Donnerstag, 22. Oktober 2026

[Schnipseltime] Am Ende des Korridors von Christian Tobias Krug

 

Zahlreiche Türen zäunten den Korridor. Zimmer, aus denen kein Laut drang.
     Nicht das leiseste Lebenszeichen war zu hören.
     Nichts.
     Auf dem Flur herrschte eine Totenstille, die selbst seine Schritte und das Rollen der Kofferräder unnatürlich dumpf wirken ließ … als würde der Gang jedes Geräusch verschlucken.
     Ein endlos langer Läufer bedeckte den Boden, auf dem ein verschlungenes Muster zu sehen war: schwarze Linien, die sich schlangenhaft zu einem undurchdringlichen Geflecht verzweigten. Das verworrene Teppichdesign erinnerte unwillkürlich an ein Spinnennetz. Eine todbringende Falle, gewebt für ahnungslose Fliegen.
     Gespenstische Schatten spukten über die Holzvertäfelung. Für schaurige Sekunden hatte er das Gefühl, sie bewegten sich nicht zufällig – sondern beobachtend. Die Leuchtröhre oben an der Decke flackerte, und jedes Flimmern ließ das Dunkel an den Wänden für einen Herzschlag länger wirken. Als würde es zögern, wieder zu weichen.
     Etliche Schrammen entstellten das kalkweiße Holz der Hotelzimmertüren, abscheulichen Narben ähnlich. In regelmäßigen Abständen säumten hohe Ständer mit Zierkerzen den Flurgang, alten Gaslaternen nachempfunden: Wachslichter hinter rechteckigen Scheiben aus Mattglas, eingefasst in eiserne Halterungen mit Kuppel obendrauf.
     Seinen Rollkoffer in der Hand, blieb er vor der letzten Tür am Ende des Korridors stehen. 311 war auf einem Messingschild über dem winzigen Guckloch eingraviert.
     311 … 3.11. Die Zimmernummer ließ ein schmerzliches Lächeln über seine Lippen huschen und erinnerte ihn daran, dass der dritte November nur noch wenige Wochen entfernt war. Seinen Geburtstag würde er dieses Jahr höchstwahrscheinlich einsam ohne jede Gesellschaft verbringen. Schließlich stand er im Begriff, sein vorheriges Leben hinter sich zu lassen und sämtliche Brücken zur Vergangenheit abzureißen.
     Viele Stunden lang war er gefahren – südwärts über nächtliche Straßen. Würde seine Flucht gelingen? Zweifel hatten ihn längst eingeholt. Was, wenn es kein Entkommen gab? Kein Versteck, das sicher war? Vielleicht waren die Schrecken bereits auf seiner Spur, folgten ihm unbarmherzig, unaufhaltsam. Seine Ängste klammerten sich an ihn wie Dämonen an einen schuldbeladenen Sünder.
     Mit einem beklemmenden Gefühl im Magen angelte er die Schlüsselkarte aus seiner Jackentasche, die ihm der greise Kahlschädel unten im Foyer übergeben hatte. Der metallene Slot oberhalb der Klinke glänzte unheimlich im fahlen Schein der Flurbeleuchtung. Seine Finger zitterten, als er die Karte langsam hineinsteckte. Ein kurzes Summen ertönte; die Tür glitt auf … lautlos, ohne Widerstand … und enthüllte uferlose Dunkelheit.
     Mit zusammengekniffenen Augen erkannte er schwere Vorhänge, die drinnen vor die Fenster gezogen waren. Von Bett und Mobiliar ließen sich lediglich die Umrisse ausmachen. Ein merkwürdiger Modergeruch stieg ihm in die Nase, der sonst häufig in muffigen Kellern oder auf staubigen Dachböden hauste – so dicht und alt, dass er ihn instinktiv mit etwas Leblosem verband. Als würde das Zimmer verwesen. Unweigerlich drängte sich der absonderliche Eindruck auf, dass der Raum seit Urzeiten nicht mehr betreten worden war. Als wäre dieses Hotelzimmer allein … auserwählten Gästen vorbehalten?
     Als hätte es auf mich gewartet … ein Jäger, lauernd auf der Pirsch, schoss ihm ein skurriler Gedanke durchs Hirn, den er durch heftiges Kopfschütteln augenblicklich niederrang. Bin nur übermüdet … einfach erschöpft von der langen Fahrt, das ist alles!
     Durch die geöffnete Zimmertür wehte ihm Kälte entgegen, die sich mit eisigem Griff in seiner Haut festkrallte. Himmel, war die Heizung intakt? Für einen schaudernden Moment packte ihn der Impuls, auf dem Absatz umzukehren und das Hotel schleunigst wieder zu verlassen. Das Weite zu suchen und sich schnellstens in Sicherheit zu bringen, bevor …
     … es zu spät ist …?
     Doch wohin? Er besaß kein Zuhause mehr, wo er willkommen gewesen wäre. Keinen Ort, an den er heimkehren konnte.
     Zaghaft wagte er einen Schritt näher, spähte angestrengt ins Dunkel und streckte den Arm nach dem Lichtschalter aus, den er drinnen unmittelbar neben der Tür vermutete. Vergebens tastete er ins Leere. Der Schalter musste sich irgendwo im Inneren befinden – und die Taschenlampenfunktion seines Handys half ihm ebenfalls nicht weiter. Das ausgeschaltete Gerät lag tief im Koffer verstaut. Schließlich wollte er für niemanden erreichbar sein.
     Frag den alten Knacker unten am Empfang wenigstens nach einem anderen Zimmer!, rief ihm eine warnende Stimme in seinem Hinterkopf verzweifelt zu. Aber in seinen Schuhen schienen Bleiklumpen zu stecken und der Weg zurück zur Rezeption kam ihm plötzlich unerreichbar weit vor. Zweifellos, die anstrengende Autofahrt und die ihn übermannende Müdigkeit forderten ihren Tribut!
     Bin halt im Eimer … Ich wette, morgen nach ‘ner ordentlichen Runde Schlaf sieht die Welt schon anders aus …
     Die Deckenleuchte über seinem Kopf flackerte erneut.
     Seufzend packte er seinen Koffer, ein banges Klopfen in der Brust … trat zögerlich über die Schwelle – und die Finsternis verschlang ihn, dem Schlund einer Bestie gleich.

