
Sein Begleiter ließ mich kaum aus
den Augen.
Die
Demonstration der Schlaginstrumente hatte ihn eingeschüchtert. Dagegen
beobachtete er Nicky mit einem verträumten Gesichtsausdruck. Mein Angebot, den
Käfig auszuprobieren, nahm er sofort an.
Vor dem Gitter
blieb er stehen und musterte die Metallkonstruktion.
»Aus der Nähe
wirkt er kleiner«, beruhigte ich ihn. »Aber das ist nur eine Illusion. Drinnen
wird alles größer. Stiller. Klarer.«
Ein Lächeln
umspielte seine Lippen. Seine Augen leuchteten in einer Farbe, die mich an
Gletscherseen erinnerte, ein kühles, fast durchscheinendes Grün, durchzogen von
Grau. Scharf, als könne er bis in meine Seele blicken.
Und ich in
seine. Dort fand ich eine Sehnsucht, die mich berührte. »Bist du bereit?«
»Ja, das bin
ich.« Seine Stimme klang fest. Ihr weiches Timbre schickte mir eine Gänsehaut
über die Arme.
»Gut. Zieh die
Schuhe aus, setz dich und rutsch rückwärts hinein.«
Mit fließenden
Bewegungen streifte er die Sneaker ab und glitt in den Käfig.
»Wie geht es
dir?«, fragte ich und versuchte, seine Mimik zu lesen.
»Ausgez…«
Warnend hob
ich eine Braue.
»Grün.«
»Du gibst mir
sofort Bescheid, wenn du dich unwohl fühlst oder dir etwas wehtut.« Leiser
fügte ich hinzu: »Wie möchtest du genannt werden?«
»Raphael.«
Das Lächeln
entkam mir ungewollt. Wie der Erzengel, bekannt für seine Heilkunst – ein
klangvoller, alter Name für einen gut aussehenden, jungen Mann.
Mit großen
Augen schaute er mich an und wartete.
»Setz die
Hände hinter dir auf«, befahl ich und führte die erste Strebe zwischen Körper
und Armen hindurch. Sein Bewegungsspielraum wurde dadurch bereits erheblich
eingeschränkt.
»Deine Farbe?«
»Grün.«
Kaum mehr als
ein Hauch, ich ließ es gelten.
Die nächste
Stange positionierte ich vor seiner Brust, die dritte unter den Kniekehlen.
Seine Lider senkten sich. Schon wollte ich mich dem Publikum zuwenden. Da trat
Anspannung in sein Gesicht.
Er biss sich
auf die Unterlippe. Raphael gab sich Mühe, still zu wirken, aufrecht, gefasst.
Doch sein linkes Bein verriet ihn. Die Anstrengung, mit der er es auf den Boden
stellte, eine minimale Zuckung entlang der Wade, mehr erahnt als gesehen durch
den Stoff der Hose. Angespannte Zehen, ein unmerkliches Zusammenziehen des
Oberschenkels
Ein Krampf
quälte ihn, erkannte ich.
Angestrengt
atmete er gegen den Schmerz an.
Mir wurde
klar, dass er sich vor dem Versagen fürchtete. Er wollte nicht vor versammelter
Mannschaft bloßgestellt werden. Vielleicht gepaart mit dem Wunsch, mir zu
beweisen, dass er durchhielt. Dabei ging es hier gar nicht darum.
»Ich helfe
dir, darf ich?«
Sein Atem
stockte kurz, dann nickte er.
Eine Hand
legte ich außen ans Gitter, die andere fand den Weg zu seinem Hosenbein. »Ich
berühre dich am Bein. Ist das okay?«
»Ja.«
Vorsichtig
schob ich meine Finger unter den Stoff, suchte den verhärteten Muskel und
ertastete eine steinharte Spannung, die sich wie ein Strang durch die Wade zog.
Raphael
versuchte, ruhig zu bleiben, doch seine Zehen krümmten sich.
»Nicht dagegen
anspannen. Lass es zu.« Behutsam massierte ich den Wadenmuskel.
Krämpfe waren
fies – sie fühlten sich an, als wolle der Körper sich selbst auffressen.
Mit fest
aufeinandergepressten Kiefern sah er mich an. Ein einzelner Schweißtropfen rann
über seine Schläfe.
»Wird gleich
besser«, flüsterte ich. »Atme mit mir.« Bewusst sog ich die Luft tief ein,
hielt sie kurz und ließ sie langsam wieder entweichen. Nach zwei, drei
Atemzügen folgte er meinem Rhythmus.
Die
Verkrampfung löste sich.
Vorsorglich
strich ich den Muskel noch einmal nach und beobachtete dabei sein Gesicht.
Raphael lächelte mich dankbar an.
Mein Herz
zuckte bei diesem Anblick. Sein Wille, durchzuhalten. Sein Vertrauen in mich.
Und nun dieser warme Blick.
Mühsam riss
ich mich los und zog die Hand zurück.
»Deine Farbe?«
»Grün, Sir.«
Seine Stimme klang dunkler. Er nickte und schloss die Lider.
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