Freitag, 22. Mai 2026

[Schnipseltime] Emil und der Alkoholiker von Rita Maffini


 

Leseprobe

 

 

Teil 1

Heute und damals

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich taumle durch den Nebel,

kein Lichtblick ist zu sehen.

Ich hebe die Füße vergeblich

so kann’s nicht weitergehen.



 

Kapitel 1

 

 

Tim schnauft.

            Die düsteren Gedanken und Erinnerungen sind wieder da, wie ein Rudel hungriger Wölfe, das sich Nacht für Nacht in sein Bewusstsein frisst.

            Dreißig Jahre sind vergangen, doch der Albtraum hält ihn eisern gefangen. Kaum erwacht, tanzen die grausamen Bilder seiner Kindheit vor seinen Augen, besonders jener verfluchte Tag, an dem er zehn wurde.

 

Ein lautes Klopfen an der Tür verscheucht die Gespenster der Vergangenheit. Schwankend erhebt er sich und stolpert über eine der zahllosen leeren Flaschen, die wie stumme Zeugen seines Verfalls auf dem Boden verstreut liegen. Er schleppt sich zur Tür und öffnet diese schwer atmend.

            Peter und Harry stehen in bester Laune mit einer Sektflasche in der Hand vor ihm. Die beiden drängen sich in den Raum.

»Happy Birthday, altes Haus! Hast aber lange gebraucht, um zur Tür zu kommen«, schreit Peter und drückt Tim an sich. Anschließend klopft ihm Harry auf den Rücken.

            »Hab geschlafen. Heute Morgen kam Schorschi vorbei und hat mich zum Malochen abgeholt. Musste stundenlang Zementsäcke und Steine schleppen. Ihr wisst doch, der baut gerade zwei Straßen weiter das gelbe Hochhaus. Der Innenausbau ist gerade dran. Es war zwar saukalt, aber die haben trotzdem rangeklotzt.«

            »Na, das ist geil, dann hast du bestimmt Kohle, um uns einen auszugeben«, höhnt Peter und entblößt ein Grinsen, das dank seiner gelben Zahnstümpfe grässlich wirkt.

            »Klar doch«, entgegnet Tim gut gelaunt.

Harry entkorkt die Flasche, die er in den Händen hält, mit den Worten: »Trink erst mal einen Schluck, Kumpel. Vierzig wird man nicht jeden Tag.«

            Tim lässt es sich nicht zweimal sagen, setzt die Flasche an den Mund und leert sie unter mehrmaligem Rülpsen bis zur Hälfte. Anschließend wischt er sich mit dem Ärmel über den Mund und reicht sie weiter. Die Freunde trinken abwechselnd den Rest.

            »Habe ich einen Kohldampf!« Tim öffnet den Kühlschrank. Ein übler Geruch und gähnende Leere begrüßen ihn. »Verdammt, ich muss unbedingt was einkaufen.«

            »Brauchst du nicht. Wir besorgen uns einen Döner und dann ab zu Hansi. Was hältst du davon?«, ruft Peter ihm lachend zu.

            »Gute Idee, so machen wir’s. Wartet mal, ich ziehe mir was über.« Tim durchsucht den Kleiderberg, der sich auf dem Stuhl im Zimmer türmt. Nur schmutzige Fetzen, die nach Rauch und Schweiß riechen.

            Zornig greift er nach dem erstbesten Pullover und zieht ihn an. Er nimmt noch seine Jacke, die schon bessere Zeiten gesehen hat, zuckt mit den Schultern und wendet sich seinen Freunden zu. »Lasst uns gehen.«

Auf dem Weg zur Kneipe Bei Hansi essen die drei einen Riesendöner. Anschließend kauft Harry noch Mandarinen bei einem Straßenhändler.

            Mit einem lauten »Hallo, Kumpel« wird Tim von den drei anwesenden Kneipengästen begrüßt. Alle scharen sich um den Jubilar, klatschen in die Hände, lachen aus voller Kehle und singen ein Ständchen. »Hoch sollst du leben! Hör mal, Buddy, die Luft ist hier doch ziemlich trocken, findest du nicht?«

            Tim versteht den Wink mit dem Zaunpfahl. Mit seinem Geld kann er sich erst einmal spendabel zeigen. »Hey, Hansi, ΄ne Runde Bier für alle, für dich auch, Mann«, schreit er Richtung Theke.

            Hurra-Rufe schallen durch den Raum.

Die Biergläser klirren laut, als sie kräftig aneinandergestoßen werden, und sind im Nu geleert. Tim genießt es in vollen Zügen, der King des Abends zu sein. Er fühlt sich für einen Moment, als hätte das Leben ihm doch noch etwas zu bieten. Der eine oder andere krakeelt von Zeit zu Zeit ein Lied und alle singen grölend mit.

Tim hat die Idee, die Mandarinen zu essen und mit den Kernen einen Spuckwettbewerb zu veranstalten. Die Anwesenden sind sofort begeistert. Ein lautes Lachen, ein paar Rufe, und nach lebhaften Diskussionen steht der Plan.

