Freitag, 27. Februar 2026

[Schnipseltime] Raphael - Die Freiheit zu fallen von Sabine Reifenstahl

 

 

Sein Begleiter ließ mich kaum aus den Augen.

Die Demonstration der Schlaginstrumente hatte ihn eingeschüchtert. Dagegen beobachtete er Nicky mit einem verträumten Gesichtsausdruck. Mein Angebot, den Käfig auszuprobieren, nahm er sofort an.

Vor dem Gitter blieb er stehen und musterte die Metallkonstruktion.

»Aus der Nähe wirkt er kleiner«, beruhigte ich ihn. »Aber das ist nur eine Illusion. Drinnen wird alles größer. Stiller. Klarer.«

Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Seine Augen leuchteten in einer Farbe, die mich an Gletscherseen erinnerte, ein kühles, fast durchscheinendes Grün, durchzogen von Grau. Scharf, als könne er bis in meine Seele blicken.

Und ich in seine. Dort fand ich eine Sehnsucht, die mich berührte. »Bist du bereit?«

»Ja, das bin ich.« Seine Stimme klang fest. Ihr weiches Timbre schickte mir eine Gänsehaut über die Arme.

»Gut. Zieh die Schuhe aus, setz dich und rutsch rückwärts hinein.«

Mit fließenden Bewegungen streifte er die Sneaker ab und glitt in den Käfig.

»Wie geht es dir?«, fragte ich und versuchte, seine Mimik zu lesen.

»Ausgez…«

Warnend hob ich eine Braue.

»Grün.«

»Du gibst mir sofort Bescheid, wenn du dich unwohl fühlst oder dir etwas wehtut.« Leiser fügte ich hinzu: »Wie möchtest du genannt werden?«

»Raphael.«

Das Lächeln entkam mir ungewollt. Wie der Erzengel, bekannt für seine Heilkunst – ein klangvoller, alter Name für einen gut aussehenden, jungen Mann.

Mit großen Augen schaute er mich an und wartete.

»Setz die Hände hinter dir auf«, befahl ich und führte die erste Strebe zwischen Körper und Armen hindurch. Sein Bewegungsspielraum wurde dadurch bereits erheblich eingeschränkt.

»Deine Farbe?«

»Grün.«

Kaum mehr als ein Hauch, ich ließ es gelten.

Die nächste Stange positionierte ich vor seiner Brust, die dritte unter den Kniekehlen. Seine Lider senkten sich. Schon wollte ich mich dem Publikum zuwenden. Da trat Anspannung in sein Gesicht.

Er biss sich auf die Unterlippe. Raphael gab sich Mühe, still zu wirken, aufrecht, gefasst. Doch sein linkes Bein verriet ihn. Die Anstrengung, mit der er es auf den Boden stellte, eine minimale Zuckung entlang der Wade, mehr erahnt als gesehen durch den Stoff der Hose. Angespannte Zehen, ein unmerkliches Zusammenziehen des Oberschenkels

Ein Krampf quälte ihn, erkannte ich.

Angestrengt atmete er gegen den Schmerz an.

Mir wurde klar, dass er sich vor dem Versagen fürchtete. Er wollte nicht vor versammelter Mannschaft bloßgestellt werden. Vielleicht gepaart mit dem Wunsch, mir zu beweisen, dass er durchhielt. Dabei ging es hier gar nicht darum.

»Ich helfe dir, darf ich?«

Sein Atem stockte kurz, dann nickte er.

Eine Hand legte ich außen ans Gitter, die andere fand den Weg zu seinem Hosenbein. »Ich berühre dich am Bein. Ist das okay?«

»Ja.«

Vorsichtig schob ich meine Finger unter den Stoff, suchte den verhärteten Muskel und ertastete eine steinharte Spannung, die sich wie ein Strang durch die Wade zog.

Raphael versuchte, ruhig zu bleiben, doch seine Zehen krümmten sich.

»Nicht dagegen anspannen. Lass es zu.« Behutsam massierte ich den Wadenmuskel.

Krämpfe waren fies – sie fühlten sich an, als wolle der Körper sich selbst auffressen.

Mit fest aufeinandergepressten Kiefern sah er mich an. Ein einzelner Schweißtropfen rann über seine Schläfe.

»Wird gleich besser«, flüsterte ich. »Atme mit mir.« Bewusst sog ich die Luft tief ein, hielt sie kurz und ließ sie langsam wieder entweichen. Nach zwei, drei Atemzügen folgte er meinem Rhythmus.

Die Verkrampfung löste sich.

Vorsorglich strich ich den Muskel noch einmal nach und beobachtete dabei sein Gesicht. Raphael lächelte mich dankbar an.

Mein Herz zuckte bei diesem Anblick. Sein Wille, durchzuhalten. Sein Vertrauen in mich. Und nun dieser warme Blick.

Mühsam riss ich mich los und zog die Hand zurück.

»Deine Farbe?«

»Grün, Sir.« Seine Stimme klang dunkler. Er nickte und schloss die Lider.


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