
Buchvorstellung einmal anders
Nach dem Autoreninterview drückt mir Gabriel seinen Kindle in die Hand und verlässt einfach das Zimmer. Da mir das schon öfter passiert ist in letzter Zeit, erahne ich, was da kommen wird.
Ich drehe den Kindle hin und her und öffne schließlich das Buch des Autors „Jenseits der Erinnerung“, um schon ein bisschen hineinzulesen. Nach einigen Minuten höre ich ein feines Stimmchen: »Jetzt ist er weg, dann interview einfach mich, deshalb bin ich ja da!«
Ich lache laut auf, denn ich liebe es mit Büchern zu reden und wer weiß neben dem Autor am meisten über das Buch? Vermutlich das Buch selbst. Also, dann lege ich mal los. Doch da klettert jemand aus dem Buch und setzt sich zu uns.
Wer bist du denn? Willst du dich den Besuchern des Blogs vorstellen?
Wer ich bin? An dieser tiefgründigen Frage haben sich schon einige Therapeuten die Zähne ausgebissen. Aber man nennt mich Mike ... oder Michael Lauterbach. Ich lebe seit kurzem wieder in der „Family Villa“, obwohl ich lieber aus einem anderen Anlass zurückgekehrt wäre…Herzlich Willkommen, Mike. Wollen wir das Interview nun zu dritt machen?
Besser du erfährst alles direkt von mir als vom Autor, diesem Schütz. Der war ja nicht einmal dabei.Hallo, danke, dass ihr heute Zeit gefunden habt, um mit mir zu reden.
Mike haben wir schon kennengelernt. Kannst du dich als Buch meinen Lesern vorstellen? Vielleicht in eigenen Worten, da die Leser den Klappentext auf der Verkaufsplattform lesen können?Mike: Gerne jetzt wo du mich aus dem Buch beschworen hast wie einen Flaschengeist, habe ich jedenfalls Zeit.Das Buch: Kein Problem, ich habe Zeit. Habe heute nichts vor, außer hier herumzuliegen und darauf zu warten, aufgeschlagen zu werden.
Das Buch: Ich bin ein literarischer Krimi für alle, die ein wenig psychologische Tiefe schätzen, Geschichten über familiäre Abgründe spannend finden und/oder dunkle Spuren der Vergangenheit faszinieren. Ich halte mich auch für ein außergewöhnliches Buch, das versucht nicht „more of the same“ zu sein.In deinem Inneren spielt sich ja so einiges ab, die in dir enthaltenen Charaktere erleben so einiges. Da ihr ja auch viel mit dem Autor zusammenarbeiten musst, könnt ihr uns vielleicht beantworten, ob es ihm leichter fällt sie durch einfache, schöne oder schwierige, düstere Zeiten und Situationen zu führen? Siehst du es als Protagonist genau so?
Habt ihr eine Lieblingsstelle, die ihr uns gerne vorstellen würdet?Das Buch: Einfache und schöne Situationen hat Gabriel immer ganz schnell geschrieben. Die Textstellen düsterer Szenen hat er oft überarbeitet – ich denke, dass er dazu immer wieder nachrecherchiert hat und es noch authentischer machen wollte. Da hat er auch viel an den Formulierungen gefeilt, ich denke er wollte die richtige Atmosphäre schaffen und die Leserin oder den Leser so richtig in die Szene hinein entführen.Mike: Ja es geht drunter und drüber. Der Schütz hat so richtig Freude daran, uns durch melancholische und schwierige Zeiten zu führen. Lustige und schöne Momente gönnt er uns aber auch ganz gern. Er mag es, wenn es „menschelt“. Mit den Konflikten tut er sich vielleicht manchmal schwerer, aber auch da lässt er Richard und mich ja aneinander krachen und wieder zu uns finden. Wir sind halt sture Kerle, und wie wir so ungefähr ticken versteht er schon ganz gut.
Wisst ihr wie viel Gabriel tatsächlich in dir oder auch in dem ein oder anderen Charakter steckt? Hast du dazu noch etwas hinzuzufügen oder stimmst du deinem Buch zu?Das Buch: Ich finde die Szene, in der Richard in die Villa Lauterbach einbricht, um einen Traum auszulösen, extrem spannend. Und dann gibt es einige Szenen, die mich sehr berühren, zum Beispiel der Prolog oder die Szene, in die Sonja Richard alleine im Haus zurücklässt.Mike: Als ich mit Richard vor dem Spiegel stehe, und mir langsam dämmert, wer er für mich ist.
