
Die Glocke am Wachthaus im Oberland begleitete Gesas
Schritte mit zehn Gongschlägen. Mit einer Talglampe in der Hand erreichte sie
das kleine, steinerne Haus unweit des Hafens. Feuchter Holzgeruch schlug ihr
entgegen, als sie die Tür öffnete. Gleich morgen würde sie die zugigen Fenster
mit Stroh abdichten, damit sie im Winter nicht in der nassen Kälte frösteln
musste. Die letzten Jahre hatte Hinnerk diese Arbeiten verrichtet.
Sie rubbelte sich die Oberarme warm. Ihr Wolltuch mochte
sie nicht abnehmen, stattdessen legte sie den Kopf in den Nacken und sog tief
die Luft ein. Ihr war, als hinge noch immer Hinnerks Tabak im Raum, den er nach
getaner Arbeit so gern geraucht hatte.
Sie holte ein Ledertuch aus der Küchenanrichte und legte
es vor sich auf den Tisch. Als sie es zurückschlug, kam ein hellbraunes
Pergament zum Vorschein. Behutsam strich sie mit den Fingerspitzen darüber und
faltete es auseinander. Sie rieb sich die Stirn. Es half ihr, die Tränen
zurückzuhalten. Eine Landkarte zeichnete sich auf dem Untergrund ab. Hinnerk
hatte sie gezeichnet. Die Davisstraße galt als die breiteste Meerenge der Welt.
Sogar an der schmalsten Stelle war sie dreihundert Kilometer breit und insgesamt
über sechshundertfünfzig Kilometer lang. Hinnerk hatte die Karte so genau wie
möglich angefertigt. Im Westen hatte er Baffin Land eingezeichnet, ein Gebiet,
das zu Kanada gehörte. Im Osten lag das Eisödland Grönland. Ein Kreis für die
zweitgrößte Stadt Grönlands, Holsteinsborg, war eingefügt. Hier wollte die
Mannschaft Proviant an Bord nehmen.
Hinnerk hatte ihr die Karte zum Abschied hinterlassen. Er
habe andere, weitaus bessere Navigationsmittel, aber so könne sie ungefähr
verfolgen, wo er sich gerade aufhielt. Wütend hatte sie das Pergament ins Regal
der Anrichte geworfen.
Trotzige Gesa!
Sturer Zwieback!
Vorlaute Rebellin!
Landratte!
Alles war aus dem Ruder gelaufen. Worte fielen, die nicht
hätten gesagt werden dürfen. Hinnerk war gegangen.
Nun stiegen ihr doch die Tränen in die Augen. Es war
Heiligabend und keine Menschenseele, nicht einmal ihre Familie, konnte
nachfühlen, wie es ihr ging.
Als die Dänen damals im August vor sechs Jahren Helgoland
überfallen hatten, war es Hinnerk gewesen, der ihr Schutz geboten hatte.
Tagelang hatten sich die Bewohner hinter den Klippen versteckt gehalten, nicht
wissend, wie lange die Belagerung andauern würde. Mit Feuermörsern hatten die
dänischen Besatzer die Übergabe des Eilands gefordert. Schließlich hatte der
Helgoländer Kommandant kapituliert. Der Spuk war vorbei, die Dänen ließen die
Waffen ruhen. Zügig und aus rein überlebenswichtigen Gründen hatten die
Insulaner sich der dänischen Herrschaft gefügt und innerhalb weniger Monate ihr
zerschossenes Land instand gesetzt. Vielleicht wegen der Eile wirkten die
Bauten krumm und schief. Eines ließ sich jedoch nicht abstreiten: Seit die
Dänen Einzug gehalten hatten, war das Leben aufgeblüht. Handwerker waren vom
Festland übergesiedelt. Einige dänische Soldaten hatten Helgoländerinnen
geheiratet, Familien gegründet und Kinder in die Welt gesetzt. Das Leben kannte
da nichts, es drehte sich weiter.
Gesa sah sich in der Kate um. Erinnerungen an Hinnerk
erfüllten das Haus. Der Holztisch, zwei Stühle, zwei Schemel, Regale voll mit
irdenen Krügen, Angelruten an den Wänden, die Netze, die er damals zum Trocknen
aufgespannt hatte (und die längst getrocknet waren), ihre Aussteuertruhe, die
sie mit in die Ehe gebracht hatte, das Bett mit den schweren, von ihr gewebten
Wolldecken nahe der Wand. Sie hatte nichts an der Einrichtung verändert.
Hinnerks Antworten, ihre Widerworte, die versöhnenden Umarmungen, das laute,
dröhnende Lachen – alles wartete darauf, erneut loszulegen und dem Raum Leben
einzuhauchen.
»Ich weiß, dass du heimkommst«, flüsterte sie. »Du bist
mir schon damals nicht von der Seite gewichen.«
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