
Wir hatten Juni und über zwanzig Grad, doch auf dem
Wasser fühlte es sich kälter an. Der Wind zerrte an meinem Haar, biss in meine
Wangen. Der alte Fischerkahn hüpfte über die Wellen, und meine Finger
klammerten sich an die Reling. Mir war übel. Der Gedanke an das Treffen mit dem
Leiter der Forschungsstation machte es nicht besser.
Es hätte schlimmer sein können, und vor Kurzem war
es das auch noch. Doch das Leben ging weiter. Die Welt drehte sich weiter. So
war es, so würde es bleiben. Bis es eines Tages nicht mehr so wäre. Aber bis
dahin, sagten die Wissenschaftler, vergingen noch ein paar Milliarden Jahre.
Ich seufzte.
Schritte näherten sich, und ein Mann stellte sich
neben mich. Sein Blick hing an der Nebelbank vor uns. Er war alt. Graues Haar
flatterte um sein Gesicht, und die Falten um seine Augen wirkten tiefer als der
Marianengraben. Salzkristalle funkelten darin. Vielleicht bildete ich mir das
auch nur ein. Aber an einem Ort wie diesem wusste man das nie so genau. Hier,
tief im Süden Englands, war die Magie der Fae noch immer stark.
»Sollten Sie nicht am Steuer sein, Kapitän?«
»Autopilot«, erwiderte er knapp.
Schon als ich ihn anheuerte, war er mir nicht wie
der gesellige Typ vorgekommen. Egal. Ich blickte wieder zum Nebel.
»Sind Sie sicher, dass Sie zur Isle of Veil
wollen?«, fragte er.
Ja, war ich.
»Die Leute dort sind ein eigener Schlag«, sagte er
leise. »Und dann die Dämonen. Kein guter Ort für eine junge Frau wie Sie, Ms
...«
»Nennen Sie mich Ivy.«
Sein Nicken wirkte zögerlich, beinahe widerwillig.
»Sie mögen keine Dämonen?«, fragte ich.
»Ich traue ihnen nicht, wenn sie ungebunden sind.«
Das sollte man nie. »Es ist eine Aufzuchtstation,
Kapitän. Die Exemplare dort sind alle noch sehr jung. Harmlos.« Zumindest
redete ich mir das ein.
»Wenn Sie es sagen, Ms …«
»Ivy.«
Stille senkte sich zwischen uns. Unter uns glitt ein
Schwarm leuchtender Wesen vorüber. Für einen Moment wirkte ihr Anblick beinahe
tröstlich. Ich beugte mich vor, um besser sehen zu können. Da löste sich ein
gewaltiger Schatten aus der Tiefe, verschluckte das Licht und schoss unter dem
Boot hervor. Das Wasser wirkte plötzlich dunkler, schwerer. Mein Herz setzte
einen Schlag aus.
»Alles gut.« Der Kapitän legte eine Hand auf meinen
Unterarm. Die Berührung seiner rauen, schwieligen Finger fühlte sich seltsam
beruhigend an. »Das ist nur sie.«
Ein weißer Buckel durchbrach die Wasseroberfläche.
Größer als ein Wal, viel größer. Fasziniert starrte ich auf die Schuppen, die
im Sonnenlicht wie Perlmutt funkelten. Dann glitt das Wesen wieder in die
Tiefe. Kurz bevor es verschwand, peitschte sein Schwanz das Meer auf. Gischt
spritzte, das Boot geriet ins Schlingern. Doch der Anblick war zu schön, um ihn
mir von meinem rebellischen Magen verderben zu lassen.
»Sie mag Sie.« Der Kapitän lächelte zum ersten Mal,
seit wir uns begegnet waren. »Die Herrin der Isle of Veil hat Sie persönlich
willkommen geheißen. Ich denke, Sie werden sich auf der Insel zurechtfinden,
Ivy.« Er wandte sich ab und ging mit dem schwankenden Schritt eines Mannes
davon, der mehr Zeit auf dem Wasser verbracht hatte als an Land.
Wir tauchten in den Nebel ein, und seine feuchte
Kühle legte sich auf mein Gesicht. Um mich herum nichts als stilles,
friedliches Weiß. Kein Wind. Keine Wellen. Selbst der salzige Atem der See
wirkte gedämpft. Der Nebel hatte immer wie ein schützender Ring um die Insel
gelegen. Man erzählte sich, sie
habe ihn erschaffen: Die Herrin der Insel, eine der letzten Fae, die nicht mit
ihrem Volk weitergezogen war.
Dann, von einem
Augenblick auf den anderen, lichtete sich der Dunst. Sonnenlicht blendete mich.
Vor mir lag ein grünes Eiland. Auf den ersten Blick wirkte es wie ein
unberührtes Paradies. Doch eine Straße durchschnitt das Grün, und über den
Bäumen im Osten stieg Rauch auf.




