Mittwoch, 3. Juni 2026

[Schnipseltime] Übersinnliche Gefährten - Anderswelt von Sabine Reifenstahl


 

Stolpernd hetzte ich durch den Wald, ohne nach links und rechts zu sehen. Mir war egal, dass ich die falsche Richtung einschlug und mich von der Höhle entfernte. Alle Hoffnung, die in den vergangenen Monaten gewachsen war, löste sich auf wie Nebel im Wind.

Man darf Göttinnen nicht glauben!

Der Schnee wurde höher, und ich kam kaum noch voran. Irgendwann ließ ich mich einfach fallen.

Reif legte sich auf meine Wangen. Tränen, die ich nicht gespürt hatte, erstarrten zu Kristallen und sanken lautlos in den Schnee. Kälte fraß sich tiefer, bis in mein Innerstes.

Ich blieb liegen.

Selbst wenn ich nicht sterben konnte – eingefroren müsste ich nichts mehr fühlen, nicht denken. Würde nie mehr verraten werden.

Und nie wieder hoffen.

Müdigkeit umfing mich mit gnädigen Armen und ich ergab mich erleichtert. Schlaf kam dem Tode nahe, ich wünschte mir, nie mehr aufzuwachen.

Mein ganzes Leben lang ertrug ich jeden Schmerz, ich litt, fiel und stand auf. Doch dieser letzte Bruch, die Wärme, die Máire in mein Herz gepflanzt hatte, damit die Morrigan sie mir wieder entriss, überschritt das Maß des Erträglichen und raubte mir den Willen, weiterzumachen.

Etwas Kaltes strich über meine Schläfe.

Mühsam öffnete ich die Augen.

Das Erste, was ich hinter einem Vorhang aus Eiskristallen wahrnahm, war ein riesiger Schatten, der sich gegen die Dunkelheit abhob. Ein breiter Schädel, Schlappohren, eine warme Zunge, die über meine Wange glitt.

Die Luft flirrte.

Im nächsten Moment kniete ein Mann neben mir im Schnee. »Du musst aufstehen.« Seine Stimme war dunkel, ruhig. Er hielt mir die Hand hin.

Ich schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Du erfrierst, wenn du liegen bleibst.« Sacht strich er mein Haar zurück. »Zumindest wird dir erbärmlich kalt. Umbringen wird es dich wohl nicht, du bist ein Sidhe.«

Blinzelnd schaute ich ihn an und erkannte den Mann, der neben meinem Bruder gesessen hatte. Panisch versuchte ich, von ihm wegzukriechen.

»Nicht, ich tue dir nichts.« Er sprach sanft, fast lockend. »Komm mit, ich bringe dich ans Feuer.«

Als ich mich nicht rührte, setzte er sich nahe bei mir hin. »Dann frieren wir eben beide.« Eine Wolke aus Dampf bildete Eiskristalle in seinem dunklen Bart. Leiser fügte er hinzu: »Ich vermutlich mehr als du.«

Er trug dünne Kleidung wie alle in Morrigans sommerlichen Gefilden. Ich dagegen hatte Wintersachen an, weil ich außerhalb des geschützten Bereiches wohnte. Der Gedanke, dass er meinetwegen fror, gefiel mir nicht. Außerdem war er keiner ihrer Wölfe, sondern etwas anderes. Seine runden Ohrmuscheln wiesen ihn als Menschen aus. »Geh weg!« Meine Stimme klang rau.

»Früher war ich wie du. Es gab niemanden, dem ich traute. Ich war einsam und beobachtete die Leute – getrieben von der Sehnsucht, dazuzugehören – und mit der Gewissheit, dass ich nie einer von ihnen würde.« Erneut bot er mir die Hand an. »Komm, das Feuer der Morrigan ist warm und sicher.«

»Sie ist eine Göttin«, stieß ich hervor. »Man kann ihr nicht trauen.«

»Da widerspreche ich nicht. Aber vertrau mir.«

Wie konnte ein so großer Mann so weich mit einem anderen reden? Als fühle er wirklich, wie es mir ging.

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