***

 

Vier Tage später saß Dario im Büro seines Chefs Carsten Berger. Seine Frühschicht hatte vor einer halben Stunde begonnen und draußen dämmerte allmählich der Morgen – ein Blick aus dem Fenster verriet es. Trübe kroch der neue Tag über Frankfurts Dächer, als wolle die Nacht nur widerwillig weichen. Die Lichter der Straßenlaternen würden schätzungsweise in einigen Minuten erlöschen, sterbenden Glühwürmchen in gläsernen Gefängnissen gleich.
     Bergers Augen flogen über die Zeilen von Darios Bericht, der die jüngsten Ereignisse rund um die Entführung in der leer stehenden Fabrikhalle behandelte. »Ehrlich, ich verstehe nicht, weshalb du dich auf solche Geschichten einlässt.« Schummriger Morgenschimmer fiel durch die Scheibe und tauchte die steinernen Züge des Kriminaldirektors in blassgraues Licht. »Du willst mir ernsthaft erzählen, die Situation hat dir keine andere Wahl gelassen? Soweit ich informiert bin, trug Sebastian Kessler nicht mal eine Schusswaffe bei sich.«

     »Nein, aber ein Messer, mit dem er den kleinen Felix bedroht hat – hab ich doch geschrieben! Als ich reinkam, wollte der Mistkerl gerade zustechen. Konnte in dem Moment einfach nur an die Sicherheit des Jungen denken!«
     Mit skeptischer Miene blickte Berger von dem ausgedruckten Schriftstück auf. Seine Mundfalten gruben sich tiefer in sein Gesicht und ließen ihn, gemeinsam mit den ergrauten Schläfen, älter erscheinen, als es seine Lebensjahre erlaubten. »Und dabei musstest du ihm direkt zwei Finger und den halben Genitalbereich wegballern? Versehentlich, nehme ich an?«
     Dario antwortete mit teilnahmslosem Schulterzucken.
     »Hättest du nicht wenigstens auf die Verstärkung warten können, bevor du einen Kleinkrieg im Alleingang anzettelst?«
     »Und währenddessen Däumchen drehen? Dann wäre das Kind jetzt tot!«
     »Wie steht es um die beiden, um Kessler und den Jungen?«, erkundigte sich Berger.
     »Felix ist wieder daheim bei seinen Eltern. Die Familie erhält in den kommenden Tagen psychologische Unterstützung. Kessler befindet sich im St. Elisabethen Krankenhaus. Ich vermute … na ja, die Ärzte versuchen wahrscheinlich zu retten, was noch zu retten ist.«
     »Das wird sicher ein Nachspiel haben. Du musst dich auf rechtliche Konsequenzen einstellen – je nachdem, ob Kessler Anzeige erstattet oder …«
     »Komm endlich zur Sache«, unterbrach Dario unwirsch. »Hast du mich bloß herbestellt, um mir eine Predigt zu halten?«
     Sein Chef schnaubte. »Nein. Es geht um einen Mord.«
     »Wer? Wann? Wo?«
     »Ein junger Mann. Stranguliert. Gestern Abend in Erlenmoor – irgendein winziges Hundertseelendorf hinterm Taunus.«
     »Tja … und? Sollen sich die Kollegen dort darum kümmern.«
     »Ich habe mit dem zuständigen Staatsanwalt gesprochen. Er will einen Spezialisten – jemanden, der sich mit Sexualverbrechen auskennt.«
     »Ist es denn ein solches?«
     »Das lässt sich bislang nicht mit Gewissheit sagen, aber einiges deutet darauf hin. Dafür spricht, dass der Leichnam des Opfers vollkommen unbekleidet war – und unter Umständen aufgefunden wurde, die Fragen aufwerfen. Die Ermittlungen werden sicherlich eine Weile dauern. Ich buche dir ein Zimmer. In der Gegend gibt’s ein kleines Landhotel. Abgelegen. Ruhig.«
     »Ach, Gottchen, wie heimelig!«, spottete Dario.
     Berger sah ihn nur an, zuckte mit den Schultern. »Allzu viel Auswahl hat das Kaff nicht zu bieten. Bist da sowieso nur zum Schlafen.« Sein Blick ruhte ernst auf ihm. »Ein vorübergehender Tapetenwechsel und ein bisschen frische Landluft wird dir bestimmt guttun. Wenigstens hoffe ich, du richtest draußen in der Provinz weniger Schaden an. Also, übernimmst du den Fall?«
     Dario nickte knapp und verkniff sich ein missmutiges Grummeln. Er kannte Berger bereits seit ihrer gemeinsamen Zeit als Streifenpolizisten. Lange bevor sein jetziger Vorgesetzter die Regentschaft über das administrative Reich angetreten hatte, waren sie beide Patrouillengänger gewesen, knallhart und schlagfertig. Ihrer jahrelangen Kollegialität allein war es wohl zu verdanken, dass Berger stets die schützende Hand über ihn hielt – und aufgrund seiner blinden Gewaltaktionen oftmals ein Auge zudrückte.
     Während der vergangenen dienstfreien Tage hatten die Erlebnisse in der Lagerhalle hinter Darios Schläfen weitergespukt: Die Entführung, die kinderpornografischen Fotografien an den Wänden; die beiden Schüsse, abgefeuert von seiner Dienstwaffe. Auf beängstigende Weise war ihm schleichend bewusst geworden, dass er nur eine Haaresbreite davon entfernt gewesen war, Sebastian Kessler zu erschießen und somit einen Menschen umzubringen. Seine Sorge vor strafrechtlichen Konsequenzen wiederum hielt sich vorerst in Grenzen. Tatsache war: Kessler hatte den kleinen Felix mit einem Messer bedroht und Dario war zu blitzschnellem Handeln gezwungen gewesen. Natürlich durfte man von ihm als geübtem Schützen wahrscheinlich eine zielsicherere Leistung erwarten – aber letztendlich: Wer sollte ihm nachweisen, dass er Kesslers lebensspendendem Körperteil nicht bloß durch einen tragischen Zufall, quasi im Eifer des Gefechts, den Todesschuss versetzt hatte?
     Sein jüngster Gewaltausbruch brachte Dario dennoch zum Grübeln. Gedanken kreisten um jene Anflüge ausufernder Brutalität, die sich seiner des Öfteren bemächtigten, seinen Verstand lähmten und zum Äußersten trieben. Schon als Kind galt er unter seinen Lehrern als Hitzkopf: Hamza aus der Grundschule, der Dario auf dem Pausenhof hänselte – und einen ausgeschlagenen Eckzahn als Antwort kassierte. Boris in der achten Klasse – ein Blick zu viel auf Darios Freundin, eine verbeulte Nase als Quittung. Tief in seinem Inneren verbarg sich etwas Dunkles, das zuweilen die Kontrolle über Darios Bewusstsein übernahm, sein Gewissen schachmatt setzte – und ihn nach Blut lechzen ließ.
     Der Kripochef überreichte ihm einen dünnen Papierstapel, frisch aus dem Drucker. »Die ersten Ergebnisse der Untersuchungen vor Ort.«
     Wortlos hasteten Darios Augen über die vollgetippten Seiten.
     »Ich gebe den Kollegen in Erlenmoor Bescheid, dass sie dich morgen erwarten dürfen. Und falls es Neuigkeiten wegen Kessler gibt …« Ein halb unterdrückter Seufzer entfloh Bergers Mund. »Ich ruf dich an, in Ordnung?«


[Buchvorstellung einmal anders] Am Ende des Korridors von Christian Tobias Krug

 



Buchvorstellung einmal anders

Heute treffe ich mich mit dem Autor Christian Tobias Krug, um mit ihm über sein Buch „Am Ende des Korridors“ zu sprechen.

