Donnerstag, 26. März 2026

[Schnipseltime] Little Big City - Fataler Fall von Katja Kleiber


 

Nieselregen fiel mir ins Gesicht. Ich schniefte. Hoffentlich erkältete ich mich nicht bei dem miesen Wetter. Im Radio sagten sie, es sei zu warm für die Jahreszeit. Konnte ja sein, aber das ewige Grau ging mir auf die Nerven. Ich zog meinen Schal enger.

Der Altbau, in dem Helga wohnte, wirkte würdevoll, auch wenn der Putz abblätterte. Ornamente umrandeten jedes Fenster, in beige von der rötlichen Fassade abgesetzt. Das Beige war verblichen.

Nur das Gerüst störte den Anblick der Fassade. Ich machte ein Foto. Ab jetzt würde ich alles dokumentieren, was an diesem Haus verändert wurde.

Oben turnte ein Arbeiter herum, ohne Helm oder sonstigen Schutz. Mir wurde beim Anblick schon schwindelig. War es der gleiche Mann, den ich gestern vom Küchenfenster aus gesehen hatte? Ein drahtiger Typ in Blaumann. Er schaute zu mir runter, grüßte aber nicht.

Direkt neben der Eingangstür waren Graffiti gesprüht: „Spekulantenschwein“ in kräftigem Rot. Daneben ein verblichener Schriftzug „Stadt für alle.“ Hier hatte man offenbar versucht, die Farbe zu entfernen, doch die Buchstaben waren noch zu erkennen. Klick, wieder ein Foto.

Ich senkte meinen Finger auf die Klingel von „Besier“, Helgas Nachname. Da die Tür offenstand, war es nicht nötig zu schellen, aber ich wollte sie nicht erschrecken.

Im Hausflur ging ich an einer langen Reihe Briefkästen vorbei. Alle Schlitze waren mit Malerkrepp zugeklebt, außer beim Kasten „Besier“. Erneut machte ich ein Foto.

Eine Schicht Staub und Zement bedeckte die Treppe. Sicher durch die Arbeiten mit dem Presslufthammer, die Dreck durchs ganze Haus geblasen hatten. Ich stieg zu Helga in den dritten Stock hoch. 

Oben angekommen, musste ich einen Moment verschnaufen. Nachts war ich nicht besonders viel zum Schlafen gekommen, denn Wombel und ich hatten neue Positionen ausprobiert. Mein Freund Mattu musste ja nichts davon wissen. Er arbeitete ohnehin meistens, so dass wir uns selten sahen.

„Helga?“

Sie saß am Küchentisch, trug eine adrette Bluse. Das Fenster stand leicht geöffnet, so dass es zog. Ich machte es zu.

„Hab dir was mitgebracht.“ Ich legte eine Packung Pralinen aus dem Supermarkt auf den Tisch. Wollte mich für die Kekse gestern revanchieren. Der Duft des Gebäcks hing immer noch in der Luft.

„Das ist aber nett, danke sehr.“ Ihr runzliges Gesicht strahlte. „Nimm dir doch eine Tasse, es gibt Kaffee.“ Zwei Tassen mit einer dünnen Flüssigkeit standen schon auf dem Tisch. Als ich zögerte, sagte Helga: „Oder magst du lieber Tee? Elena trinkt meinen Kaffee nicht. Schau mal, in der Kanne dahinten hat sie Tee aufgegossen, bedien dich.“

Ich überlegte, ob Tee besser wäre als zu dünner Kaffee, entschied mich aber für den Kaffee. Mit einer Praline dazu ließ er sich trinken. Ich lutschte an der Schokokugel herum. Dann fiel mir auf, dass Helga irgendwie besorgt wirkte. „Wie war deine Nacht?“

„Gut soweit.“

„Haben die Bauarbeiter wieder genervt?“

„Nein, bisher gab es keine Probleme heute. Aber, hör mal, Elena ist verschwunden.“

„Wie, verschwunden? Sie schläft doch hier?“

„Ja, wir haben zusammen gefrühstückt.“ Helga wies auf die Tassen. „Aber jetzt ist sie weg. Sie wollte Kartoffeln aus dem Keller holen und ist nicht zurückgekehrt.“

„Sie kommt bestimmt gleich wieder.“ Ich nahm noch eine Praline und ließ sie genüsslich im Mund zergehen, trank einen weiteren Schluck von dem Herzschoner-Kaffee.

„Kannst du mal nach ihr sehen? Sie braucht sonst nie so lange.“

„Gleich.“ Ich hatte keine Lust, schon wieder die Altbautreppe herunter und wieder hoch zu laufen. Es war so gemütlich bei Helga in der Küche.

Doch als sie mich flehentlich anschaute, konnte ich ihr den Wunsch nicht abschlagen. Elena flirtete vielleicht mit den Arbeitern. Oder nahm sich eine kleine Auszeit, um auf ihrem rosa Handy Nachrichten anzuschauen. Helga ließ ihr bestimmt keine Ruhe, solange sie in der Wohnung war. Mir war schon aufgefallen, wie sauber alles war. Helga erspähte bestimmt jede Fluse und Elena musste sie wegsaugen.

Ich machte mich daran, die Treppen wieder runterzusteigen.

In der Mitte traf ich einen Bauarbeiter, der mir nur unwillig auswich. „Guten Morgen!“, sagte ich betont fröhlich.

Er brummte nur.

Ich ging die Treppe weiter herunter und fand die Tür zum Keller, öffnete sie. Eine trübe Funzel erhellte nur notdürftig den Kellerabgang. Eine Holzstiege, auf den Stufen klebte ausgetretenes Vinyl. Unten lag etwas, das ich im Halbdunkel nicht erkannte. Ein Bündel Stoff?

Ich stieg herunter, vorsichtig, um nicht zu stolpern. Die letzten Stufen sprang ich.

Unten lag kein Stoffbündel, es war ein Mensch.

Ich erkannte Helgas Pflegerin an der Kleidung. Ihr Kopf war in einem seltsamen Winkel abgeknickt.

„Elena?“ Ich berührte sie an der Schulter.

Ihr Körper gab nach und fiel auf die Seite. Ich blickte in leblose Augen.

Fuhr zurück.

„Elena!“

Ich schluckte. Dann näherte ich vorsichtig meine Hand ihrem Gesicht.

Ihre Haut war noch warm, aber da war kein Atem. Ihre Brust hob und senkte sich nicht.

Ich fummelte hektisch an ihrem Hals herum.

Kein Pochen. Kein Puls.

 

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