Donnerstag, 14. Mai 2026

[Schnipseltime] München 1981 von Susanna Constantin


 

Kapitel 1: Esther

Grün. Hier ist alles einfach nur grün. Grüne Weiden, grüne Bäume, grüne Büsche. Sogar die Strommasten sind grün. Ach nein, nicht alles ist grün. Ich habe das Grau vergessen. Den bleigrauen Himmel, der heute Abend bestimmt wieder die grünen Wiesen einweichen und in braunen Schlamm verwandeln wird. Grau wie das Leben meiner Mutter, die meinem Vater immer nach dem Mund redet. Wenn sie überhaupt mal von ihrem Kochtopf aufschaut, um etwas zu sagen. Mutter wird immer stiller, während Vater immer herrischer wird. Gestern Abend hat er wieder auf sie eingeredet, sie unter den Tisch geredet, bloß weil sie den Speck nicht bei seinem Lieblingsbauern gekauft hat. Ist doch wohl scheißegal, wo der Speck herkommt, habe ich mich eingemischt und mich an den Radieschen bedient. Überhaupt finde ich, sollte man den ganzen Fleischverbrauch hier so langsam mal in den Griff kriegen. Mein Vater hat mich angestarrt, als wäre ich gerade mit einer fliegenden Untertasse auf dem Küchentisch gelandet. Dann hat er mich angemotzt, was ich mir überhaupt erlaube, ob ich meine Hausaufgaben gemacht habe und ob ich auch nicht vergessen habe, dass morgen Nachmittag die Verwandten aus der Stadt kommen. Ich habe ihm daraufhin geantwortet, dass ich eigentlich nicht vorhatte, mit Tante Lise Eierlikör zu trinken und Sahnetorte zu spachteln, sondern dass ich mit Steffi verabredet bin, um den Samstagnachmittag auf den Talferwiesen zu verbringen. Nein, und nochmals nein, hat Vater geantwortet und ist dabei knallrot geworden. Die vertikale Ader auf seiner Stirn ist bedrohlich hervorgetreten, seine Kiefer waren ganz angespannt, er schien so bereit wie der weiße Hai kurz vor dem Angriff auf das kleine Fischerboot.
Das Ganze endete in einer wilden Diskussion, ich konnte einfach nicht still bleiben. Meine Mutter hatte wie immer Tränen in den Augen und hat sich in die Küche verzogen, um weinend den Abwasch zu erledigen und einen Versöhnungskuchen in den Ofen zu schieben.
Der Streit um den heutigen Nachmittag ist noch nicht ausgestanden. Meine Tante, der Onkel, die beiden Cousins und die Cousine meiner Mutter sind auf dem Weg von Bozen hierher auf den Kohlerer Berg. In einer halben Stunde werden sie mich in Beschlag nehmen und nicht mehr gehen lassen, bevor ich nicht mindestens zwei Eierliköre getrunken und drei Stück Kuchen gegessen habe. Ich höre sie jetzt schon sagen: „Na komm Liebes, iss doch noch ein Stückchen, an dir ist ja nichts dran!“ Dann direkter Übergang zur Speckmarende. Ein wahrer Fresstag also. Nichts gegen Essen, wirklich nicht, ich esse ja gerne. Aber bitte in der richtigen Gesellschaft.
Ich habe nun also noch fünfundzwanzig Minuten Zeit, um eine folgenschwere Entscheidung zu treffen. Will ich Streit mit meiner Familie, weil ich jetzt gleich die Füße in die Hände nehme und zur Seilbahn renne, um in einer zehnminütigen Fahrt in die Stadt hinunterzugondeln? Oder will ich Streit mit Steffi, weil sie vergeblich an der Brücke auf mich wartet, um zu den Talferwiesen zu gehen? Die Entscheidung fällt mir relativ leicht. Familie bekommt man, Freunde sucht man sich. Als meine Schwester Elisabeth plötzlich am Gartentor steht und nach mir ruft, renne ich schon so schnell die Schotterstraße hinunter, dass die Kiesel nur so davonspritzen. Und wenn unser Treffen erst mal fertig ist, dann wird die letzte Seilbahn schon längst gefahren sein. Ups.
