderen Menschen etwas viel Größere zu nehmen: seine Beziehungen, seine Familie, seine Vergangenheit, seine Zukunft. Letztendlich seinen Platz im eigenen Leben. Deshalb passt Lebensraub ziemlich genau zu dem, was in mir passiert.Valeria: Ja. Es passt… (verstummt)Samuel: Du musst es ja wissen… (wendet sich der Fragestellerin zu). Immerhin kann niemand behaupten, der Titel hätte ihn nicht gewarnt.
Zum Abschluss würde mich noch euer Lieblingszitat aus dem Buch interessieren.Lebensraub: Ich glaube, wir sind ziemlich zufrieden damit. Ich weiß, dass Johanna sich mit dem Cover wirklich schwer getan hat. Aber am Ende waren es genau diese goldenen Wurzeln auf dem schwarzen Hintergrund, die sich richtig angefühlt haben. Für uns alle. Wurzeln passen perfekt zu dieser Geschichte. Zu Familie. Zu Herkunft. Zu allem, was einen geprägt hat und was man nicht einfach abschütteln kann. Aber Wurzeln sind nicht nur das, womit man geboren wird. Sie können auch dort entstehen, wo man geliebt wird. Bei Menschen, die einem Halt geben. In einem Zuhause, das einen aufbaut. Vielleicht ist das genau die Frage, die Lebensraub stellt: Wir können unsere Wurzeln nicht ändern, aber wir können entscheiden, was aus ihnen wird. Bestimmt unsere Herkunft, wer wir sind, oder die Menschen, bei denen wir uns wirklich zuhause fühlen?Samuel: Und gleichzeitig kann man seine Wurzeln eben nicht einfach abgeben, austauschen oder neu schreiben, nur weil man sich ein anderes Leben wünscht.Valeria: Das stimmt. Aber unsere Wurzeln bestimmen nicht, wer wir sind.
Die Leute, die an mir vorbeigehen, sehen mich schon komisch an, deshalb höre ich auf zu reden und lächle den Personen einfach zu. Aber ich lasse es mir nicht nehmen, noch einmal kurz dem Buch und den beiden Charakteren »Danke, für eure Geduld und Antworten« zuzuflüstern.Valeria:»Aber was ich getan habe…«»…hättest du nicht tun dürfen. Ja. Aber es ändert nichts daran, dass ich weiß, wer du bist. Du bist das Kind, das ich aus diesem Waisenhaus abgeholt habe. Das Mädchen, in das ich mich noch am selben Abend verliebt habe. Das Kind, das ich nach Deutschland in ihr neues Zuhause gebracht habe – als meine Tochter. Und das bist du! Du bist meine Tochter.«Lebensraub:„Das hätte die märchenhafte Version meiner Kindheit sein können. Meinem Happy End hätte nichts im Wege gestanden. Hätte ich nicht ein kleines, aber nicht unwesentliches Detail in meiner Erzählung so lange verschwiegen, bis ich es fast selbst geglaubt hätte…“Samuel: Ich weiß nicht, ob ich wirklich eine Lieblingsstelle habe. Vielleicht die, in der ich sie endlich wieder festhalten kann.„Sie hatte keine Kraft mehr, stark zu sein. Samuel wiegte sie sanft hin und her wie ein Kind in seinen Armen. Immer wieder küsste er ihr Haar, sog ihren Duft ein. Diese Nähe, so tragisch sie auch gerade war, hatte er so vermisst.“Ja. Ich glaube, die ist es.
Dann vertiefe ich mich wieder in das Buch.
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