Hallo, danke, dass du heute Zeit gefunden hast, um für dein Buch zu antworten.
Klar, immer doch!
Kannst du uns dein Buch in möglichst wenig Sätzen beschreiben?
Mord in der Provinz: Kommissar ermittelt in einsamem Landhotel – und erlebt das nackte Grauen ...
Deine Charaktere erleben ja so einiges. Fällt es dir leichter sie durch einfache, schöne oder schwierige, düstere Zeiten und Situationen zu führen?
Weil wir es hier mit einem Horror-Roman zu tun haben, erleben die Charaktere auf jeden Fall so allerhand düstere Situationen – und ich hab mir da definitiv allerlei Schauriges einfallen lassen ;)
Hast du eine Lieblingsstelle, die du uns gerne vorstellen würdest?
Ich mag am Buch besonders, wie die Stimmung von Kapitel zu Kapitel unheimlicher wird: Was als scheinbar klassischer Krimi beginnt, driftet schnell in psychologischen und übernatürlichen Horror ab.
Wer also düstere Atmosphäre und Spukhotel-Grusel mag, ist hier genau richtig. Ein knallharter Ermittler, ein unheimliches Landhotel, Furcht und Paranoia garantiert!
Wie viel echter Christian steckt in dem Buch oder auch in dem ein oder anderen Charakter?
Es geht ziemlich abgründig zur Sache – von daher hoffe ich, nicht zu viel. Oder vielleicht gerade deswegen mehr als mir lieb ist?
Wie würden dich deine Charaktere beschreiben?
Dario: „Voll kaputt, der Typ. Sollte man einbuchten.“
Samira: „Na ja, er kommt halt gerade aus einer schwierigen Phase.“
Ich: „Tja … aber vergesst nicht: Ich bin derjenige, der euch erfunden hat. Was sagt das wohl am Ende über euch aus? Wenn ich mir eure Lebensgeschichten so anschaue, kommt da ja auch ein recht großer Sack mit dunklen Steinen zusammen.“
Wann kam die Idee zum Titel? Stand der schon im Vorfeld fest oder hat er sich im Laufe des Schreibprozesses verändert?
Der Titel war ursprünglich für eine Kurzgeschichte mit völlig anderem Thema gedacht. Durch Zufall hat es sich ergeben, dass er für dieses Buch aber ebenfalls hervorragend passt.
Bist du zu 100% zufrieden mit dem Cover oder würdest du nachträglich gerne etwas ändern wollen?
Ich bin mit meinen eigenen Büchern grundsätzlich niemals 100 % zufrieden. Wahrscheinlich würde ich im Nachhinein immer irgendetwas finden, was man hier und da theoretisch noch ändern könnte, am Cover oder auch am Text. Aber was soll’s? Damit kann ich leben ;)
Zum Abschluss würde mich noch dein Lieblingszitat aus dem Buch interessieren.
»Menschen sind selten, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen – und häufig sehen wir in unserem Gegenüber nur, womit wir selbst im Inneren hadern.«
Danke für das Gespräch.
Gerne jederzeit wieder!

Dienstag, 20. Oktober 2026

[Buchvorstellung einmal anders] Don't kiss the Coach von Fallon Brooks


 
Buchvorstellung einmal anders

Heute treffe ich mich mit den Protagonisten Ella und Logan aus „Don’t kiss the Coach“, um mit ihnen über das Buch und ihre Autorin zu sprechen.

Danke, dass ihr heute Zeit gefunden habt, um für das Buch zu antworten. Könntet ihr euch meinen Lesern vorstellen, damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben?
„Ich bin Ella, 20 Jahre alt und studiere an der Lake Side U Journalismus.“ Ella deutet auf Logan, und ihre Wangen werden rot. „Das ist Logan, der beste Freund meines Bruders.“
Langsam hebt er eine Braue. „Ist das alles?“
Sie nickt. „Okay. Er trainiert das Footballteam. Und er ist verdammt heiß.“
„Shortcake. Flirtest du schon wieder mit mir?“
„Wer weiß?“ Ella zuckt mit den Achseln. „Soll ich?“
„Nächste Frage“, brummt Logan.
Beschreibt uns bitte das Buch in maximal 5 Sätzen.
„Emotional. Witzig. Aber auch ernst“, sagt Ella. „Ich musste einiges durchmachen.“ Ihr Blick wandert zu Logan. „Zum Glück warst du da.“
„Ich bin immer da. Das solltest du mittlerweile wissen.“ Er drückt ihre Hand. „Die Geschichte hat Tiefe. Und Charaktere, die man einfach lieben muss.“
Glaubt ihr, macht es der Autorin Spaß euch in so manche schwierige Situation zu stoßen?
Ella und Logan nicken beinahe gleichzeitig. Dann grinst Logan. „Hat sie gut gemacht. Ohne die herausfordernden Situationen wären wir jetzt nicht hier.“
„Das wäre echt schade“, murmelt Ella.
Logan sieht sie verblüfft an. „Kein dummer Spruch?“ Leicht lehnt er sich zu ihr. „Dass ich das noch erleben darf.“
Habt ihr eine Lieblingsstelle im Buch?
„Ich liebe diese Stelle“, sagt Ella grinsend.
Sie verschränkt die Arme. „Uns könnte man nackt aneinanderbinden, und es würde nichts passieren.“
Meine Mundwinkel zucken. „Stimmt. Abgesehen davon würde das die Bewegungsfreiheit ziemlich einschränken.“
„Das wäre das kleinste Problem.“ Ihr Blick gleitet an mir herunter und wieder hinauf. „Ich glaube, damit könnte ich leben.“
Ich verenge die Augen. „Flirtest du mit mir, Shortcake?“
„Nein. Warum sollte ich?“
„Das habe ich mich, ehrlich gesagt, auch gerade gefragt.“
Logan räuspert sich. „Jetzt weiß ich ja, dass du damals mit mir geflirtet hast.“
Was glaubt ihr, wie viel von eurer Autorin steckt in dem Buch oder in dem ein oder anderen Charakter?
„Ziemlich viel, schließlich hat sie sich uns ausgedacht.“ Zwischen Logans Brauen gräbt sich eine Falte. „Sie muss auf jeden Fall Plüschtiere mögen.“
Ella lacht. „Die Bergziege. Schläfst du eigentlich immer noch mit der?“
„Das weißt du doch.“ Logan wirft ihr einen liebevollen Blick zu. „Aber das Original ist mir lieber.“
Wie würdet ihr eure Autorin beschreiben?
„Also, ich mag sie“, sagt Logan. „Sie ist nett und hat einen guten Sinn für Humor.“
„Ich auch.“ Ella schmunzelt. „Dich hat sie echt gut umgesetzt.“
Logan nickt. „Zielstrebig. Ambitioniert. Fokussiert.“
„Ja, das auch“, sagt sie. „Spontan hatte ich eher an dein Aussehen gedacht. Attraktiv. Und dein Hintern.“
„Du kannst es einfach nicht lassen“, murmelt Logan.
Wisst ihr wie es zum Titel kam? Stand der schon im Vorfeld fest oder hat er sich im Laufe des Schreibprozesses verändert? Oder hattet ihr sogar Mitspracherecht?
„Das war schon der Arbeitstitel“, sagt Logan und mustert Ella. „Don’t Kiss the Coach. Was hast du daran eigentlich nicht verstanden?“
Ella hebt das Kinn. „Du hast doch mich geküsst.“
„Habe ich das wirklich?“ Logan schlägt das Taschenbuch auf und beginnt zu blättern.
„Hat er nicht. Ich war’s“, formt Ella tonlos mit den Lippen. Dann räuspert sie sich. „Machen wir einfach mit der nächsten Frage weiter, solange er die Stelle im Buch sucht.“
Gefällt euch das Cover zu 100% oder hättet ihr noch einen anderen Wunsch oder Vorstellungen gehabt?
Logan blättert immer noch im Buch, schlägt es dann aber zu. „Mir gefällt es. Auch wenn ich jetzt nicht unbedingt aufs Cover gemusst hätte.“
„Das ist ein Kaufargument. So wie du aussiehst“, sagt Ella und betrachtet das Cover.
Was ist euer jeweiliges Lieblingszitat aus dem Buch?
„Diesmal darf ich.“ Ein schiefes Grinsen legt sich auf Logans Lippen.
„Von mir aus. Ich bin gespannt“, sagt Ella.
„Muss ich das jetzt bewerten?“, frage ich und habe mich wieder unter Kontrolle.
„Was willst du denn bewerten?“ Sie klimpert mit den Wimpern. „Ich habe doch noch gar nicht angefangen.“
Scheiße.
„Aber du darfst mir gern Feedback geben.“
Obwohl ich es besser nicht tun sollte, lehne ich mich ein Stück näher zu ihr. „Gefährlich“, flüstere ich. „Du könntest mit der Bewertung am Ende nicht zufrieden sein.“
Danke für das Gespräch