Mein Magen hebt und senkt sich bei jedem Seilbahnpfeiler, unter mir die vielen Baumwipfel und noch etwas weiter unten die Stadt. Sie liegt in der Sonne, während sich hinter dem Kohlerer Berg schwarze Wolken türmen. Bozen ist okay. Mehr Menschen, mehr Welt, mehr Musik, mehr Leben. Nicht, dass es da unten perfekt wäre, die Landeshauptstadt hat ordentliche Ecken und Kanten mit ihren Superreichen, die gleich mehrere Läden unter den Lauben besitzen, und den Armen, die im Winter auf den Stahlbänken im Bahnhofspark frieren. Mit uns Deutschen und den Italienern, die es irgendwie miteinander aushalten, und dann doch wieder nicht. Mit den Demos für die Autonomie unseres Landes. Mit den ganzen Studentengrüppchen, die sich gerade bilden, um gegen Aufrüstung und Atomkriege und Nuklearwaffen und ich weiß nicht was alles noch demonstrieren. Was ich ja eigentlich auch richtig gut finde.
Bozen ist eben eine Stadt. Nicht gerade eine Großstadt, Bozen ist eher übersichtlich. Robert würde wohl nie hierherkommen. Da muss ich mich schon in einen Zug setzen und zu ihm fahren. Ich meine nicht zu ihm nach Hause, aber vielleicht nach München, zu seinem nächsten Konzert. Robert Allen Zimmerman, von allen nur Bob Dylan genannt. Ja, er ist nicht mehr der Angesagteste, ich weiß. Jetzt stehen alle auf David Bowie. Der Mann mit den zwei verschiedenen Augenfarben ist natürlich cool, aber ich werde Bob treu bleiben. Seine Texte sagen so viel aus. Die Musik ist grooviger, ich kann mich bei ihm besser bewegen. Als Steffi mich zum ersten Mal an ihrem Joint ziehen ließ, habe ich danach zu seinen Akkorden getanzt. Die anderen haben gelacht, mir war es egal. Als Lay Lady Lay dann zu Ende war, wollte ich den Kassettenrekorder das Lied noch mal zurückspulen lassen und wieder an dem Joint ziehen, doch da lag nur noch die Kippe im Gras.
Die Seilbahn schiebt sich mit heftigem Rütteln in ihre Schienen, die Tür geht quietschend auf, ich verlasse die kleine, düstere Talstation und atme als Erstes die stickige, heiße Stadtluft ein. Der Geruch minimaler, schnell vergänglicher Freiheit schlägt mir entgegen. Staub, Abgase, ich laufe über die Straße und übersehe, dass ich als Fußgängerin eigentlich rot gehabt hätte. Das Auto hupt, die Reifen quietschen, ich hüpfe zurück auf den Gehweg. Der Fahrer fährt rechts ran, kurbelt das rechte Seitenfenster herunter und grinst. Ich kann mein Glück kaum fassen, es ist mein Lehrer, Herr Stadler. Ich spüre die Hitze in meinen Wangen, als er seine rechte Augenbraue hebt.
„Vor wem bist du denn auf der Flucht?“, fragt er. Na, zumindest scheint er nicht sauer zu sein.
„Ähm, also, eigentlich gar nicht“, stammle ich. „Wollte nur zu meinen Freundinnen.“
„Wo musst du denn hin?“, fragt er nun, beugt sich herüber und öffnet die Beifahrertür seines Kadetts.
Ich zögere kurz. Meint er es ernst? Lädt er mich gerade in sein Auto ein? Peter Stadler. Nur seine Anwesenheit macht die Schule einigermaßen erträglich. Er unterrichtet Deutsch und Politik. Er kennt die Welt, die Literaten, das Weltgeschehen, hat Charisma. Und stechend blaue Augen. Außerdem spielt er in einer Band, habe ich gehört. Gitarre. Wenn er mal ein Konzert gibt, stehe ich auf jeden Fall in der ersten Reihe.
„Na, was ist? Soll ich dich ein Stück mitnehmen?“, fragt er noch einmal.
Ich hüpfe mit so viel Schwung auf den angebotenen Platz neben ihm, dass ich fast auf seinem Schoß lande.
„Na hoppla“, lacht er. „Dann erzähl mal, wo soll es denn hingehen?“
„Einmal nach München bitte“, murmle ich und erwische mich dabei, wie ich Stadler wieder anschmachte.
„Wie bitte?“, fragt er. Wieder zieht er die Braue hoch. „Ich glaube nicht, dass wir das vor der letzten Seilbahn noch schaffen, und die möchtest du doch sicherlich erwischen, oder?“
Ich richte mein Kleid. Gott, wie peinlich.
„Zu den Talferwiesen. Talferbrücke wäre auch in Ordnung.“
Ich schweige, lehne den Kopf in seine Richtung und ziehe meine Sonnenbrille auf, damit er meine Blicke nicht sieht. Einatmen, ausatmen, ich muss so viel wie möglich von seiner Aura einsaugen. Und während ich ihn anhimmle, fällt mir auf, dass ich mich noch nicht einmal vorgestellt habe: Mein Name ist Esther, ich bin achtzehn Jahre alt, komme aus Kohlern und werde bestimmt nicht dortbleiben. Auch wenn es da oben am Berg noch so grün ist.

