
Stolpernd hetzte
ich durch den Wald, ohne nach links und rechts zu sehen. Mir war egal, dass ich
die falsche Richtung einschlug und mich von der Höhle entfernte. Alle Hoffnung,
die in den vergangenen Monaten gewachsen war, löste sich auf wie Nebel im Wind.
Man darf
Göttinnen nicht glauben!
Der Schnee wurde
höher, und ich kam kaum noch voran. Irgendwann ließ ich mich einfach fallen.
Reif legte sich
auf meine Wangen. Tränen, die ich nicht gespürt hatte, erstarrten zu Kristallen
und sanken lautlos in den Schnee. Kälte fraß sich tiefer, bis in mein
Innerstes.
Ich blieb liegen.
Selbst wenn ich
nicht sterben konnte – eingefroren müsste ich nichts mehr fühlen, nicht denken.
Würde nie mehr verraten werden.
Und nie wieder
hoffen.
Müdigkeit umfing
mich mit gnädigen Armen und ich ergab mich erleichtert. Schlaf kam dem Tode
nahe, ich wünschte mir, nie mehr aufzuwachen.
Mein ganzes Leben
lang ertrug ich jeden Schmerz, ich litt, fiel und stand auf. Doch dieser letzte
Bruch, die Wärme, die Máire in mein Herz gepflanzt hatte, damit die Morrigan
sie mir wieder entriss, überschritt das Maß des Erträglichen und raubte mir den
Willen, weiterzumachen.
Etwas Kaltes
strich über meine Schläfe.
Mühsam öffnete
ich die Augen.
Das Erste, was
ich hinter einem Vorhang aus Eiskristallen wahrnahm, war ein riesiger Schatten,
der sich gegen die Dunkelheit abhob. Ein breiter Schädel, Schlappohren, eine
warme Zunge, die über meine Wange glitt.
Die Luft flirrte.
Im nächsten
Moment kniete ein Mann neben mir im Schnee. »Du musst aufstehen.« Seine Stimme
war dunkel, ruhig. Er hielt mir die Hand hin.
Ich schüttelte
kaum merklich den Kopf.
»Du erfrierst,
wenn du liegen bleibst.« Sacht strich er mein Haar zurück. »Zumindest wird dir
erbärmlich kalt. Umbringen wird es dich wohl nicht, du bist ein Sidhe.«
Blinzelnd schaute
ich ihn an und erkannte den Mann, der neben meinem Bruder gesessen hatte.
Panisch versuchte ich, von ihm wegzukriechen.
»Nicht, ich tue
dir nichts.« Er sprach sanft, fast lockend. »Komm mit, ich bringe dich ans
Feuer.«
Als ich mich
nicht rührte, setzte er sich nahe bei mir hin. »Dann frieren wir eben beide.«
Eine Wolke aus Dampf bildete Eiskristalle in seinem dunklen Bart. Leiser fügte
er hinzu: »Ich vermutlich mehr als du.«
Er trug dünne
Kleidung wie alle in Morrigans sommerlichen Gefilden. Ich dagegen hatte
Wintersachen an, weil ich außerhalb des geschützten Bereiches wohnte. Der
Gedanke, dass er meinetwegen fror, gefiel mir nicht. Außerdem war er keiner
ihrer Wölfe, sondern etwas anderes. Seine runden Ohrmuscheln wiesen ihn als
Menschen aus. »Geh weg!« Meine Stimme klang rau.
»Früher war ich
wie du. Es gab niemanden, dem ich traute. Ich war einsam und beobachtete die
Leute – getrieben von der Sehnsucht, dazuzugehören – und mit der Gewissheit,
dass ich nie einer von ihnen würde.« Erneut bot er mir die Hand an. »Komm, das
Feuer der Morrigan ist warm und sicher.«
»Sie ist eine
Göttin«, stieß ich hervor. »Man kann ihr nicht trauen.«
»Da widerspreche
ich nicht. Aber vertrau mir.«
Wie konnte ein so
großer Mann so weich mit einem anderen reden? Als fühle er wirklich, wie es mir
ging.