Montag, 19. Oktober 2026

[Wusstest du schon ...] KO-Tropfen aus dem Buch Kein liebes Kind von Sandra Halbe



Wusstest du schon, dass ...

... K.-o.-Tropfen auch K.-o.-Mittel, Knockout-Tropfen, Date-Rape-Drogen oder Vergewaltigungsdrogen genannt werden?

... K.-o.-Tropfen sedierend wirkende Stoffe bezeichnet werden, die meist im Zusammenhang mit Straftaten genutzt werden?

... dies auch Chemische Unterwerfung genannt wird, da sie meist unbemerkt verabreicht werden?

... K.o.-Tropfen meist einen Gedächtnisverlust verursachen, damit sich die Opfer nicht mehr an die Tat oder den Hergang erinnern?

... K.o.-Tropfen meist farb- und geruchslos sind, sich schnell abbauen und schwer nachweisbar sind?

... eine geringe Dosis euphorisierend, enthemmend und stimulierend wirkt?

... bei einer zu hohen Dosierung von z.B. GHB (Liquid Ecstasy) es zu Koordinationsstörungen, Schwindel, Müdigkeit oder Bewusstlosigkeit bis hin zum Tod durch Atemlähmung kommen kann?

... gewisse Wirkstoffe nur dann als K.-o.-Tropfen gelten, wenn sie unwissentlich eingenommen werden? 

Sonntag, 18. Oktober 2026

[Buchvorstellung einmal anders] Die Gabe des Königsgemahls - Chaoschroniken 3 von Tina Ariam


 
Buchvorstellung einmal anders

Ich warte seit einer Ewigkeit auf die Autorin Tina Ariam, aber sie kommt nicht. Ich setze mich in dem Park auf eine Bank und sehe einen Kindle dort liegen. Da ich von Natur aus, ein neugieriger Mensch bin, nehme ich ihn zu Hand.

Ich drehe den Kindle hin und her und öffne schließlich das darauf enthaltene Buch. Es ist genau das um das es heute gehen soll. „Die Gabe des Königsgemahls – Chaoschroniken 3“ von Tina Ariam. Ich beginne ein wenig darin zu schmökern. Nach einigen Minuten höre ich ein feines Stimmchen: »Hast du denn überhaupt keine Fragen? Interview einfach mich, deshalb bin ich ja da!«

Ich lache laut auf, denn ich liebe es mit Büchern zu reden und wer weiß neben der Autorin am meisten über das Buch? Vermutlich das Buch selbst. Als ich gerade beginnen will, läuft Tina auf mich zu und setzt sich zu mir auf die Bank. Nach einer Begrüßung lege ich mal los. 😊

Wollen wir das Interview nun zu dritt machen?
Die Gabe des Königsgemahls (DGK): Nur zu.
Tina: Gerne.
Danke, dass ihr heute Zeit gefunden habt, um mit mir zu reden.
DGK: Ich lag hier so rum.
Tina: Die Zeit nehme ich mir gerne.
Kannst du dich als Buch meinen Lesern vorstellen? Vielleicht in eigenen Worten, da die Leser den Klappentext auf der Verkaufsplattform lesen können?
DGK: In mir gibt es alte Bekannte, neue Königreiche, es wird epischer, aber es gibt auch mehr Kämpfe, mehr Entscheidungen und wir bekommen mehr von Erle, Glenna, Atticus und Khuna zu sehen. ;)
In deinem Inneren spielt sich ja so einiges ab, die in dir enthaltenen Charaktere erleben so einiges. Da du ja auch viel mit der Autorin zusammenarbeiten musst, kannst du uns vielleicht beantworten, ob es ihr leichter fällt sie durch einfache, schöne oder schwierige, düstere Zeiten und Situationen zu führen? Siehst du es als Autorin genau so?
Tina: Als Autorin fallen mir tatsächlich meistens die gemütlichen Szenen leichter, in denen nur geredet wird, in denen Zweisamkeit herrscht, man bei einem guten Wein beisammensitzt und ein wenig quatscht.
DGK: Schwierige Situationen sind nie leicht, aber sie gehören dazu. Man wächst. Ich blicke also nicht gerne auf die Situation selbst, sondern auf das danach, wie man sich verändert hat, was aus einem geworden ist. Auch bei einem guten Wein. ;)
Habt ihr Lieblingsstellen, die ihr uns gerne vorstellen würdet?
Tina: Mein Lieblingskapitel ist tatsächlich eines, das dieses Mal im Blütenkönigreich spielt und aus der Sicht eines Charakters ist, den wir zwar kennen, aber dessen POV wir bisher noch nicht gesehen haben.
DGK: Alle Kapitel mit Glenna.
Weißt du wie viel Tina tatsächlich in dir oder auch in dem ein oder anderen Charakter steckt? Hast du dazu noch etwas hinzuzufügen oder stimmst du deinem Buch zu?
DGK: Inzwischen gibt es so viele Charaktere, dass wahrscheinlich in jedem von ihnen ein Funken von Tina steckt. Das kannst du nicht leugnen, oder?
Tina: Tatsächlich nicht, nein. :) Aber ich würde sagen, dass alle auf ihre Art anders sind. Manche sind ein bisschen so, wie ich bin, andere sind so, wie ich war und wieder andere, wie ich gerne sein möchte.
Wie würdest du oder ihre Charaktere / Protagonisten / Antagonisten / Nebendarsteller die Autorin beschreiben? 
DGK: Das kommt wirklich auf den Charakter an. Nehmen wir Atticus. Ich glaube, am Beginn des Buches würde er Tina verfluchen und am Ende des Buches ihr mit einem Nicken danken für alles, was geschehen ist.
Wie seid ihr eigentlich zum Titel gekommen? Stand der schon im Vorfeld fest oder hat er sich im Laufe des Schreibprozesses verändert? Hattest du viel Mitspracherecht?
DGK: Mein erster Titel war anders. Aber ich habe Tina schon von Beginn an viele Probleme bereitet. Ich bin der Band, der den Bogen zwischen Romantasy und klassischer Fantasy spannt. Das war nicht leicht beim Schreiben, bei der Titelfindung und bei allem anderen.
Tina: Aber dein Cover hat das schönste Schloss und den schönsten Rahmen erhalten.
DGK: Das schon, ja!
Bist du zu 100% zufrieden mit deinem Cover / Outfit oder würdet ihr nachträglich gerne etwas ändern wollen?
Tina: Ich liebe das Cover. Wie gesagt, jedes Cover der Reihe hat ein Schloss und einen Rahmen, der ein Tor in die Welt dahinter ist und das Cover von Band 3 hat für mich bis heute das schönste Schloss und den schönsten Rahmen. Ich bin zufrieden.
DGK: Ich auch.
Zum Abschluss würde mich noch euer Lieblingszitat aus dem Buch interessieren.
DGK: Ein Zitat von Atticus!
»Danke. Edwin. Ich beginne mehr und mehr zu verstehen, warum Asher dich nicht hergeben wollte. Du bist gut darin, die richtigen Worte zu finden. Nicht die, die man sich erhofft. Aber die, die man hören muss.«
Die Leute, die an mir vorbeigehen, sehen mich schon komisch an, deshalb höre ich auf zu reden und lächle den Personen einfach zu. Aber ich lasse es mir nicht nehmen, noch einmal kurz zum Buch »Danke, für deine Geduld und Antworten« zuzuflüstern.

