
Textschnipsel 1
»Mmpf!«
Wie
lange musste sie denn jetzt noch warten? Schlimm genug, dass ihr Vater sie dazu
gedrängt hatte, überhaupt hier zu erscheinen. Und dann ließ man sie auch noch
eine Stunde warten.
Kiara
war ein friedfertiger Mensch und sie konnte es durchaus verstehen, dass sich in
solch einem wichtigen Amt auch einmal etwas verzögerte. Das hatte sie von den
Erzählungen ihres Vaters, der im Innendienst tätig war, oft genug mitgekriegt.
Aber
Kiara war leider kein geduldiger Mensch. Hinzu kam, dass sie nicht wirklich
hier sein wollte.
Etwa
seit einem halben Jahr war sie mit dem Studium fertig, hatte den ersten Monat
mit Städtereisen verbracht und war dann durch verschiedene Kellnerjobs
geschlittert. So ließ es sich leben. Es machte Spaß und finanzierte ihre
Wohnung. Ihr Vater aber konnte das nicht akzeptieren.
»Warum
hast du denn studiert, wenn du jetzt nichts daraus machst? Du warst so gut in deinem Fachbereich. Wofür hast du
so hart gearbeitet, wenn du jetzt nicht nach Höherem strebst?«
Ja,
wofür? Das fragte
sich Kiara auch.
Nur,
um diese Frage nicht beantworten zu müssen, hatte Kiara zugestimmt, zu dem
Vorstellungsgespräch für die Stelle als Empfangsdame im Außenministerium zu
gehen. Und, weil Kiara tief im Inneren wusste, dass ihr Papa recht hatte. Ihr
hatte das Studium Spaß gemacht, sie war mit Eifer dabei gewesen,
Wirtschaftswissenschaften zu lernen. Und hätte er mit seinen ständigen
Nörgeleien nicht erst angefangen, hätte Kiara den Hintern wohl nie hochgekriegt
und würde immer noch kellnern. Der Job klang jetzt nicht gerade nach Höherem,
wie ihr Vater immer zu sagen pflegte, war aber besser als Kellnerin, und sie
hätte dann den Fuß für eben Höheres schon mal in der Tür.
Sie
liebte das Kellnern, den Umgang mit den Menschen, und zweifelsohne würde sie
das nebenbei immer noch machen. Aber sie hatte sich doch nicht wirklich
jahrelang in die Lesungen geschleppt, um später dann nichts daraus zu machen.
Resigniert
seufzte Kiara und betrachtete wieder den fremden Mann, der ihr gegenüber auf
einem der Wartestühle saß. Er war etwa eine halbe Stunde nach Kiara erschienen.
Sie hatten ein paar Belanglosigkeiten gewechselt, doch was er hier wollte,
hatte er für sich behalten.
Komisch,
Kiara war bis jetzt noch gar nicht aufgefallen, dass er ihr auf die Frage keine
Antwort gegeben hatte.
Seither
schwiegen sie, und Kiara musterte immer wieder sein Antlitz. Und jedes Mal
baute sich eine eigenartige Nervosität auf. Er wirkte eigentlich wie ein ganz
durchschnittlicher Typ. Die Haare waren auf einer Seite etwas länger als auf
der anderen und glatt gekämmt, in einem Ohr hatte er einen Ohrstecker. Seine
Augen waren das, was sie wohl so irritierte. Sie waren hell. Hätte die Iris
nicht einen dicken schwarzen Rand, würde man nur die Pupille sehen und der Rest
würde im Weiß untergehen.
Und
diese eine Augenbraue.
Die
linke Augenbraue verlief zur Hälfte in einem schönen Schwung nach außen und
dann machte sie einen steilen Knick nach oben. Wie kam man nur auf die Idee,
sich das so zu machen? Wobei – Kiara konnte sich nicht vorstellen, dass das
beabsichtigt war.
Der
junge Mann hatte bisher zwar in ihre Richtung geschaut, war aber weit weg mit
seiner Aufmerksamkeit. Jetzt
riss er plötzlich den Kopf etwas in die Höhe und starrte Kiara für Sekunden in
die Augen.
Kiara
durchfuhr ein Zittern, als sie sah, wie seine Augen dunkler wurden. Es schien
sich regelrecht ein Schatten darauf zu legen.
Ein
Knacken war vernehmbar. Die Tür ging auf. Kiara atmete erleichtert aus. Endlich
hatte das Warten ein Ende. Dieser merkwürdige Moment war vorbei.
Aber
es war nicht die Tür des Außenministers, der die Wahl seiner Empfangsdame stets
selbst traf, sondern die Tür, die Kiara selbst vor etwa einer Stunde durchquert
hatte. Die Frustration darüber blieb ihr im Halse stecken, als sie die zwei
Gestalten sah. Sie schritten nicht, sie glitten fast schon majestätisch.
