
1
Zoey
Mein Blick
wandert zu der Uhr an der Backsteinfassade des kleinen Ladens.
Eine Stunde. So lange stehe ich hier schon.
Abgesprochen war, dass ich vom Flughafen aus
den Bus nach Rockford – so heißt dieses
winzige Städtchen – nehme und mich dann ein Fahrer zu der Ranch bringt, auf der
ich ein Gästehaus gemietet habe.
Soweit ist alles reibungslos verlaufen. Bis jetzt.
Mein Problem sind nicht Flugzeuge oder Busse. Nein, mein persönlicher
Endgegner sind Autos. Autos lassen meine Nerven blank liegen, lösen Panik in
mir aus, bis ich keine Kontrolle mehr über meinen Körper habe.
Aus dem Grund vermeide ich diesen Endgegner in der Regel.
Ich trinke einen Schluck aus der kleinen Orangensaftflasche, in die ich mir
eben im Bus einen großen Schluck Wodka gekippt habe.
Na ja, eigentlich war
es anders herum. Es ist Wodka mit einem Schluck Orangensaft. So minimal
verdünnt, dass die Flüssigkeit in meiner Kehle brennt und ich husten muss.
Anders werde ich die Autofahrt nicht überstehen, und dass der Fahrer auf sich
warten lässt, macht die Sache nicht besser.
Ich lese noch ein
weiteres Mal die Buchungsunterlagen, die ich mir ausgedruckt habe, nur, um
festzustellen, dass sie mir keine neuen Erkenntnisse liefern. Bei Fragen, steht
dort, solle ich mich an Ace River wenden, gefolgt von einer Handynummer, bei
der auch nach dem fünften Anruf nur die Mail-Box rangeht.
Mir bleibt im Moment
nichts anderes übrig, als zu warten, was meine Ungeduld und meine Angst auf ein
ganz neues Level hebt.
Da helfen nur weitere
Schlucke aus der kleinen Flasche, die meine Finger fest umklammern.
Nervös und unfähig,
ruhig stehenzubleiben, laufe ich vor einem der Geschäfte auf und ab.
Das Schild neben der
Tür sagt mir, dass es sich um Rockfords Book Haven handelt. Die
Besitzerin, eine rundliche, ältere Dame, guckt schon zum sechsten Mal durch das
kleine Schaufenster zu mir rüber.
Ich kann es ihr nicht
verübeln, denn ich wirke in meinem schwarzen Hoodie und der Sonnenbrille – auch wenn die Gläser die Form von Herzchen haben –
nicht sehr freundlich. Und schon gar nicht so, als würde ich hierhergehören,
denn dann müsste ich einen Cowboy-Hut tragen.
Mir dämmert langsam,
dass es vielleicht keine gute Idee war, herzukommen.
Was habe ich mir,
verdammt nochmal, dabei gedacht? Ich wollte weg aus New York. Weg von den
Erinnerungen, die mich durch den Tag begleiten und wehtun.
Jetzt frage ich mich,
ob es nicht auch die Hamptons getan hätten.
Nein, in den Hamptons
gibt es zu viele Erinnerungen an Claire. Zu oft sind wir dort zusammen gewesen.
Claire.
Ich muss schlucken und
spüre, wie sich mein Herz zusammenkrampft.
Was mache ich mir
eigentlich vor? Ich könnte bis ans Ende der Welt reisen, überall gäbe es
schmerzende Erinnerungen. Ich trage sie in mir. Claire war ein Teil von mir.
Ohne sie klarzukommen, ist auch ein halbes Jahr nach ihrem Tod unvorstellbar.
In zwei Tagen ist mein
Geburtstag und ihn ohne sie zu verbringen, ist so falsch.
Ich atme ein paar Mal
tief durch, um mich zu beruhigen.
Es klappt nicht.
Tut es nie. Ich habe
das Atmen verlernt, genauso wie das Leben.
Zusammengesunken
beobachte ich, wie sich mein Schatten auf dem Asphalt abzeichnet. Er schwankt
leicht. Dabei habe ich doch noch gar nicht so viel getrunken. Wie ein stiller
Zeuge schaut er mich an und am liebsten würde ich mit ihm verschmelzen.
Unsichtbar werden.
Ein Schatten.
Ich reiße meinen Blick
weg von dieser Dunkelheit, die mich verfolgt und zu verschlingen droht.
Komm schon, Zoey!
Konzentrier dich auf was Schönes, versuche ich meinem mittlerweile leicht
benebelten Gehirn einzureden.