Dann wende ich mich der Autorin zu. »Danke dir für das sehr interessante Interview.«

Als Tina weggeht, vertiefe ich mich wieder in das Buch.

Samstag, 17. Oktober 2026

[Schnipseltime] Riding Free, Dancing Wild von Katy Lynn Peters


 

1 

Zoey

Mein Blick wandert zu der Uhr an der Backsteinfassade des kleinen Ladens.

Eine Stunde. So lange stehe ich hier schon. 

  Abgesprochen war, dass ich vom Flughafen aus den Bus nach Rockford – so heißt dieses winzige Städtchen – nehme und mich dann ein Fahrer zu der Ranch bringt, auf der ich ein Gästehaus gemietet habe.

Soweit ist alles reibungslos verlaufen. Bis jetzt.

Mein Problem sind nicht Flugzeuge oder Busse. Nein, mein persönlicher Endgegner sind Autos. Autos lassen meine Nerven blank liegen, lösen Panik in mir aus, bis ich keine Kontrolle mehr über meinen Körper habe.

Aus dem Grund vermeide ich diesen Endgegner in der Regel.

Ich trinke einen Schluck aus der kleinen Orangensaftflasche, in die ich mir eben im Bus einen großen Schluck Wodka gekippt habe.

Na ja, eigentlich war es anders herum. Es ist Wodka mit einem Schluck Orangensaft. So minimal verdünnt, dass die Flüssigkeit in meiner Kehle brennt und ich husten muss. Anders werde ich die Autofahrt nicht überstehen, und dass der Fahrer auf sich warten lässt, macht die Sache nicht besser.

Ich lese noch ein weiteres Mal die Buchungsunterlagen, die ich mir ausgedruckt habe, nur, um festzustellen, dass sie mir keine neuen Erkenntnisse liefern. Bei Fragen, steht dort, solle ich mich an Ace River wenden, gefolgt von einer Handynummer, bei der auch nach dem fünften Anruf nur die Mail-Box rangeht.

Mir bleibt im Moment nichts anderes übrig, als zu warten, was meine Ungeduld und meine Angst auf ein ganz neues Level hebt.

Da helfen nur weitere Schlucke aus der kleinen Flasche, die meine Finger fest umklammern.

Nervös und unfähig, ruhig stehenzubleiben, laufe ich vor einem der Geschäfte auf und ab.

Das Schild neben der Tür sagt mir, dass es sich um Rockfords Book Haven handelt. Die Besitzerin, eine rundliche, ältere Dame, guckt schon zum sechsten Mal durch das kleine Schaufenster zu mir rüber.

Ich kann es ihr nicht verübeln, denn ich wirke in meinem schwarzen Hoodie und der Sonnenbrille – auch wenn die Gläser die Form von Herzchen haben – nicht sehr freundlich. Und schon gar nicht so, als würde ich hierhergehören, denn dann müsste ich einen Cowboy-Hut tragen.

Mir dämmert langsam, dass es vielleicht keine gute Idee war, herzukommen.

Was habe ich mir, verdammt nochmal, dabei gedacht? Ich wollte weg aus New York. Weg von den Erinnerungen, die mich durch den Tag begleiten und wehtun.

Jetzt frage ich mich, ob es nicht auch die Hamptons getan hätten.

Nein, in den Hamptons gibt es zu viele Erinnerungen an Claire. Zu oft sind wir dort zusammen gewesen.

Claire.

Ich muss schlucken und spüre, wie sich mein Herz zusammenkrampft.

Was mache ich mir eigentlich vor? Ich könnte bis ans Ende der Welt reisen, überall gäbe es schmerzende Erinnerungen. Ich trage sie in mir. Claire war ein Teil von mir. Ohne sie klarzukommen, ist auch ein halbes Jahr nach ihrem Tod unvorstellbar.

In zwei Tagen ist mein Geburtstag und ihn ohne sie zu verbringen, ist so falsch.

Ich atme ein paar Mal tief durch, um mich zu beruhigen.

Es klappt nicht.

Tut es nie. Ich habe das Atmen verlernt, genauso wie das Leben.

Zusammengesunken beobachte ich, wie sich mein Schatten auf dem Asphalt abzeichnet. Er schwankt leicht. Dabei habe ich doch noch gar nicht so viel getrunken. Wie ein stiller Zeuge schaut er mich an und am liebsten würde ich mit ihm verschmelzen.

Unsichtbar werden.

Ein Schatten.

Ich reiße meinen Blick weg von dieser Dunkelheit, die mich verfolgt und zu verschlingen droht.

Komm schon, Zoey! Konzentrier dich auf was Schönes, versuche ich meinem mittlerweile leicht benebelten Gehirn einzureden.