Kapitel 2: Annegret

Annegret legt den Kaffeelöffel beiseite und nimmt ein Stückchen Torte auf. Sie sieht sich zwischen den Gästen um. Das Café Monika an der Ecke zwischen der Mustergasse und dem Goethesträßchen in der Bozner Stadtmitte ist bis auf den letzten Platz besetzt. Touristen aus Deutschland mischen sich mit Touristen aus dem mittleren Italien. Die einen suchen die wärmende Sonne, die anderen den kühlenden Nordwind, der in ihren Städten im Sommer niemals wehen wird.
Annegret genießt die frische Käsesahne, die leicht nach Zitrone schmeckt. Wo Sigrid nur bleibt, fragt sie sich. Hat ihr Mann sie wieder einmal nicht gehen lassen? Sie ist froh, dass Peter nicht so ein Patriarch ist, der ihr die gesamte Hausarbeit aufzwingt. Sie kann sich ohne Weiteres mit ihren Freundinnen treffen und mit ihnen Kaffee trinken, einen Bummel durch die Bozner Lauben machen oder auch mal tanzen gehen. Natürlich widmet sich auch Peter seinen Hobbys, sofern seine Arbeit als Lehrer es ihm erlaubt. Heute wollte er eigentlich am Nachmittag die Klassenarbeiten seiner Schüler korrigieren, doch die hatte er im Lehrerzimmer liegen lassen. Also hatte er das Auto genommen und war losgefahren. Annegret selbst hatte Sigrid angerufen und sich mit ihr zu einem Kaffee in der Innenstadt verabredet.
„Da bin ich, bitte entschuldige, Annegret“, sagt Sigrid und wischt sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Ich musste die Kinder noch baden, sie hatten sich beim Spielen furchtbar schmutzig gemacht.“
„Ist schon gut, Sigrid. Hast du denn immer noch Streit mit deinem Mann?“
Sigrid schüttelt den Kopf, doch Annegret kennt den traurigen Blick ihrer Freundin nur zu gut. Es ist nicht das erste Mal, dass Sigrid zu spät zu einer Verabredung kommt, weil ihr Mann sie mit Lappalien davon abgehalten hat, das Haus zu verlassen.
„Nein, nein. Es ist alles in Ordnung. Meine Verwandten in Sterzing werde ich aber nur noch mit der ganzen Familie besuchen. Es funktioniert einfach nicht, wenn Manfred mit den Kindern alleine zu Hause ist.“
„Aber es muss doch möglich sein, dass du ab und zu mal zu deiner Schwester fahren darfst?!“, echauffiert sich Annegret. „Du bleibst ja nicht einmal über Nacht. Das muss Manfred doch hinbekommen. Und sonst ist ja auch noch seine Mutter da.“
Sigrid winkt ab. Annegret bemerkt, dass die Diskussion ihrer Freundin unangenehm ist, doch sie kann sich kaum beherrschen. Das Verhalten von Sigrids Mann macht sie wütend; noch wütender ist sie aber auf ihre Freundin, die sich von Manfred unterkriegen lässt. Würde sie ihm doch nur einmal die Meinung sagen, statt sich von ihm herumkommandieren zu lassen.
„Lassen wir uns nicht den wunderschönen Sommertag verderben.“ Sigrid wendet sich an die Kellnerin. „Einen Eiskaffee, bitte. Mit viel Sahne.“
Annegret versucht, ihren Puls zu kontrollieren und nimmt ein weiteres Stückchen Kuchen in den Mund. Der frische Geschmack ist weg, sie schmeckt nur noch die Säure der Unterdrückung.
„Wie geht es eigentlich Peter?“, fragt Sigrid in die Stille hinein, die nur von den Gesprächen der Touristen erfüllt wird.