Mit einer Kreide wird eine Linie auf dem Boden gezogen. Die Früchte werden geschält. Ihr süßer Duft liegt in der Luft und vermischt sich mit dem Geruch nach Bier und Schweiß.

Einer nach dem anderen legt ein Stück Mandarine in den Mund, kaut, und spuckt schließlich die Kerne aus.

Alle beugen sich nach vorn, um zu sehen, wie weit sie geflogen sind. An der Stelle, wo der letzte Kern liegen bleibt, zieht jemand mit der Kreide einen Kreis und schreibt den Namen des Werfers hinein. So entsteht nach und nach ein kleines Muster aus weißen Ringen.

Nach ein paar Runden wird der Ehrgeiz größer. Jeder will weiter spucken als der andere. Bald fliegen nicht nur Kerne, sondern auch Witze, Sprüche und Schalenstücke durch die Luft. Der Boden ist übersät mit Schalen, Kreidestrichen und kleinen glänzenden Punkten, ein wildes Durcheinander. Tim muss sich den Bauch vor Lachen halten.

Was für eine Gaudi. Die Grölerei wird immer durchdringender, der Lärm ohrenbetäubender, die Stimmung bombiger. Die Wände der alten Kaschemme scheinen zu beben.

Am Ende ist Harry der Sieger. Er wird von allen mit tollen Sprüchen und Gratulationen überhäuft. Danach wird weiter getrunken und gelacht, bis sich nach und nach die Gäste verabschieden.

            Gegen Mitternacht sind nur noch Tim, Peter und Harry übrig. Harry betrachtet wenig begeistert die Gläser auf dem Tisch. »Mist, die sind alle leer.«

            Tim steht auf, die anderen zwei bleiben sitzen und stampfen ungeduldig und kräftig mit den Füßen. Er schwankt zur Theke. »Hansi, noch drei Bier und drei Kurze, wenn ich bitten darf.«

            Hansi blinzelt hinter schmierigen Brillengläsern, reibt sich den Schnurrbart mit dem Zeigefinger. »Hast du überhaupt noch Geld?«

            Tim legt den Inhalt seiner Taschen auf die Theke. »Achtzehn Euro fünfzig.«

            Hansi entblößt sein lückenhaftes Gebiss und lächelt schief. »Reicht gerade so! Danach haut ihr aber ab.«

            »Hui, hui, Hansi, so gute Gäste wie uns behandelt man freundlicher«, kontert Tim lallend und schlägt kräftig mit der Faust auf das Thekenholz.

            »Egal, wenn ihr nicht mehr zahlen könnt, verdünnisiert ihr euch. Kredit gebe ich nicht mehr.«

            Tim kann nur noch mühsam zwei Gläser halten. Mit einem Bierglas in der rechten und einem Schnapsglas in der linken Hand wankt er dreimal von der Theke zum Tisch hin und her. Er konzentriert sich angestrengt, um nichts zu verschütten. Schließlich schafft er es, die Gläser abzustellen, ohne dass ein Tropfen daneben geht.

            »Uhhh, Tim der Akrobat, bravo, bravo.« Seine Saufkumpane spenden ihm stürmischen Applaus.

            Auf Tims Stirn glänzen Schweißperlen, sein ganzer Körper zittert vor Anstrengung. Mit einem Seufzer der Erleichterung – stolz wie Bolle – setzt er sich wieder. Plötzlich kippt der wackelige Stuhl nach hinten und Tim knallt auf den Boden. Er bleibt liegen und reibt sich den Rücken.

            Harry und Peter kichern, eilen sofort zu Hilfe. Beim Versuch, ihn hochzuhieven, verlieren auch sie den Halt und schon liegen alle drei auf dem dreckigen Kneipenboden, lachen und johlen aus vollem Hals.

            Peter schafft es gerade noch, sich auf die Knie zu stemmen. Mit seinen Händen umfasst er die Arme seiner Kumpel, die immer noch liegen, und versucht, sie hochzuziehen, fällt aber selbst wieder um. Das Gelächter wird noch lauter. Erst als Hans eingreift, schaffen sie es endlich, wieder aufzustehen.

            »Hansi, verdammt nochmal, besorge neue Stühle. Die sind ja alle im Eimer«, schreit Tim ihn an.

            Hansi läuft rot an. »So, Leute, wer hier im Eimer ist, das seid ihr! Trinkt jetzt aus und hinterher haut ab, Feierabend!«

            Irgendwann am frühen Morgen steht Tim mit schlotternden Beinen vor der Tür seiner Bleibe. Die Welt um ihn herum dreht sich sehr schnell, er muss sich mit einer Hand an der Wand abstützen. Mit der anderen sucht er in all seinen Taschen nach dem Schlüssel. Er findet ihn nicht, also stemmt er sich gegen die Tür, die sofort aufgeht. Es ist ihm völlig egal, nicht mehr richtig absperren zu können, es ist eh nichts bei ihm zu holen. 

 

 

 

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