Ich lenke meine Sinne auf meine Umgebung, ehe ich später dafür zu betrunken bin. Nehme den Geruch frisch gebackenen Brotes wahr, der aus der Bäckerei auf der gegenüberliegenden Straßenseite kommen muss. Es gibt genau eine Ampel, die bisher absolut überflüssig ist, denn es kam noch kein Auto an mir vorbei. Außerdem sehe ich einen kleinen Einkaufsladen, einen Shop für Anglerbedarf, ein Diner und ein Geschäft mit einem winzigen Schaufenster, bei dem es sich um einen Friseursalon handelt und den Anschein macht, er wäre schon hundert Jahre alt. Das Städtchen schmiegt sich zwischen zwei Hügelketten, die wie stille Beschützer stolz emporragen.

Ein Auto biegt um die Ecke, beendet meine Beobachtung, nur, um dann an mir vorbeizufahren.

Mist, es ist nicht mein Fahrer.

Die meisten Touristen werden sich wohl selber ein Auto mieten, ich jedoch setze mich nie mehr hinter ein Steuer.

  Wieder schaut die Ladenbesitzerin zu mir rüber. Ich überlege, ihr zu winken, stattdessen hebe ich die Flasche an den Mund und bete, dass ich nicht morgen noch hier stehe.

Die Dame in dem Laden meint es bestimmt nicht böse und ist nur wachsam oder neugierig, aber ich mag diese Blicke nicht, die sie mir zuwirft. Und auch die anderen Leute, die vorbeikommen, schauen mich neugierig an, bevor sie ihre Köpfe in eine andere Richtung drehen.

Ich will einfach nur allein sein. Und wo könnte man das besser als auf einer einsamen Ranch irgendwo in Montana? Weit weg von allen möglichen Triggern.

Ich zucke zusammen und stoße einen leisen Fluch aus.

Der Alkohol zeigt langsam seine Wirkung, denn ich habe die riesige Gestalt eines Mannes, die plötzlich neben mir auftaucht, nicht wahrgenommen.

Mit einem selbstsicheren Lächeln auf den Lippen nimmt er seinen Hut ab und hält ihn sich vor die Brust.

„Tschuldigung Ma´am, ich wollte Sie nicht erschrecken“, trällert er charmant und zwinkert mir zu.

Sein Haar ist schwarz und er trägt es zu einem Man-Bun auf dem Kopf zusammengezwirbelt. Seine Haut hat eine warme, dunkele Farbe. Es ist nicht die typische Bräune von jemandem, der sich viel draußen in der Sonne aufhält, sondern ein unverkennbares Zeichen, das auf seine Herkunft schließen lässt.

Der Bus ist an drei Reservaten vorbeigefahren. Das Nächstgelegene wies ein großes Holzschild mit einem Adler als Reservat der Lakota aus. Vielleicht liegen die Wurzeln des Mannes mit dem markanten Gesicht, auf dessen Wangen sich Grübchen bilden, wenn er lacht, dort.

Er ist gutaussehend und das weiß er.

Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, dass meine Mundwinkel leicht nach oben zucken.

„Mein Name ist Matho Reed, kann ich Ihnen helfen?“, stellt er sich vor und macht die kleine Hoffnung zunichte, er könnte der Fahrer sein, auf den ich schon so lange warte.

„Können sie nicht“, gebe ich grummelig zurück und stoße einen genervten Seufzer aus.

„Na komm schon, Kleine! Sag, was los ist, und ich versuche dir zu helfen.“

Scheinbar ist der Frauenheld der Stadt auf mich aufmerksam geworden.

Na toll.

Da ich keine andere Möglichkeit sehe, werde ich mich wohl mit dem Flirtversuch abfinden müssen und seine Hilfe annehmen.

„Ich warte seit … äh … lange … einer Stunde. Keine Ahnung. Ein Chauffeur … Fahrer … sollte mich abholen.“

Ja, der Alkohol ist definitiv in meinem Gehirn angekommen.

Dummerweise bin ich noch nicht so dicht, dass es mir egal wäre, wie wirr ich rede.

Mein Gegenüber zieht die Augenbrauen zusammen, versucht aus meinen Infos schlau zu werden.

„Ich habe ein Haus gemietet, auf einer Ranch.“ Okay, das war besser.

„Hast du die Nummer des Fahrers? Manchmal steht einfach eine Herde Bisons im Weg und man kommt nicht durch.“

 Bisons? Ist das sein Ernst?

 „Es geht nur die Mailbox ran.“

 „Weißt du, wie er heißt? Das ist eine Kleinstadt, hier kennt jeder jeden.“

„Ace River.“ Matho erstarrt.

Er setzt den Hut wieder auf, was lässig erscheinen soll, seine Wirkung jedoch verfehlt, weil er mich ungläubig anschaut.

„Ace soll dich abholen?“

Nervosität macht sich in mir breit. Ist Ace River einer von der schlimmen Sorte? Jemand, zu dem man nicht ins Auto steigen sollte?

„Was ist mit Ace River?“, frage ich panisch, was Matho nicht entgeht. Er lächelt mich an und beruhigt mit dieser Geste meinen überreizten Geist. Um ihn komplett ruhigzustellen, braucht es allerdings noch ein bisschen mehr Wodka.

„Ich bin nur überrascht, dass er dein Fahrer ist. Ace ist mein Freund, Süße.“

Es wäre an der Zeit, dass diesem Mann mal jemand erklärt, warum es nicht okay ist, eine Frau einfach Süße zu nennen. Da ich im Moment andere Sorgen habe, erspare ich ihm einen Vortrag über das Reduzieren auf Stereotype.

„Wie heißt die Ranch, zu der er dich fahren soll?“

„Es ist die Wild River Ranch.“

Ich verhaspele mich beim Aussprechen des Namens und hoffe, dass er nicht merkt, wie es mir mittlerweile zunehmend schwerer fällt, deutlich zu sprechen.

Matho lacht laut auf: „Okay, Süße. Da muss ein riesiger Fehler vorliegen. Ace organisiert Wanderritte für Touristen, aber nie würde er jemanden auf seiner Ranch wohnen lassen.“

Mir wird schlecht. Panik und Wodka randalieren in meinem Magen.

Mir fällt die Buchungsbestätigung ein, die ich Matho nun unter die Nase halte und die ich mittlerweile in- und auswendig kenne. Er liest aufmerksam und runzelt die Stirn.

„Du willst bis September bleiben? Das sind drei Monate?“

Überrascht blickt er auf.

Ich nicke. „So ist der Plan.“ Plan. Ein schönes Wort für etwas, das sich im Moment gefährlich wackelig anfühlt.

„Hör zu, ich werde Ace anrufen und versuchen, das zu klären. Vielleicht geht er bei mir ran.“

Mit diesen Worten lässt er mich stehen, entfernt sich weit genug, damit ich nicht hören kann, was er sagt.

Mit dem Finger schiebe ich die Sonnenbrille fest auf meine Nase. Mein Blick gleitet von den in die Jahre gekommenen Fassaden der Häuser hinauf zum Himmel. Er strahlt so blau auf mich herab, dass ich mir in meinem schwarzen Hoodie noch deplatzierter vorkomme.

Ich versuche mich auf meine Umgebung zu konzentrieren und nicht auf Matho, der in sein Handy spricht. Er hatte im Gegensatz zu mir keine Schwierigkeiten, seinen Freund zu erreichen.