„Gut, er ist gerade auf dem Weg zur Schule.“
„An einem Samstagnachmittag?“, fragt Sigrid ungläubig.
„Er hat die Schülerhefte vergessen, die holt er ab und setzt sich dann zu Hause hin, um sie zu korrigieren.“
„Und du, Glückliche, darfst inzwischen hier sitzen und Kuchen essen … sag, hast du eigentlich von Irmgard mal wieder etwas gehört? Ist ihr Sohn denn aus dem Libanon zurückgekommen?“
„Nein“, antwortet Annegret. „Die Ärmste hat sich in ihrer Angst völlig abgekapselt und will nicht einmal mehr ausgehen. Mal abgesehen davon, dass sie es wirtschaftlich alleine kaum schafft, seitdem ihr Ältester beim Autounfall ums Leben gekommen ist. So viele Schicksalsschläge auf einmal … Wenn man da doch nur irgendetwas machen könnte, ich meine, was sollen denn diese jungen Männer dort an der Front?“
„Andererseits haben sich die Jungen doch freiwillig gemeldet“, wendet Sigrid ein.
„Ja, aber doch nur, weil der Einsatz so gut bezahlt wird. Meine Güte, mit ihren achtzehn Jahren sind sie doch fast noch Kinder. Als ob sie in dem Alter schon so schwerwiegende Entscheidungen treffen könnten! Die armen Eltern warten täglich auf Briefe und den Bescheid, dass die Söhne endlich nach Hause zurückkommen. Wenn sie nicht schon gefallen sind.“
Annegret deutet Sigrids Schweigen als Zustimmung und lehnt sich in ihrem Korbstuhl zurück. Ein Lied von Joan Baez wird in der Bar nebenan gespielt, leise dringen die Töne zu ihnen herüber, gehen dann und wann wieder in den Gesprächen der Touristen und dem Geschrei der kleinen italienischen Kinder unter. Baez singt vom Krieg, von einem jungen Soldaten namens Sasha. Die Melodie ist so traurig und ängstlich wie Irmgards Augen, als sie ihr zum letzten Mal beim Einkaufen begegnet ist. Baez’ Worte, die die Kriegsgrauen beschreiben, sind hart und schonungslos. Plötzlich wird sie müde, der Kopf schwirrt ihr. Sie ruft den Kellner zu sich, Sigrid sieht sie verwundert an.
„Du willst schon gehen? Wir sind doch erst eine Viertelstunde hier.“
„Wir gehen jetzt zu Irmgard. Ich muss mit ihr sprechen. Es kann einfach nicht angehen, dass die Mütter hier verzweifeln. Es muss doch irgendeinen Weg geben, ihren Buben zurückzuholen.“
„Ja, aber wie willst du das denn anstellen? Hast du etwa plötzlich irgendwelche Verbindungen zum Militär?“, wirft Sigrid ein. In ihrer Stimme schwingt Skepsis, aber auch Ehrfurcht mit, besonders, als sie das Wort „Militär“ ausspricht. Annegret schüttelt den Kopf.
„Noch nicht. Aber diese Verbindungen lassen sich doch ganz bestimmt irgendwie herstellen.“
Sigrid nimmt einige Lirescheine aus ihrem Portemonnaie und legt sie auf den Tisch.
„Ich kann da leider nicht mitmachen. Aber sprich du ruhig mit Irmgard. Ich gehe nach Hause und schaue nach dem Rechten.“
„Du kommst mit, Sigrid. Dein Mann kommt schon noch ein Stündchen ohne dich zurecht. Wir brauchen jede Hand und jeden Kopf, um die richtigen Pläne zu schmieden.“
„Was bist du doch für ein Hitzkopf, Annegret“, sagt Sigrid und lächelt zum ersten Mal an diesem Nachmittag. „Du wirst noch eine Revolution anzetteln, ich sehe es schon kommen!“

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