Dienstag, 7. April 2026

[Schnipseltime] KAORK - Dein Kampf ist der meine von Ailis Regin

 

Textschnipsel 1

»Mmpf!«

Wie lange musste sie denn jetzt noch warten? Schlimm genug, dass ihr Vater sie dazu gedrängt hatte, überhaupt hier zu erscheinen. Und dann ließ man sie auch noch eine Stunde warten.

Kiara war ein friedfertiger Mensch und sie konnte es durchaus verstehen, dass sich in solch einem wichtigen Amt auch einmal etwas verzögerte. Das hatte sie von den Erzählungen ihres Vaters, der im Innendienst tätig war, oft genug mitgekriegt.

Aber Kiara war leider kein geduldiger Mensch. Hinzu kam, dass sie nicht wirklich hier sein wollte.

Etwa seit einem halben Jahr war sie mit dem Studium fertig, hatte den ersten Monat mit Städtereisen verbracht und war dann durch verschiedene Kellnerjobs geschlittert. So ließ es sich leben. Es machte Spaß und finanzierte ihre Wohnung. Ihr Vater aber konnte das nicht akzeptieren.

»Warum hast du denn studiert, wenn du jetzt nichts daraus machst? Du warst  so gut in deinem Fachbereich. Wofür hast du so hart gearbeitet, wenn du jetzt nicht nach Höherem strebst?«

Ja, wofür? Das fragte sich Kiara auch.

Nur, um diese Frage nicht beantworten zu müssen, hatte Kiara zugestimmt, zu dem Vorstellungsgespräch für die Stelle als Empfangsdame im Außenministerium zu gehen. Und, weil Kiara tief im Inneren wusste, dass ihr Papa recht hatte. Ihr hatte das Studium Spaß gemacht, sie war mit Eifer dabei gewesen, Wirtschaftswissenschaften zu lernen. Und hätte er mit seinen ständigen Nörgeleien nicht erst angefangen, hätte Kiara den Hintern wohl nie hochgekriegt und würde immer noch kellnern. Der Job klang jetzt nicht gerade nach Höherem, wie ihr Vater immer zu sagen pflegte, war aber besser als Kellnerin, und sie hätte dann den Fuß für eben Höheres schon mal in der Tür.

Sie liebte das Kellnern, den Umgang mit den Menschen, und zweifelsohne würde sie das nebenbei immer noch machen. Aber sie hatte sich doch nicht wirklich jahrelang in die Lesungen geschleppt, um später dann nichts daraus zu machen.

Resigniert seufzte Kiara und betrachtete wieder den fremden Mann, der ihr gegenüber auf einem der Wartestühle saß. Er war etwa eine halbe Stunde nach Kiara erschienen. Sie hatten ein paar Belanglosigkeiten gewechselt, doch was er hier wollte, hatte er für sich behalten.

Komisch, Kiara war bis jetzt noch gar nicht aufgefallen, dass er ihr auf die Frage keine Antwort gegeben hatte.

Seither schwiegen sie, und Kiara musterte immer wieder sein Antlitz. Und jedes Mal baute sich eine eigenartige Nervosität auf. Er wirkte eigentlich wie ein ganz durchschnittlicher Typ. Die Haare waren auf einer Seite etwas länger als auf der anderen und glatt gekämmt, in einem Ohr hatte er einen Ohrstecker. Seine Augen waren das, was sie wohl so irritierte. Sie waren hell. Hätte die Iris nicht einen dicken schwarzen Rand, würde man nur die Pupille sehen und der Rest würde im Weiß untergehen.

Und diese eine Augenbraue.

Die linke Augenbraue verlief zur Hälfte in einem schönen Schwung nach außen und dann machte sie einen steilen Knick nach oben. Wie kam man nur auf die Idee, sich das so zu machen? Wobei – Kiara konnte sich nicht vorstellen, dass das beabsichtigt war.

Der junge Mann hatte bisher zwar in ihre Richtung geschaut, war aber weit weg mit seiner Aufmerksamkeit.  Jetzt riss er plötzlich den Kopf etwas in die Höhe und starrte Kiara für Sekunden in die Augen.

Kiara durchfuhr ein Zittern, als sie sah, wie seine Augen dunkler wurden. Es schien sich regelrecht ein Schatten darauf zu legen.

Ein Knacken war vernehmbar. Die Tür ging auf. Kiara atmete erleichtert aus. Endlich hatte das Warten ein Ende. Dieser merkwürdige Moment war vorbei.

Aber es war nicht die Tür des Außenministers, der die Wahl seiner Empfangsdame stets selbst traf, sondern die Tür, die Kiara selbst vor etwa einer Stunde durchquert hatte. Die Frustration darüber blieb ihr im Halse stecken, als sie die zwei Gestalten sah. Sie schritten nicht, sie glitten fast schon majestätisch. Zumindest die eine, die andere hatte etwas Raubtierartiges an sich.