Fröhliches Kinderlachen dringt an mein Ohr. Die Schule ist aus und eine Gruppe Kinder überquert mit ihren Schulranzen die Straße. Sie benutzen brav die Ampel. Mein Gehirn zeigt mir ein Bild von Claire und mir. Zwei Mädchen mit identischen Rucksäcken, an denen Ballettschuhe baumeln. Die Haare hochgesteckt, bereit für den Tanzunterricht. Mädchen mit demselben Traum, dem, eine Prima Ballerina zu werden.

Für Claire hat sich dieser Traum erfüllt. Jetzt ist sie tot und ich bin noch hier und alles daran fühlt sich falsch an.

 Die Erinnerung reißt mich mit sich, sie fährt mir direkt ins Herz und macht es zu einem schweren, schmerzenden Muskel, den ich am liebsten loswerden würde.

Schnell suche ich etwas anderes, auf das ich meine Aufmerksamkeit lenken kann. In der Ferne höre ich ein Windspiel leise klingeln. Der Wind trägt den Geruch von Blumen und Gras mit sich. Es ist ruhig. Ich mag es, stelle ich überrascht fest. Ja, wirklich. Hoffentlich liegt es nicht am Alkohol, denn für einen kurzen Moment fühlt es sich ganz okay an, hier zu sein.

Man sagt, New York schläft nie, und so ist es. Claire war durch und durch ein City-Girl. Rockford wäre ihr zu langweilig. Mir hingegen war New York schon weit vor Claires Tod zu viel. Dennoch hätte ich mich nie aus ihrer Nähe entfernt.

Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, wie Matho sein Handy in die Tasche seiner Jeans steckt und auf mich zustampft. Seinen Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten.

„Ace ist unterwegs“, berichtet er und ich warte auf weitere Erklärungen, doch er schweigt. Na klasse, das fängt ja super an.

 

Matho bleibt bei mir und erzählt mir lustige Anekdoten über dieses Städtchen. Er bemerkt nicht, dass ich ihm kaum folgen kann.

Dann stoppt sein Monolog und er deutet die Straße hinunter. „Da kommt Ace.“

Ein schwarzer Pick-Up-Truck nähert sich langsam. Er hält so dicht vor meinen Füßen, dass ich beinahe einen Satz zurück mache. Die Motorhaube reicht mir bis zur Brust. Mit diesem Monster hätte er locker einen Bison überfahren können.

Ich hebe meinen Blick von der schmutzigen Motorhaube zu dem Mann, der mich durch die Windschutzscheibe finster ansieht.

Lange.

Dann steigt er aus.

Zu meiner Überraschung trägt er keinen Cowboy-Hut. Der Dresscode der Stadt ist ihm wohl egal.

Seine Haare sind kurz. Praktisch. Genauso wie sein restliches Outfit, bestehend aus Jeans, Shirt und staubigen Stiefeln. Auf der linken Seite seines Ärmels blitzt eine Tätowierung hervor, bei der ich nicht erkennen kann, um was es sich handelt. Ein leichter Bartschatten zieht sich über seinen angespannten Kiefer. Er hat so blaue Augen, dass ich sie länger betrachte, als mir lieb ist. Seine harte Miene behält er bei. Fehlt noch, dass Rauch aus seinen Ohren kommt.

Der laute Knall der Autotür lässt mich zusammenzucken.

Einer seiner Mundwinkel hebt sich leicht. Ihn amüsiert meine Reaktion. Ace River ist also ein Arsch.

Ich schnaube in seine Richtung, aber er lässt mich links liegen. Geht an mir vorbei zu Matho, um ihn zu begrüßen.

Mein Puls rast vor Wut. Für das Geld, was ich ihm gezahlt habe, müsste er eigentlich einen roten Teppich ausrollen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2

Ace

 

Als ich von Matho hörte, dass in der Stadt eine Zoey Winter aus New York behauptet, auf mich zu warten, war ich erstmal sprachlos. Angeblich hat sie Buchungsunterlagen, die beweisen sollen, dass sie das alte Haus auf meiner Ranch gebucht hat.

 Als hätte ich Spaß daran, jeden Tag rund um die Uhr Touristen auf der Ranch zu haben.

Nein, danke!

Ich schaue auf sie hinab. Ihre kleine Gestalt versinkt in einem viel zu großen Pulli. Unter der Kapuze quillt ein Schwall blondes Haar hervor. Ihre Augen versteckt sie hinter einer lächerlichen Sonnenbrille in Herzchenform.

Stocksteif steht sie da. Wütend.

Liegt es daran, dass ich erst Matho begrüßt habe? Oder daran, dass ich ihr beinahe über die Füße gefahren bin?

Ach, eigentlich ist es mir egal.

„Ist das die neuste Masche, um sich Urlaub zu erschleichen?“, frage ich sie. Meine Stimme ist alles andere als freundlich.

„Wie bitte? Ich habe mir nichts erschlichen.“ Sie presst die Worte zwischen ihren Zähnen hervor.

„Wir sollten den Sheriff holen, dann kannst du ihm diesen Bullshit erzählen.“ Ihre Zähne vergraben sich in ihrer vollen Unterlippe. Noch ein wenig fester und sie wird sie durchbeißen.

„Ich habe es offiziell gebucht und eine Menge Geld bezahlt und das kann ich belegen“, sie hält mir einen Zettel vors Gesicht, der mich nicht im Geringsten interessiert.

„Tja, nur ist das Geld nie bei mir angekommen.“

„Dann sollten wir wohl wirklich den Sheriff holen, dem kannst du erzählen, was du mit meinem Geld gemacht hast. Ich habe nichts zu verbergen.“ Sie dreht den Spieß rum, das kleine Biest.

„Willst du behaupten, dass ich Touristen abzocke?“

„Du behauptest, ich würde mir einen Urlaub erschleichen“, faucht sie.

„Okay, ihr beiden“, Matho tritt beschwichtigend zwischen uns, „wir sollten alle kurz durchatmen.“

Zoey schaut weg und reibt ihre Schläfen.

Aus den Taschen ihres Pullis zieht sie eine kleine Orangensaftflasche, die sie in einem Zug leert und anschließend in ihrem Rucksack verstaut.

Ihre Bewegungen haben etwas Träges, als würde sie etwas sehr Schweres mit sich rumtragen.

Sie atmet tief durch und strafft die Schultern, um dann beide Arme fest um ihren Körper zu schlingen, als wolle sie verhindern, auseinanderzufallen.

„Ich denke, wir sind beide betrogen worden“, sagt sie ausdruckslos.

Es überrascht mich, denn ich hatte damit gerechnet, dass sie weiter fauchen wird.

Und da ist noch etwas, was mich aufhorchen lässt. Ihre Stimme. Sie klingt undeutlich, die Worte seltsam verwaschen. Ist das ein Dialekt? Reden New Yorker so? Oder lallt sie etwa?

 Ehe ich weiter darüber nachdenken kann, greift sie nach ihrer riesigen Reisetasche, hängt sie sich umständlich um, wobei sie bedenklich schwankt.

