
Mein Vater lehnt auf dem Stock. Seine Krankheit hat einen Greis
aus ihm gemacht. Seine Wangen sind eingefallen, da sind Bartstoppeln auf seinem
sonst immer glattrasierten Gesicht. Sein Haar ist schütter und ergraut. Er ist
ein Schatten seiner selbst. Wo ist der strenge Mann, der mich stets gemaßregelt
hat, wenn ich mich nicht züchtig genug verhielt?
„Noah.“ Die Tonlage ist undeutbar.
„Wie … geht es dir, Papa?“ Ich fühle mich unwohl, hier zwischen
Tür und Angel. Reinbitten werden meine Eltern mich aber vermutlich nicht. Viel
eher jagen sie mich gleich davon.
„Ich sterbe.“ Die Gelassenheit, mit der er spricht, jagt mir eine
Gänsehaut über den Rücken.
Ich öffne den Mund und schließe ihn wieder. Die passenden Worte
wollen nicht kommen. Was sagt man auch darauf?
„Aber das ist in Ordnung. Ich bin bereit für das Paradies. Ich bin
bereit, deinen Bruder wieder zu treffen.“
„Wenn er denn da ist.“ Die Stimme meiner Mutter ist leise, ihr
Blick ist gen Boden gerichtet.
Das ist wohl DIE Gelegenheit, um sie zu fragen, doch mein Vater
durchkreuzt meine Pläne.
„Komm doch rein.“
Ich denke, mich verhört zu haben. Lädt er mich ernsthaft ins Haus
ein?
„Ahm …“
Er dreht sich um und wackelt mit seinem Stock den Flur lang. Auch
meine Mutter ist sichtlich überrascht, sagt jedoch nichts und folgt ihrem Mann.
Wie immer. Eine gute Frau widerspricht ihrem Ehemann nicht.
Eilig streife ich meine Schuhe ab und betrete das Haus, in dem ich
aufgewachsen bin. Es sieht alles noch aus wie früher. An den Wänden hängen
Kinderfotos, auch von mir, was mich überrascht. Ich habe angenommen, sie hätten
mich aus ihrem Leben gelöscht.
Ich wende meinen Blick ab und folge meinen Eltern ins Wohnzimmer.
„Ich setze uns Tee auf“, sagt meine Mutter und verschwindet in der
Küche.
Mein Vater sitzt bereits in seinem alten Schaukelstuhl. Ob das
eine gute Idee ist? Kommt er da wieder raus? Ich verkneife mir jeden Kommentar
und nehme ihm gegenüber auf der alten Couch Platz. Es ist dieselbe, auf der
Adam und ich als Kinder herumgesprungen sind, wenn meine Eltern es nicht
mitbekommen haben. Auch diesen Raum schmücken etliche Bilder. Erst jetzt fällt
mir auf, ich bin auf keinem älter als zwölf Jahre. Vermutlich, weil der Teufel
erst in der Pubertät von mir Besitz ergriffen hat. Da habe ich angefangen,
alles zu hinterfragen, frech zu werden und mit Jungs zu schlafen. Mit zehn
Jahren war ich wohl noch nicht vom Weg abgekommen, wie es meine Eltern
formulieren würden.
„Früher sind wir beide in diesem Schaukelstuhl gesessen“, sagt
mein Vater plötzlich. „Genau hier hab ich dich gehalten.“ Er beugt seinen Arm
und schaut hinab, als könnte er tatsächlich ein Baby sehen. „Du hast mich mit
deinen dunklen Augen angesehen. Du hast sie von deiner Großmutter geerbt. Sie
war auch immer sehr eigensinnig.“ Ich frage mich, ob mein Vater meine
Anwesenheit schon vergessen hat, so weggetreten ist er, als er plötzlich seinen
Blick hebt und mich direkt ansieht. „Wenn du jetzt so vor mir sitzt, dann kann
ich kaum glauben, dass du jemals hier reingepasst hast.“ Tränen glitzern in
seinen Augen. „Manchmal frage ich mich, ob ich dich nicht fest genug gehalten
habe. Vielleicht könntest du immer noch hierher passen, wenn ich mir mehr Mühe
gegeben hätte.“
Mein Hals wird trocken und meine Augen feucht. Ich verstehe, was
er mir sagen will. „Papa, du …“
„Ich konnte ihn nicht retten“, werde ich unterbrochen. „Und dich
auch nicht.“
„Du musst mich nicht retten.“ Heftig blinzele ich. „Papa, ich muss
nicht gerettet werden. Es geht mir gut.“
„Hast du ein Mädchen?“
„Nein.“
„Willst du für immer allein sein?“
„Ich bin doch nicht allein.“
Da
ist so viel Unverständnis in seinem Blick und abermals schmerzt es tief in
meiner Brust. Es ist, als würden wir zwei verschiedene Sprachen sprechen.
Vermutlich tun wir das.




