
»Hierher wollte ich mit dir,
um zu schwimmen.«
»Mit all der Kleidung?« Ich
blicke skeptisch auf meine üppigen Stofflagen. »Oder meinst du – nackt?«
Er hebt die Schultern. »Warum
nicht? Außer uns ist niemand in dieser Bucht. Und das wird auch so bleiben,
denn die Insel Hyperborea ist den Göttern vorbehalten.«
»Aber ... du bist hier.«
Verlegen schaue ich ihn an.
»Du wärst nicht die erste
Frau, die ich ohne Kleidung gesehen habe.« Um seine Mundwinkel zuckt es.
Das glaube ich ihm sofort.
Der Sonnengott hat nicht unbedingt den Ruf, ein Kostverächter zu sein. Auch
wenn er nicht so schlimm sein soll wie sein Vater oder Poseidon. Außerdem wirkt
es nicht so, als wolle er unser Bad als Auftakt zu einer Verführung inszenieren.
Vielmehr scheint es für ihn ganz natürlich zu sein, dass wir uns voreinander
entkleiden.
»Na, komm. Du wirst sehen:
Das Wasser ist herrlich.«
Lässig lässt er seine
Kleidung hinabgleiten, und mein Mund wird augenblicklich so trocken, dass jeder
meiner keuchenden Atemzüge kratzig klingt.
Wer jemals den Ausdruck
benutzt hat: Er sieht aus wie ein
griechischer Gott, muss an Apollon gedacht haben. Er besitzt eine
anbetungswürdige Figur, mit schmalen Hüften, schlanken Beinen und einem
muskulösen Oberkörper. Jeder einzelne Muskel ist perfekt definiert.
Wie soll ich mich denn nun
selbst ausziehen? Mein menschlicher Körper erscheint mir maximal unzureichend,
mit kleinen Dellen am Oberschenkel und Pölsterchen am Bauch. Timo hat mir oft
gesagt, ich sollte mehr Sport machen, damit meine Figur straffer wird.
Abwehrend hebe ich die Hände.
»Nein, das kann ich nicht.«
Apollon kommt auf mich zu –
nackt, in all seiner Perfektion – und meine Verlegenheit wächst ins
Unermessliche. »Du bist wunderschön, so wie du bist.«
»Kannst du etwa Gedanken
lesen?«
Seine Lippen kräuseln sich.
»Das muss ich nicht. Deine unsinnige Scham steht dir ins Gesicht geschrieben.
Also los, runter mit der Kleidung. Ich schaue auch nicht hin.«
Schon dreht er sich um und
geht mit energischen Schritten auf das blaugrün funkelnde Meer zu. Natürlich
ist sein knackiges Hinterteil absolut formvollendet. Einen kleinen Moment lang
gestatte ich mir einen Blick auf Apollons Kehrseite, dann ziehe ich hastig
meine Kleidung aus.
Schnell folge ich ihm ins
Wasser, bemüht, im Nass zu versinken, bevor er meinen Körper betrachten kann.
Ich erreiche das Meer in der Sekunde, als er mit einem Hechtsprung in die
Fluten gleitet. Ich tauche ebenfalls unter und genieße, wie das warme Wasser
mich umspült. Ich mache einige Tauchzüge, bevor ich prustend wieder hochkomme.
Apollon strahlt mich an. »Na,
ist das nicht herrlich?«
»Das ist es.« Ich bin
dankbar, dass er mich dazu gebracht hat, meine Scham zu überwinden. Es ist
berauschend, das Nass zu spüren, ohne störende Kleidung.
»Im Übrigen gibt es nichts,
was du verstecken müsstest. Du hast eine wunderbare Figur.«
»Hey!« Ich spritze ihn mit
Wasser voll. »Ich dachte, du wolltest nicht hinsehen.«
Ein Lachen steigt in ihm auf.
»Nun, es drängt sich in dem klaren Wasser quasi auf.« Er deutet auf unsere
Körper, die man mehr als deutlich im Meer erkennen kann.
Doch plötzlich stört es mich
nicht länger. Apollon hat mir gesagt, dass ich schön bin, genauso wie ich bin.
Und er meint es so, das merke ich an seinem bewundernden Blick. Außerdem hat er
bisher das ausgesprochen, was er denkt. Zum ersten Mal gibt mir ein Mann – ein
Gott! – das Gefühl, ein Wunder der Natur zu sein. Bei diesem Gedanken stiehlt
sich ein albernes Lächeln auf mein Gesicht.
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