
Nieselregen fiel mir ins Gesicht. Ich schniefte.
Hoffentlich erkältete ich mich nicht bei dem miesen Wetter. Im Radio sagten
sie, es sei zu warm für die Jahreszeit. Konnte ja sein, aber das ewige Grau
ging mir auf die Nerven. Ich zog meinen Schal enger.
Der Altbau, in dem Helga wohnte, wirkte
würdevoll, auch wenn der Putz abblätterte. Ornamente umrandeten jedes Fenster,
in beige von der rötlichen Fassade abgesetzt. Das Beige war verblichen.
Nur das Gerüst störte den Anblick der Fassade.
Ich machte ein Foto. Ab jetzt würde ich alles dokumentieren, was an diesem Haus
verändert wurde.
Oben turnte ein Arbeiter herum, ohne Helm oder
sonstigen Schutz. Mir wurde beim Anblick schon schwindelig. War es der gleiche
Mann, den ich gestern vom Küchenfenster aus gesehen hatte? Ein drahtiger Typ in
Blaumann. Er schaute zu mir runter, grüßte aber nicht.
Direkt neben der Eingangstür waren Graffiti
gesprüht: „Spekulantenschwein“ in kräftigem Rot. Daneben ein verblichener
Schriftzug „Stadt für alle.“ Hier hatte man offenbar versucht, die Farbe zu
entfernen, doch die Buchstaben waren noch zu erkennen. Klick, wieder ein Foto.
Ich senkte meinen Finger auf die Klingel von
„Besier“, Helgas Nachname. Da die Tür offenstand, war es nicht nötig zu
schellen, aber ich wollte sie nicht erschrecken.
Im Hausflur ging ich an einer langen Reihe
Briefkästen vorbei. Alle Schlitze waren mit Malerkrepp zugeklebt, außer beim
Kasten „Besier“. Erneut machte ich ein Foto.
Eine Schicht Staub und Zement bedeckte die
Treppe. Sicher durch die Arbeiten mit dem Presslufthammer, die Dreck durchs
ganze Haus geblasen hatten. Ich stieg zu Helga in den dritten Stock hoch.
Oben angekommen, musste ich einen Moment
verschnaufen. Nachts war ich nicht besonders viel zum Schlafen gekommen, denn
Wombel und ich hatten neue Positionen ausprobiert. Mein Freund Mattu musste ja
nichts davon wissen. Er arbeitete ohnehin meistens, so dass wir uns selten
sahen.
„Helga?“
Sie saß am Küchentisch, trug eine adrette Bluse.
Das Fenster stand leicht geöffnet, so dass es zog. Ich machte es zu.
„Hab dir was mitgebracht.“ Ich legte eine
Packung Pralinen aus dem Supermarkt auf den Tisch. Wollte mich für die Kekse
gestern revanchieren. Der Duft des Gebäcks hing immer noch in der Luft.
„Das ist aber nett, danke sehr.“ Ihr runzliges
Gesicht strahlte. „Nimm dir doch eine Tasse, es gibt Kaffee.“ Zwei Tassen mit
einer dünnen Flüssigkeit standen schon auf dem Tisch. Als ich zögerte, sagte
Helga: „Oder magst du lieber Tee? Elena trinkt meinen Kaffee nicht. Schau mal,
in der Kanne dahinten hat sie Tee aufgegossen, bedien dich.“
Ich überlegte, ob Tee besser wäre als zu dünner
Kaffee, entschied mich aber für den Kaffee. Mit einer Praline dazu ließ er sich
trinken. Ich lutschte an der Schokokugel herum. Dann fiel mir auf, dass Helga
irgendwie besorgt wirkte. „Wie war deine Nacht?“
„Gut soweit.“
„Haben die Bauarbeiter wieder genervt?“
„Nein, bisher gab es keine Probleme heute. Aber,
hör mal, Elena ist verschwunden.“
„Wie, verschwunden? Sie schläft doch hier?“
„Ja, wir haben zusammen gefrühstückt.“ Helga
wies auf die Tassen. „Aber jetzt ist sie weg. Sie wollte Kartoffeln aus dem
Keller holen und ist nicht zurückgekehrt.“
„Sie kommt bestimmt gleich wieder.“ Ich nahm
noch eine Praline und ließ sie genüsslich im Mund zergehen, trank einen
weiteren Schluck von dem Herzschoner-Kaffee.
„Kannst du mal nach ihr sehen? Sie braucht sonst
nie so lange.“
„Gleich.“ Ich hatte keine Lust, schon wieder die
Altbautreppe herunter und wieder hoch zu laufen. Es war so gemütlich bei Helga
in der Küche.
Doch als sie mich flehentlich anschaute, konnte
ich ihr den Wunsch nicht abschlagen. Elena flirtete vielleicht mit den
Arbeitern. Oder nahm sich eine kleine Auszeit, um auf ihrem rosa Handy
Nachrichten anzuschauen. Helga ließ ihr bestimmt keine Ruhe, solange sie in der
Wohnung war. Mir war schon aufgefallen, wie sauber alles war. Helga erspähte
bestimmt jede Fluse und Elena musste sie wegsaugen.
Ich machte mich daran, die Treppen wieder
runterzusteigen.
In der Mitte traf ich einen Bauarbeiter, der mir
nur unwillig auswich. „Guten Morgen!“, sagte ich betont fröhlich.
Er brummte nur.
Ich ging die Treppe weiter herunter und fand die
Tür zum Keller, öffnete sie. Eine trübe Funzel erhellte nur notdürftig den
Kellerabgang. Eine Holzstiege, auf den Stufen klebte ausgetretenes Vinyl. Unten
lag etwas, das ich im Halbdunkel nicht erkannte. Ein Bündel Stoff?
Ich stieg herunter, vorsichtig, um nicht zu
stolpern. Die letzten Stufen sprang ich.
Unten lag kein Stoffbündel, es war ein Mensch.
Ich erkannte Helgas Pflegerin an der Kleidung.
Ihr Kopf war in einem seltsamen Winkel abgeknickt.
„Elena?“ Ich berührte sie an der Schulter.
Ihr Körper gab nach und fiel auf die Seite. Ich
blickte in leblose Augen.
Fuhr zurück.
„Elena!“
Ich schluckte. Dann näherte ich vorsichtig meine
Hand ihrem Gesicht.
Ihre Haut war noch warm, aber da war kein Atem.
Ihre Brust hob und senkte sich nicht.
Ich fummelte hektisch an ihrem Hals herum.
Kein Pochen. Kein Puls.
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