 

 

Textschnipsel 2

»Großer Vater, ist das wirklich wahr?«

Maige wollte einen Luftsprung vollführen, aber sie bremste sich. Schließlich musste sie sich benehmen. Bei Hofe war alles sehr offiziell. Ihr Vater – Khar, König von Ka Ha – schmunzelte verhalten. Mit dem nächsten Wimpernschlag war sein Gesicht wieder ernst und erhaben. Maige fragte sich, ob sie sich sein Lächeln nur eingebildet hatte.

»Beim Übergang erwartet dich ein Wanderer. Er kennt sich bestens aus in der Menschenwelt und bringt dich sicher auf direktem Wege in das Außenministerium, wo du dem Minister den Vertrag bringst. Wenn er unterschrieben hat, kehrt ihr unverzüglich nach Kaork zurück. Hast du das verstanden?«

Während ihr Vater sprach, verlor Maige immer mehr an Farbe und Fröhlichkeit. Sie durfte nur den Boten spielen. Sie hatte keine Zeit, sich die Welt etwas genauer anzusehen. Dabei war das schon als kleines Mädchen ihr innigster Wunsch gewesen, wenigstens einmal in die Menschenwelt reisen zu dürfen und so viel wie möglich dort zu erkunden. Zu jedem Hianertag – dem einen Tag im Jahr, an dem die ganze Arbeit niedergelegt und zur Huldigung der Götter Hi Ho Nal gefeiert wurde – hatte sie sich das gewünscht. Immer hatte es geheißen, es sei zu gefährlich. Aber jetzt war sie erwachsen. Und wenn Vater König sie schon in die Ehe mit dem Prinzen aus dem benachbarten Königreich zwang – hätte er da nicht einmal an sie denken können und ihren einzigen Wunsch erfüllen?

»Kann ich nicht länger ...«

Maiges Mutter, Lady Nacan, brachte sie mit einem Blick zum Schweigen. Das schaffte sie nicht oft, denn die schönste Frau im Lande mit ihren rotblonden Haaren und den unverwechselbar dunkelblauen Augen, war von Grund auf eine liebenswerte Persönlichkeit. Es irritierte Maige, gleichzeitig war sie verletzt. Fiel ihr Mutter Königin jetzt auch noch in den Rücken?

»Über den Inhalt des Bündnisses weißt du ja Bescheid. Deine Aufgabe ist zudem, ihm unser Versprechen zu geben, ihnen zu helfen, falls die Menschenwelt einmal Hilfe benötigt.«

Ja, sie wusste Bescheid. Kaork wurde bedroht. Bisher war noch nicht bekannt, von wem. Es war auch noch nicht direkt etwas passiert, aber eine ungreifbare Gefahr lag in der Luft. Es gab Erzählungen, dass der ein oder andere Kaorker wie vom Erdboden verschluckt schien, und Tage später war er wieder da, gesund, aber im Wesen verändert.

Die Hi Ho Nal – die Herrscher dieser Welt – waren tatenlos. In Maige baute sich mit dem Wechsel der Tage immer mehr eine Vermutung auf. Sie wagte es aber nie, sie auszusprechen. Vaters Handeln ließ sie allerdings erahnen, dass er das Gleiche dachte.

Maige sollte die Prinzen von Ka Kr heiraten, um sich ihre Unterstützung zu sichern. Denn kam es hart auf hart und hatte man zu keinem anderen Königreich eine Bindung, half man nur sich selbst. Ka Ha war ein Handwerksreich, Ka Kr hingegen bildete Krieger aus. Dann gab es noch Ka An, die untergebensten Anbeter und Diener der Hi – wie die Gottheiten kurz genannt wurden –, und die Ka La – die Landwirte.

Ka Kr war definitiv die beste Wahl für eine Zusammenkunft. Maige hatte den Prinzen schon etliche Male gesehen. Man konnte fast sagen, sie waren gute Freunde. Krian war gar keine schlechte Partie, er sah gut aus, hatte Humor und das Herz am rechten Fleck. Aber Maige hatte sich doch etwas mehr vom Leben mit einem Mann erwartet. So etwas wie Liebe. Sie glaubte nicht daran, dass diese im Laufe der Zeit entstand. Entweder man spürte das berühmt- berüchtigte Kribbeln gleich, oder es würde nie da sein, da war sie sich sicher.

Seufzend nickte Maige. Ihr blieb gar nichts anderes übrig, als sich ihrem Schicksal zu fügen. Ihr Vater war der König, sowohl Mutter als auch sie hatten Folge zu leisten. Zum Wohle des Volkes.


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