Ich lenke meine Sinne
auf meine Umgebung, ehe ich später dafür zu betrunken bin. Nehme den Geruch
frisch gebackenen Brotes wahr, der aus der Bäckerei auf der gegenüberliegenden
Straßenseite kommen muss. Es gibt genau eine Ampel, die bisher absolut überflüssig
ist, denn es kam noch kein Auto an mir vorbei. Außerdem sehe ich einen kleinen
Einkaufsladen, einen Shop für Anglerbedarf, ein Diner und ein Geschäft mit
einem winzigen Schaufenster, bei dem es sich um einen Friseursalon handelt und
den Anschein macht, er wäre schon hundert Jahre alt. Das Städtchen schmiegt
sich zwischen zwei Hügelketten, die wie stille Beschützer stolz emporragen.
Ein Auto biegt um die
Ecke, beendet meine Beobachtung, nur, um dann an mir vorbeizufahren.
Mist, es ist nicht
mein Fahrer.
Die meisten Touristen
werden sich wohl selber ein Auto mieten, ich jedoch setze mich nie mehr hinter
ein Steuer.
Wieder schaut die Ladenbesitzerin zu mir
rüber. Ich überlege, ihr zu winken, stattdessen hebe ich die Flasche an den
Mund und bete, dass ich nicht morgen noch hier stehe.
Die Dame in dem Laden
meint es bestimmt nicht böse und ist nur wachsam oder neugierig, aber ich mag
diese Blicke nicht, die sie mir zuwirft. Und auch die anderen Leute, die
vorbeikommen, schauen mich neugierig an, bevor sie ihre Köpfe in eine andere
Richtung drehen.
Ich will einfach nur
allein sein. Und wo könnte man das besser als auf einer einsamen Ranch irgendwo
in Montana? Weit weg von allen möglichen Triggern.
Ich zucke zusammen und
stoße einen leisen Fluch aus.
Der Alkohol zeigt
langsam seine Wirkung, denn ich habe die riesige Gestalt eines Mannes, die
plötzlich neben mir auftaucht, nicht wahrgenommen.
Mit einem
selbstsicheren Lächeln auf den Lippen nimmt er seinen Hut ab und hält ihn sich
vor die Brust.
„Tschuldigung Ma´am,
ich wollte Sie nicht erschrecken“, trällert er charmant und zwinkert mir zu.
Sein Haar ist schwarz
und er trägt es zu einem Man-Bun auf dem Kopf zusammengezwirbelt. Seine Haut
hat eine warme, dunkele Farbe. Es ist nicht die typische Bräune von jemandem,
der sich viel draußen in der Sonne aufhält, sondern ein unverkennbares Zeichen,
das auf seine Herkunft schließen lässt.
Der Bus ist an drei
Reservaten vorbeigefahren. Das Nächstgelegene wies ein großes Holzschild mit
einem Adler als Reservat der Lakota aus. Vielleicht liegen die Wurzeln des
Mannes mit dem markanten Gesicht, auf dessen Wangen sich Grübchen bilden, wenn
er lacht, dort.
Er ist gutaussehend
und das weiß er.
Für einen kurzen
Moment habe ich das Gefühl, dass meine Mundwinkel leicht nach oben zucken.
„Mein Name ist Matho
Reed, kann ich Ihnen helfen?“, stellt er sich vor und macht die kleine Hoffnung
zunichte, er könnte der Fahrer sein, auf den ich schon so lange warte.
„Können sie nicht“,
gebe ich grummelig zurück und stoße einen genervten Seufzer aus.
„Na komm schon,
Kleine! Sag, was los ist, und ich versuche dir zu helfen.“
Scheinbar ist der
Frauenheld der Stadt auf mich aufmerksam geworden.
Na toll.
Da ich keine andere
Möglichkeit sehe, werde ich mich wohl mit dem Flirtversuch abfinden müssen und
seine Hilfe annehmen.
„Ich warte seit … äh …
lange … einer Stunde. Keine Ahnung. Ein Chauffeur … Fahrer … sollte mich
abholen.“
Ja, der Alkohol ist
definitiv in meinem Gehirn angekommen.
Dummerweise bin ich
noch nicht so dicht, dass es mir egal wäre, wie wirr ich rede.
Mein Gegenüber zieht
die Augenbrauen zusammen, versucht aus meinen Infos schlau zu werden.
„Ich habe ein Haus
gemietet, auf einer Ranch.“ Okay, das war besser.
