Montag, 21. September 2026

[Schnipseltime] Im Echo meiner Takte 1 & 2 von Katja Bleeker

 

 „Scheiße“, flüstere ich und stelle fest, dass ich total blockiert bin. Wenn ich schon Probleme habe, einem Fan ein paar unverbindliche Worte zukommen zu lassen, wie unfähig bin ich dann geworden, überhaupt irgendwas zu Papier zu bringen?

 

Ein Klopfen an meiner Tür lässt mich zusammenzucken. Ich schrecke auf und erhebe mich vom Bett.

Sam!

„River?“, höre ich von draußen.

„Komme!“, kratze ich aus meiner trockenen Kehle, schreite zur Tür und öffne sie.

„Alles klar?“, fragt Sam und sieht mich prüfend an. Er ist genauso groß wie ich. Seine blauen Augen tragen eine gewisse Sorge in sich.

„Ich … ja. Alles okay.“ Ich senke den Blick.

„Hat sie geschrieben?“, fragt er, als er auf das Handy in meiner Hand sieht, das noch immer hell erleuchtet ist.

„Äh, ja“, murmele ich.

„Und? War das Konzert gut oder mega gut?“, lacht er und schielt auf das Display, hält kurz inne und sieht mich wieder an. „Vielen Dank? Du antwortest ihr?“

„Ich weiß noch nicht“, sage ich und räuspere mich.

Sam drängt sich an mir vorbei ins Zimmer. Ich schließe die Tür.

„Fuck man, River. Die Kleine ist pünktlich wie die Schweizer Bahn, ha? Hat ihr das Konzert gefallen? Wo hat sie gestanden?“

„Hinten.“ Ich lege das Handy auf dem Bett ab und stecke die Hände in die Hostentaschen. „Sie hatte Kritik im Gepäck.“

Sam lacht.

„Und hat damit nicht hinterm Berg gehalten. Butternut hat sie auseinandergenommen wie eine Weihnachtsgans.“

„Zurecht!“, findet er. „Gully hatte keine Idee. Ich bin sicher, er hat den Vierzeiler beim Abendessen mit Frau und Tochter zusammengemixt.“

Ich schenke ihm ein halbes Lächeln.

„Dass das Management zugestimmt hat, wundert mich. Wahrscheinlich nur, weil das Rad sich gerade so gut dreht.“ Er zuckt mit den Schultern und sieht wieder zum Handy. „Aber die Idee zu antworten, die finde ich nicht schlecht. Was hast du zu verlieren?“

„Bitte?“, lache ich kurz auf.

„Na“, zuckt er mit den Schultern. „Im schlimmsten Fall gibst du dich nach zwei Nachrichten als PR-Tussi aus. Das nimmt dich als Person aus dem Fokus.“

„Ich weiß“, nicke ich. „Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“

Aufmerksam sieht Sam mich an.

„Ich will ihr das hier nicht kaputtmachen“, überlege ich. „Sie schreibt seit so langer Zeit und ich vermute, dass das eine Art Ventil für sie ist. Wenn ich antworte, nehme ich es ihr weg.“

Sam schürzt die Lippen.

„Andererseits schreibt sie mir. In meinem Postfach. Sie hat angefangen und führt seit Monaten ein einseitiges Gespräch. Und die Ansätze, die sie hat, sind nicht schlecht.“

„Hast du Erwartungen, wenn du ihr schreibst?“

„Nein“, sage ich und bin ehrlich. „Ein Danke ist nicht verkehrt. Sie muss nicht wissen, für was genau ich mich bedanke, das geht zu weit. Ich kann mich für die Kritiken zu meinen Songs bedanken.“

Langsam nickt Sam.

„Ich kann ihre Fragen beantworten.“

„Welche Fragen?“

„Kleinigkeiten. Was mit Butternut gemeint ist. Was ich selbst nicht mal weiß“, lache ich und fuchtele mit der Hand in der Luft herum. „Ansonsten belangloses Zeug. Ich … will sie nicht vertreiben, aber …“

Sam sieht mich an, während ich nach den richtigen Worten suche.

„Ihre Nachrichten haben kein Fundament und ich denke, dass sie weiß, dass ihre Gedanken im Nichts verpuffen. Dabei ist so viel Emotion darin enthalten. Es wäre vielleicht schade, die Kraft, die sie aufwendet, und die Zeit, unbeachtet zu lassen.“ Ich rede mir Argumente herbei, ihr zu antworten. Sams Floh in meinem Ohr ist zu einem Elefanten in meinem Kopf geworden, an dem ich Gefallen gefunden habe. Weil ich möchte, dass es weitergeht und ich will, dass das Netz, was sie gestern Abend gesponnen hat, nicht reißt.

„Dann mach das!“, nickt Sam. „Nimm das Handy und schreib ihr. Und dann guck, was pas-siert.“

Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt.

„Wenn du das vorhast, weiß ich, du machst wenigstens heute keinen Unsinn.“ Er entspannt sich und erst jetzt erkenne ich, wie müde er tatsächlich aussieht. Die Augenringe, die sich dunkel auf seiner Haut abzeichnen, lassen erkennen, dass ihm Schlaf fehlt. Ich vermute, ich sehe ganz ähnlich aus. „Ich lasse dich allein, River. Dann kannst du dich sammeln.“

Ich bringe Sam zur Tür und als ich zwei Minuten später wieder allein bin, greife ich erneut zu meinem Telefon, öffne Fines Nachrichten, setze mich an den Rand des Bettes und lösche auch das unverbindliche Vielen Dank wieder.

 

NoodlePoodle ist ein Salmonellensammelbecken. Wenn du zum Konzert aufs Festival willst, lass die Finger davon, Fine.

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