Matho, der es ebenfalls bemerkt, umfasst ihren Arm, um sie zu stabilisieren. Sie wehrt seine Hand ab. Anschließend wirft sie sich den Rucksack auf den Rücken.

„Danke für deine Hilfe, Matho, das war sehr nett“, ihre Worte klingen kraftlos.

Beladen wie ein Packesel, steht sie trotzdem aufrecht. Sie will vor uns keine Schwäche zeigen. Ihren Körper hat sie im Griff, in ihrem Gesicht hingegen zeichnet sich pure Verzweiflung ab. Dabei kann ich nicht mal ihre Augen sehen, die mir mehr verraten könnten.

Was ich weiß: Sie ist keine Betrügerin. Da bin ich sicher.

  Sie nickt Matho und mir zu, dreht sich um und geht.

„Warte, wo willst du hin?“, ruft Matho ihr hinterher und sieht mich hilfesuchend an.

„Weg!“ Sie zieht die Kapuze ihres schwarzen Pullis tiefer ins Gesicht.

„Wir können sie nicht einfach so gehen lassen. Sie weiß doch gar nicht, wo sie hinsoll“, sagt Matho.

„Das ist nicht unser Problem.“

Mein Freund sieht mich wütend an, ehe er Zoey nachsetzt, die noch nicht sehr weit gekommen ist.

Kopfschüttelnd trotte ich hinterher und glaube mich verhört zu haben, als Matho sagt: „Zoey, wenn du magst, kannst du bei mir wohnen.“

Er schenkt ihr sein schönstes Junggesellenlächeln.

Ich stöhne, angewidert von seiner Art, ihr dieses Angebot zu unterbreiten.

Zoey mustert ihn kurz, bevor sie weitergeht.

Ich wundere mich über mich selbst, weil es mich ein kleines bisschen freut, dass sie nicht auf Mathos Angebot eingegangen ist.

Matho ist ein Frauenmagnet und viele Damen dieses kleinen Städtchens sind seinem Charme bereits erlegen. Die kleine New Yorkerin konnte er mit seinem unerschütterlichen Selbstbewusstsein bisher nicht beeindrucken.

„Hast du toll gemacht, Kumpel. Sie mag dich“, ziehe ich ihn auf.

Matho ist sichtlich verwundert über diese Abfuhr, schließlich bekommt er nicht viele. Dann atmet er tief ein, um ihr anschließend wieder nachzueilen. Oh Mann, so langsam reicht es mir. Hat er neuerdings ein Helfersyndrom oder ist es sein Jagdtrieb, der ihn antreibt und ihn wie ein Hündchen hinter ihr herlaufen lässt?

„Du könntest nur für eine Weile bleiben, bis du was anderes gefunden hast.“ Sie bleibt stehen. Legt den Kopf schräg, denkt scheinbar über sein Angebot nach. Wieder ist diese allumfassende Verzweiflung auf ihren Gesichtszügen zu erkennen.

„Er wohnt in einem Loft“, sage ich schärfer als beabsichtigt.

Mathos Kopf ruckt zu mir. Er starrt mich an.

Ehrlich gesagt, habe ich keinen Schimmer, warum ich das gerade von mir gegeben habe. Ich gönne meinem Freund jedes Mädchen, aber strenggenommen sollte Zoey in diesem Moment mit mir im Auto sitzen, um bei mir zu wohnen.

Schnell schiebe ich den Gedanken beiseite, weil er nicht zu dem passt, was ich eigentlich will.

Nämlich meine Ruhe.

„Ein Loft“, wiederholt sie mit gerunzelter Stirn. 

„Offene Küche, offenes … Bad“, zähle ich auf.

„Ich habe kein offenes Bad, du Idiot!“ Er lässt es beleidigt klingen, aber ich höre den amüsierten Unterton in seiner Stimme.

Was ich dann sage, grenzt an geistige Umnachtung: „Du kannst im Haus auf der Ranch wohnen.“

Zoey sagt nichts.

Matho fällt die Kinnlade runter. Er kann wohl nicht glauben, was ich da gerade von mir gegeben habe.

Kann ich ja selber nicht. Eigentlich dürfte es mir egal sein, wo sie unterkommt, aber wenn ihr etwas zustoßen sollte, würde ich es mir vorwerfen. Genau wie Matho. Was nicht erklärt, warum ich möchte, dass sie mit mir fährt.

Ich verdränge den Gedanken.

„Wieso?“, will sie wissen.

Es verunsichert mich, dass ich ihre Augen durch die dunklen Brillengläser nicht sehen kann. Ich schaue Menschen gerne in die Augen. Dennoch weiß ich, dass sie meine Reaktion auf die Frage genau beobachtet.

Ich zucke mit den Schultern. „Es ist die einfachste Lösung.“

 Es macht den Anschein, als wollte sie wieder weglaufen.

 Ein kleiner Teil in mir, der Teil, der ihr versprach, sie könne das Haus haben, will sie unbedingt davon abhalten.

 Idiotisch, Ace. „Du müsstest mir aus dem Weg gehen. Ich kann niemanden gebrauchen, der mich bei der Arbeit stört, und ich habe keine Lust auf Gesellschaft, dafür hättest du deine Ruhe“.

Man kann es in ihrem Gehirn förmlich rattern hören. Ich habe anscheinend das Richtige gesagt, denn ihre Gesichtszüge werden weicher, sie entspannt sich ein wenig. 

„Hör zu, mir ist egal, wie du dich entscheidest, nur könntest du dich ein wenig beeilen, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Also, Loft oder Ranch?“

Zoey schnaubt leise und ich muss mir ein Grinsen verkneifen.

Mathos Lippen formen lautlos das Wort Arsch. Ja, kann sein.

Im Moment fühle ich mich eher wie jemand, der an einer Quiz-Show teilnimmt und auf die langersehnte Antwort wartet.

Wird sich Zoey Winter für die Ranch entscheiden und somit mein erster Urlaubsgast, oder geht sie mit Matho, um eventuell seine nächste Kerbe im Bettpfosten zu werden?

„Ranch“, raunt sie die Antwort und ich hole tief Luft.

Ich habe nicht bemerkt, dass ich den Atem angehalten habe.

In ihrem Gesicht kann ich ablesen, wieviel Überwindung es sie kostet. Sie würde lieber sterben, als um Hilfe zu bitten. Und das ist eine Eigenschaft, die ich nur zu gut kenne. Vielleicht haben wir Gemeinsamkeiten.

Ich greife nach der riesigen Tasche über ihrer Schulter. Komme Zoey dadurch so nah, dass mir ihr Geruch in die Nase steigt.

Vorsichtig lehne ich mich noch ein Stück zu ihr.

Zitrone.

„Das kann ich selbst“, schnauzt sie mich an.

„Ich weiß, aber das gehört zum Service, Miss Winter, also gib schon her.“ Sie schenkt mir ein aufgesetztes Lächeln, verabschiedet sich von Matho und setzt sich in den Truck.

 Matho grinst mich an und klopft mir auf die Schulter: „Dann bring das Mädchen mal in deine Höhle, Neandertaler.“