Zumindest die eine, die andere hatte etwas Raubtierartiges an sich.
Textschnipsel 2
»Großer
Vater, ist das wirklich wahr?«
Maige
wollte einen Luftsprung vollführen, aber sie bremste sich. Schließlich musste
sie sich benehmen. Bei Hofe war alles sehr offiziell. Ihr Vater – Khar, König
von Ka Ha – schmunzelte verhalten. Mit dem nächsten Wimpernschlag war sein
Gesicht wieder ernst und erhaben. Maige fragte sich, ob sie sich sein Lächeln
nur eingebildet hatte.
»Beim
Übergang erwartet dich ein Wanderer. Er kennt sich bestens aus in der
Menschenwelt und bringt dich sicher auf direktem Wege in das Außenministerium,
wo du dem Minister den Vertrag bringst. Wenn er unterschrieben hat, kehrt ihr
unverzüglich nach Kaork zurück. Hast du das verstanden?«
Während
ihr Vater sprach, verlor Maige immer mehr an Farbe und Fröhlichkeit. Sie durfte
nur den Boten spielen. Sie hatte keine Zeit, sich die Welt etwas genauer
anzusehen. Dabei war das schon als kleines Mädchen ihr innigster Wunsch
gewesen, wenigstens einmal in die Menschenwelt reisen zu dürfen und so viel wie
möglich dort zu erkunden. Zu jedem Hianertag – dem einen Tag im Jahr, an dem
die ganze Arbeit niedergelegt und zur Huldigung der Götter Hi Ho Nal gefeiert
wurde – hatte sie sich das gewünscht. Immer hatte es geheißen, es sei zu
gefährlich. Aber jetzt war sie erwachsen. Und wenn Vater König sie schon in die
Ehe mit dem Prinzen aus dem benachbarten Königreich zwang – hätte er da nicht
einmal an sie denken können und ihren einzigen Wunsch erfüllen?
»Kann
ich nicht länger ...«
Maiges
Mutter, Lady Nacan, brachte sie mit einem Blick zum Schweigen. Das schaffte sie
nicht oft, denn die schönste Frau im Lande mit ihren rotblonden Haaren und den
unverwechselbar dunkelblauen Augen, war von Grund auf eine liebenswerte
Persönlichkeit. Es irritierte Maige, gleichzeitig war sie verletzt. Fiel ihr
Mutter Königin jetzt auch noch in den Rücken?
Ȇber
den Inhalt des Bündnisses weißt du ja Bescheid. Deine Aufgabe ist zudem, ihm
unser Versprechen zu geben, ihnen zu helfen, falls die Menschenwelt einmal
Hilfe benötigt.«
Ja,
sie wusste Bescheid. Kaork wurde bedroht. Bisher war noch nicht bekannt, von
wem. Es war auch noch nicht direkt etwas passiert, aber eine ungreifbare Gefahr
lag in der Luft. Es gab Erzählungen, dass der ein oder andere Kaorker wie vom
Erdboden verschluckt schien, und Tage später war er wieder da, gesund, aber im
Wesen verändert.
Die
Hi Ho Nal – die Herrscher dieser Welt – waren tatenlos. In Maige baute sich mit
dem Wechsel der Tage immer mehr eine Vermutung auf. Sie wagte es aber nie, sie
auszusprechen. Vaters Handeln ließ sie allerdings erahnen, dass er das Gleiche dachte.
Maige
sollte die Prinzen von Ka Kr heiraten, um sich ihre Unterstützung zu sichern.
Denn kam es hart auf hart und hatte man zu keinem anderen Königreich eine
Bindung, half man nur sich selbst. Ka Ha war ein Handwerksreich, Ka Kr hingegen
bildete Krieger aus. Dann gab es noch Ka An, die untergebensten Anbeter und
Diener der Hi – wie die Gottheiten kurz genannt wurden –, und die Ka La – die
Landwirte.
Ka Kr
war definitiv die beste Wahl für eine Zusammenkunft. Maige hatte den Prinzen
schon etliche Male gesehen. Man konnte fast sagen, sie waren gute Freunde.
Krian war gar keine schlechte Partie, er sah gut aus, hatte Humor und das Herz
am rechten Fleck. Aber Maige hatte sich doch etwas mehr vom Leben mit einem
Mann erwartet. So etwas wie Liebe. Sie glaubte nicht daran, dass diese im Laufe
der Zeit entstand. Entweder man spürte das berühmt- berüchtigte
Kribbeln gleich, oder es würde nie da sein, da war sie sich sicher.
Seufzend
nickte Maige. Ihr blieb gar nichts anderes übrig, als sich ihrem Schicksal zu
fügen. Ihr Vater war der König, sowohl Mutter als auch sie hatten Folge zu
leisten. Zum Wohle des Volkes.
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