Kapitel 1 – Nuray
Sein elendiges Gejammere klingelte unangenehm in meinen
Ohren, doch trotz meines strafenden Blickes wollte der Vorsteher von Onyr
einfach nicht damit aufhören.
„… und die Ernte aus Garantur reicht schon lange nicht mehr.
Wenn wir nur eigene Felder anlegen könnten, dann -“
„Habe ich mich beim letzten Mal missverständlich
ausgedrückt?“, fragte ich betont leise und endlich presste er die Lippen
aufeinander und verstummte. Nicht so jedoch sein nichtsnutziger Sohn, der ihn
begleitet und bisher schweigend neben ihm gestanden hatte.
„Aber Fürst Nuray, Ihr könnt nicht -“
Noch während ich eine Braue nach oben zog, ob dieser
Unverfrorenheit, presste der Alte seinem Sohn hektisch eine Hand auf den Mund.
„Bitte verzeiht, mein Fürst, er ist noch jung, er weiß nicht -“
Doch dieser schüttelte die Hand seines Vaters ab. „Ich weiß
genug, dass -“
Ich erhob nicht einmal meine Stimme, als ich mich an den
Ortsvorsteher wandte. „Bring ihn zum Schweigen, bevor ich es tue.“
Der Alte nickte hastig mit aufgerissenen Augen und seine
schlaffen Wangen bebten, dennoch riss der törichte Junge sich wieder los und
wagte es sogar, ein paar Schritte auf mich zuzukommen.
Die Wachen reagierten umgehend, zogen fließend ihre Waffen und
sprangen vor, doch nach einem Wink von mir hielten sie sich zurück,
durchbohrten ihn nicht mit ihren Klingen, sondern richteten diese nur warnend
auf seine Kehle.
Als ich mich erhob, war die Stille im Thronsaal zum
Zerreißen gespannt. Die Schatten flossen wie von selbst zu mir, kräuselten sich
um meine Hände.
Der Alte fiel wimmernd auf die Knie, presste seine Stirn auf
den Steinboden, wagte aber nicht, die Stimme erneut zu erheben.
Langsam waberten die Schatten zwischen den Wachen hindurch
zu dem jungen Mann, dessen Augen sich nun in Panik weiteten. Ohne eine Miene zu
verziehen, sah ich dabei zu, wie sich die dunkle Schlinge um seinen Hals legte
und zuzog, als ich die Faust schloss. Die Farbe wich aus seinem Gesicht und
seine Hände kratzten über seine Kehle, als sie vergeblich versuchten, die Enge
um seinen Hals zu lösen.
„Wenn ich sage, dass du schweigen sollst“, erklärte ich
ruhig, „dann wirst du schweigen. Hast du mich verstanden?“
Das Nicken war kaum erkennbar, doch seine Augen gaben mir
eine eindeutige Antwort.
Seine Angst wirkte beinahe greifbar, aber vielleicht war das
hier nötig, um diese leidigen Diskussionen über Lichtfelder in Onyr endlich zu
beenden und ein längst überfälliges Exempel zu statuieren.
Ich dachte, sein Vater hätte das längst begriffen, doch offenbar
schien eine regelmäßige Erinnerung nötig zu sein.
Langsam drückte ich fester zu, beobachtete, wie er einem
Fisch gleich nach Luft schnappte. Kleine Äderchen platzten und färbten das Weiß
seiner Augäpfel rot.
Der Vorsteher rutschte nun doch mit tränennassem Gesicht
näher. „Bitte, lasst Gnade walten, mein Fürst. Ich flehe Euch an!“
Ich antwortete nicht, wartete stattdessen, bis die Schatten
dem jungen Mann endgültig die Luft abschnürten und seine Lippen sich blau
färbten, dann erst zog ich die Schwaden zurück. Als er an Ort und Stelle
zusammensackte und rasselnd um Atem rang, traten auch meine Wachen wieder an
ihre angestammten Plätze und ließen den Vorsteher durch zu seinem Sohn.
„Lasst euch das eine Lehre sein. Und jetzt verschwindet.“
„Natürlich, Herr. Habt Dank, Fürst Nuray. Vielen Dank, dass
ihr sein Leben verschont habt!“, stammelte der Alte, doch ich wandte mich
bereits von ihm ab. In meinem Rücken hörte ich die hektischen Schritte der zwei
Männer und lauschte auf das klägliche Wimmern und Husten des jüngeren, bis die
Türen hinter den beiden ins Schloss fielen.
Hoffentlich hielt die Abschreckung für eine Weile an und mir
weitere Bittstellende vom Hals.