„Hast du die Nummer
des Fahrers? Manchmal steht einfach eine Herde Bisons im Weg und man kommt
nicht durch.“
Bisons? Ist das sein Ernst?
„Es geht nur die Mailbox ran.“
„Weißt du, wie er heißt? Das ist eine
Kleinstadt, hier kennt jeder jeden.“
„Ace River.“ Matho
erstarrt.
Er setzt den Hut
wieder auf, was lässig erscheinen soll, seine Wirkung jedoch verfehlt, weil er
mich ungläubig anschaut.
„Ace soll dich
abholen?“
Nervosität macht sich
in mir breit. Ist Ace River einer von der schlimmen Sorte? Jemand, zu dem man
nicht ins Auto steigen sollte?
„Was ist mit Ace
River?“, frage ich panisch, was Matho nicht entgeht. Er lächelt mich an und
beruhigt mit dieser Geste meinen überreizten Geist. Um ihn komplett
ruhigzustellen, braucht es allerdings noch ein bisschen mehr Wodka.
„Ich bin nur
überrascht, dass er dein Fahrer ist. Ace ist mein Freund, Süße.“
Es wäre an der Zeit,
dass diesem Mann mal jemand erklärt, warum es nicht okay ist, eine Frau einfach
Süße zu nennen. Da ich im Moment
andere Sorgen habe, erspare ich ihm einen Vortrag über das Reduzieren auf
Stereotype.
„Wie heißt die Ranch,
zu der er dich fahren soll?“
„Es ist die Wild River
Ranch.“
Ich verhaspele mich
beim Aussprechen des Namens und hoffe, dass er nicht merkt, wie es mir
mittlerweile zunehmend schwerer fällt, deutlich zu sprechen.
Matho lacht laut auf:
„Okay, Süße. Da muss ein riesiger Fehler vorliegen. Ace organisiert Wanderritte
für Touristen, aber nie würde er jemanden auf seiner Ranch wohnen lassen.“
Mir wird schlecht.
Panik und Wodka randalieren in meinem Magen.
Mir fällt die
Buchungsbestätigung ein, die ich Matho nun unter die Nase halte und die ich
mittlerweile in- und auswendig kenne. Er liest aufmerksam und runzelt die
Stirn.
„Du willst bis
September bleiben? Das sind drei Monate?“
Überrascht blickt er
auf.
Ich nicke. „So ist der
Plan.“ Plan. Ein schönes Wort für etwas, das sich im Moment gefährlich
wackelig anfühlt.
„Hör zu, ich werde Ace
anrufen und versuchen, das zu klären. Vielleicht geht er bei mir ran.“
Mit diesen Worten
lässt er mich stehen, entfernt sich weit genug, damit ich nicht hören kann, was
er sagt.
Mit dem Finger schiebe
ich die Sonnenbrille fest auf meine Nase. Mein Blick gleitet von den in die
Jahre gekommenen Fassaden der Häuser hinauf zum Himmel. Er strahlt so blau auf
mich herab, dass ich mir in meinem schwarzen Hoodie noch deplatzierter vorkomme.
Ich versuche mich auf
meine Umgebung zu konzentrieren und nicht auf Matho, der in sein Handy spricht.
Er hatte im Gegensatz zu mir keine Schwierigkeiten, seinen Freund zu erreichen.
Fröhliches
Kinderlachen dringt an mein Ohr. Die Schule ist aus und eine Gruppe Kinder
überquert mit ihren Schulranzen die Straße. Sie benutzen brav die Ampel. Mein
Gehirn zeigt mir ein Bild von Claire und mir. Zwei Mädchen mit identischen
Rucksäcken, an denen Ballettschuhe baumeln. Die Haare hochgesteckt, bereit für
den Tanzunterricht. Mädchen mit demselben Traum, dem, eine Prima Ballerina zu
werden.
Für Claire hat sich
dieser Traum erfüllt. Jetzt ist sie tot und ich bin noch hier und alles daran
fühlt sich falsch an.
Die Erinnerung reißt mich mit sich, sie fährt
mir direkt ins Herz und macht es zu einem schweren, schmerzenden Muskel, den
ich am liebsten loswerden würde.
Schnell suche ich
etwas anderes, auf das ich meine Aufmerksamkeit lenken kann. In der Ferne höre
ich ein Windspiel leise klingeln. Der Wind trägt den Geruch von Blumen und Gras
mit sich. Es ist ruhig. Ich mag es, stelle ich überrascht fest. Ja, wirklich.
Hoffentlich liegt es nicht am Alkohol, denn für einen kurzen Moment fühlt es
sich ganz okay an, hier zu sein.
Man sagt, New York
schläft nie, und so ist es. Claire war durch und durch ein City-Girl. Rockford
wäre ihr zu langweilig. Mir hingegen war New York schon weit vor Claires Tod zu
viel. Dennoch hätte ich mich nie aus ihrer Nähe entfernt.
Aus dem Augenwinkel
nehme ich wahr, wie Matho sein Handy in die Tasche seiner Jeans steckt und auf
mich zustampft. Seinen Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten.
„Ace ist unterwegs“,
berichtet er und ich warte auf weitere Erklärungen, doch er schweigt. Na
klasse, das fängt ja super an.
Matho bleibt bei mir und erzählt mir lustige
Anekdoten über dieses Städtchen. Er bemerkt nicht, dass ich ihm kaum folgen
kann.
Dann stoppt sein
Monolog und er deutet die Straße hinunter. „Da kommt Ace.“
Ein schwarzer
Pick-Up-Truck nähert sich langsam. Er hält so dicht vor meinen Füßen, dass ich
beinahe einen Satz zurück mache. Die Motorhaube reicht mir bis zur Brust. Mit
diesem Monster hätte er locker einen Bison überfahren können.
Ich hebe meinen Blick
von der schmutzigen Motorhaube zu dem Mann, der mich durch die
Windschutzscheibe finster ansieht.
Lange.
Dann steigt er aus.
Zu meiner Überraschung
trägt er keinen Cowboy-Hut. Der Dresscode der Stadt ist ihm wohl egal.
Seine Haare sind kurz.
Praktisch. Genauso wie sein restliches Outfit, bestehend aus Jeans, Shirt und
staubigen Stiefeln. Auf der linken Seite seines Ärmels blitzt eine Tätowierung
hervor, bei der ich nicht erkennen kann, um was es sich handelt. Ein leichter
Bartschatten zieht sich über seinen angespannten Kiefer. Er hat so blaue Augen,
dass ich sie länger betrachte, als mir lieb ist. Seine harte Miene behält er
bei. Fehlt noch, dass Rauch aus seinen Ohren kommt.
Der laute Knall der
Autotür lässt mich zusammenzucken.
Einer seiner
Mundwinkel hebt sich leicht. Ihn amüsiert meine Reaktion. Ace River ist also
ein Arsch.
Ich schnaube in seine
Richtung, aber er lässt mich links liegen. Geht an mir vorbei zu Matho, um ihn
zu begrüßen.
Mein Puls rast vor
Wut. Für das Geld, was ich ihm gezahlt habe, müsste er eigentlich einen roten
Teppich ausrollen.
2
Ace
Als ich von Matho hörte, dass in der Stadt
eine Zoey Winter aus New York behauptet, auf mich zu warten, war ich erstmal
sprachlos. Angeblich hat sie Buchungsunterlagen, die beweisen sollen, dass sie
das alte Haus auf meiner Ranch gebucht hat.
Als hätte ich Spaß daran, jeden Tag rund um
die Uhr Touristen auf der Ranch zu haben.
Nein, danke!
Ich schaue auf sie
hinab. Ihre kleine Gestalt versinkt in einem viel zu großen Pulli. Unter der
Kapuze quillt ein Schwall blondes Haar hervor. Ihre Augen versteckt sie hinter
einer lächerlichen Sonnenbrille in Herzchenform.
Stocksteif steht sie
da. Wütend.
Liegt es daran, dass
ich erst Matho begrüßt habe? Oder daran, dass ich ihr beinahe über die Füße
gefahren bin?
Ach, eigentlich ist es
mir egal.
„Ist das die neuste
Masche, um sich Urlaub zu erschleichen?“, frage ich sie. Meine Stimme ist alles
andere als freundlich.
„Wie bitte? Ich habe
mir nichts erschlichen.“ Sie presst die Worte zwischen ihren Zähnen hervor.
„Wir sollten den
Sheriff holen, dann kannst du ihm diesen Bullshit erzählen.“ Ihre Zähne
vergraben sich in ihrer vollen Unterlippe. Noch ein wenig fester und sie wird
sie durchbeißen.
„Ich habe es offiziell
gebucht und eine Menge Geld bezahlt und das kann ich belegen“, sie hält mir
einen Zettel vors Gesicht, der mich nicht im Geringsten interessiert.
„Tja, nur ist das Geld
nie bei mir angekommen.“
„Dann sollten wir wohl
wirklich den Sheriff holen, dem kannst du erzählen, was du mit meinem Geld
gemacht hast. Ich habe nichts zu verbergen.“ Sie dreht den Spieß rum, das
kleine Biest.
„Willst du behaupten,
dass ich Touristen abzocke?“
„Du behauptest, ich
würde mir einen Urlaub erschleichen“, faucht sie.
„Okay, ihr beiden“,
Matho tritt beschwichtigend zwischen uns, „wir sollten alle kurz durchatmen.“
Zoey schaut weg und
reibt ihre Schläfen.
Aus den Taschen ihres
Pullis zieht sie eine kleine Orangensaftflasche, die sie in einem Zug leert und
anschließend in ihrem Rucksack verstaut.
Ihre Bewegungen haben
etwas Träges, als würde sie etwas sehr Schweres mit sich rumtragen.
Sie atmet tief durch
und strafft die Schultern, um dann beide Arme fest um ihren Körper zu
schlingen, als wolle sie verhindern, auseinanderzufallen.
„Ich denke, wir sind
beide betrogen worden“, sagt sie ausdruckslos.
Es überrascht mich,
denn ich hatte damit gerechnet, dass sie weiter fauchen wird.
Und da ist noch etwas,
was mich aufhorchen lässt. Ihre Stimme. Sie klingt undeutlich, die Worte
seltsam verwaschen. Ist das ein Dialekt? Reden New Yorker so? Oder lallt sie
etwa?
Ehe ich weiter darüber nachdenken kann, greift
sie nach ihrer riesigen Reisetasche, hängt sie sich umständlich um, wobei sie
bedenklich schwankt.
Matho, der es
ebenfalls bemerkt, umfasst ihren Arm, um sie zu stabilisieren. Sie wehrt seine
Hand ab. Anschließend wirft sie sich den Rucksack auf den Rücken.
„Danke für deine
Hilfe, Matho, das war sehr nett“, ihre Worte klingen kraftlos.
Beladen wie ein
Packesel, steht sie trotzdem aufrecht. Sie will vor uns keine Schwäche zeigen.
Ihren Körper hat sie im Griff, in ihrem Gesicht hingegen zeichnet sich pure
Verzweiflung ab. Dabei kann ich nicht mal ihre Augen sehen, die mir mehr
verraten könnten.
Was ich weiß: Sie ist
keine Betrügerin. Da bin ich sicher.
Sie
nickt Matho und mir zu, dreht sich um und geht.
„Warte, wo willst du
hin?“, ruft Matho ihr hinterher und sieht mich hilfesuchend an.
„Weg!“ Sie zieht die
Kapuze ihres schwarzen Pullis tiefer ins Gesicht.
„Wir können sie nicht
einfach so gehen lassen. Sie weiß doch gar nicht, wo sie hinsoll“, sagt Matho.
„Das ist nicht unser
Problem.“
Mein Freund sieht mich
wütend an, ehe er Zoey nachsetzt, die noch nicht sehr weit gekommen ist.
Kopfschüttelnd trotte
ich hinterher und glaube mich verhört zu haben, als Matho sagt: „Zoey, wenn du
magst, kannst du bei mir wohnen.“
Er schenkt ihr sein
schönstes Junggesellenlächeln.
Ich stöhne, angewidert
von seiner Art, ihr dieses Angebot zu unterbreiten.
Zoey mustert ihn kurz,
bevor sie weitergeht.
Ich wundere mich über
mich selbst, weil es mich ein kleines bisschen freut, dass sie nicht auf Mathos
Angebot eingegangen ist.
Matho ist ein
Frauenmagnet und viele Damen dieses kleinen Städtchens sind seinem Charme
bereits erlegen. Die kleine New Yorkerin konnte er mit seinem
unerschütterlichen Selbstbewusstsein bisher nicht beeindrucken.
„Hast du toll gemacht,
Kumpel. Sie mag dich“, ziehe ich ihn auf.
Matho ist sichtlich
verwundert über diese Abfuhr, schließlich bekommt er nicht viele. Dann atmet er
tief ein, um ihr anschließend wieder nachzueilen. Oh Mann, so langsam reicht es
mir. Hat er neuerdings ein Helfersyndrom oder ist es sein Jagdtrieb, der ihn
antreibt und ihn wie ein Hündchen hinter ihr herlaufen lässt?
„Du könntest nur für
eine Weile bleiben, bis du was anderes gefunden hast.“ Sie bleibt stehen. Legt
den Kopf schräg, denkt scheinbar über sein Angebot nach. Wieder ist diese
allumfassende Verzweiflung auf ihren Gesichtszügen zu erkennen.
„Er wohnt in einem
Loft“, sage ich schärfer als beabsichtigt.
Mathos Kopf ruckt zu
mir. Er starrt mich an.
Ehrlich gesagt, habe
ich keinen Schimmer, warum ich das gerade von mir gegeben habe. Ich gönne
meinem Freund jedes Mädchen, aber strenggenommen sollte Zoey in diesem Moment
mit mir im Auto sitzen, um bei mir zu wohnen.
Schnell schiebe ich
den Gedanken beiseite, weil er nicht zu dem passt, was ich eigentlich will.
Nämlich meine Ruhe.
„Ein Loft“, wiederholt
sie mit gerunzelter Stirn.
„Offene Küche, offenes
… Bad“, zähle ich auf.
„Ich habe kein offenes
Bad, du Idiot!“ Er lässt es beleidigt klingen, aber ich höre den amüsierten
Unterton in seiner Stimme.
Was ich dann sage,
grenzt an geistige Umnachtung: „Du kannst im Haus auf der Ranch wohnen.“
Zoey sagt nichts.
Matho fällt die
Kinnlade runter. Er kann wohl nicht glauben, was ich da gerade von mir gegeben
habe.
Kann ich ja selber
nicht. Eigentlich dürfte es mir egal sein, wo sie unterkommt, aber wenn ihr
etwas zustoßen sollte, würde ich es mir vorwerfen. Genau wie Matho. Was nicht
erklärt, warum ich möchte, dass sie mit mir fährt.
Ich verdränge den
Gedanken.
„Wieso?“, will sie
wissen.
Es verunsichert mich,
dass ich ihre Augen durch die dunklen Brillengläser nicht sehen kann. Ich
schaue Menschen gerne in die Augen. Dennoch weiß ich, dass sie meine Reaktion
auf die Frage genau beobachtet.
Ich zucke mit den
Schultern. „Es ist die einfachste Lösung.“
Es macht den Anschein, als wollte sie wieder
weglaufen.
Ein kleiner Teil in mir, der Teil, der ihr
versprach, sie könne das Haus haben, will sie unbedingt davon abhalten.
Man kann es in ihrem Gehirn förmlich rattern
hören. Ich habe anscheinend das Richtige gesagt, denn ihre Gesichtszüge werden
weicher, sie entspannt sich ein wenig.
„Hör zu, mir ist egal,
wie du dich entscheidest, nur könntest du dich ein wenig beeilen, ich habe
nicht den ganzen Tag Zeit. Also, Loft oder Ranch?“
Zoey schnaubt leise
und ich muss mir ein Grinsen verkneifen.
Mathos Lippen formen lautlos das Wort Arsch.
Ja, kann sein.
Im Moment fühle ich mich eher wie jemand, der
an einer Quiz-Show teilnimmt und auf die langersehnte Antwort wartet.
Wird sich Zoey Winter
für die Ranch entscheiden und somit mein erster Urlaubsgast, oder geht sie mit
Matho, um eventuell seine nächste Kerbe im Bettpfosten zu werden?
„Ranch“, raunt sie die
Antwort und ich hole tief Luft.
Ich habe nicht
bemerkt, dass ich den Atem angehalten habe.
In ihrem Gesicht kann
ich ablesen, wieviel Überwindung es sie kostet. Sie würde lieber sterben, als
um Hilfe zu bitten. Und das ist eine Eigenschaft, die ich nur zu gut kenne.
Vielleicht haben wir Gemeinsamkeiten.
Ich greife nach der
riesigen Tasche über ihrer Schulter. Komme Zoey dadurch so nah, dass mir ihr
Geruch in die Nase steigt.
Vorsichtig lehne ich
mich noch ein Stück zu ihr.
Zitrone.
„Das kann ich selbst“,
schnauzt sie mich an.
„Ich weiß, aber das
gehört zum Service, Miss Winter, also gib schon her.“ Sie schenkt mir ein
aufgesetztes Lächeln, verabschiedet sich von Matho und setzt sich in den Truck.
Matho grinst mich an und klopft mir auf die
Schulter: „Dann bring das Mädchen mal in deine Höhle, Neandertaler.“