Wie würdest du oder ihre Charaktere / Protagonisten / Antagonisten / Nebendarsteller den Autor beschreiben?Mike (lacht): In mir steckt jedenfalls nichts von ihm denke ich. Aber in Richard vielleicht…Das Buch: Naja so richtig ohne autobiographische Elemente kommt ein Text ja nie aus. Von Gabriel und auch von Menschen aus seinem Umfeld oder seiner Vergangenheit. Nicht nur in Charakteren sondern auch in Szenen oder Dialogen kommt immer wieder einmal etwas vor, dass er meines Wissens auch tatsächlich erlebt hat. Selbst in so kleinen Details wie der Rettung der Kröte stecken Erinnerungen von ihm.
Wie seid ihr eigentlich zum Titel gekommen? Stand der schon im Vorfeld fest oder hat er sich im Laufe des Schreibprozesses verändert? Hattest du viel Mitspracherecht?Das Buch: Ein nachdenklicher Autor, der mich schon sehr methodisch geschrieben hat. Zuerst hat er ein Konzept, dann ein Grundgerüst erstellt, dass er dann Stück für Stück mit Leben erfüllt hat. Dabei konnte er sich bei manchen Kapitel stundenlang in Recherchen verlieren, um daraus dann ein- oder zwei Sätze weiter zu schreiben. Bei anderen Szenen ging es Ruck- Zuck. Auch die Botschaften sind ihm wichtig: Zum Beispiel das Motiv – da geht es nicht einfach um Eifersucht, Rache oder Geld. Und eine gewisse Komplexität mag er auch gerne – wie man an der Sache mit dem Proust-Effekt und den Träumen sieht.Mike: Ich denke, er ist ein Autor der besonderen Wert auf die Entwicklung der Charaktere legt. Auch bei mir - aber vor allem bei Richard. Da geht es ihm darum, dass der Richard endlich ein paar Dinge kapiert und in die Gänge kommt. Um herauszufinden, was mit unserem Vater passiert ist, und damit er das mit Sonja wieder richtet. Es wäre ja ewig schade, ich meine: Nicht viele haben, was die beiden miteinander verbindet. Das ist ihm denke ich alles noch wichtiger, als die eigentliche Handlung des Romans.
Das Buch: Gabriel hatte schon ein paar Arbeitstitel davor und irgendwann hat er sich auf Englisch „Beyond Memory“ notiert. Nachdem Richard eben über seine bewussten Erinnerungen hinaus einen Weg findet, Bruchstücke vergessener Erinnerungen auszugraben. Manche davon stammen aus Erzählungen von anderen Menschen, sind also gewissermaßen „Erinnerungen an Erinnerungen“ von Alwin, Franz und Richards Vater. Insofern geht es „über Erinnerungen hinaus“ daher „Jenseits der Erinnerung“. Dazu enthält es noch das „Diesseits/Jenseits“-Wortspiel, weil ja einige der Erinnerungen von verstorbenen Personen sind.Seid ihr zu 100% zufrieden mit dem Cover / Outfit oder würdet ihr nachträglich gerne etwas ändern wollen?
Wir finden das Cover sehr gelungen! Es ist ungewöhnlich, ein Blickfang und hat einen starken Konnex zum Buch: Die Mosaikstücke haben eine Verbindung zur Handlung (Richard muss die Mosaiksteine der Erinnerungen zusammensetzen) und zum Holzthema (wie Richard als Tischler die Welt wahrnimmt, er erkennt jeden Werkstoff, jede Holzart – was sich ja auch in den Kapitelüberschriften widerspiegelt, die jeweils ein wichtige Holzart des Kapitels aufgreifen). Die Rückseite wirkt sehr professionell. Also wir finden das Cover toll!Zum Abschluss würde mich noch euer Lieblingszitat aus dem Buch interessieren.
Nun betritt der Autor wieder das Zimmer und blickt mich ungläubig an. Scheinbar ist es selbst in Autorenkreisen nicht üblich, dass das Buch und sein Hauptcharakter antworten. Leise flüstere ich den beiden noch zu: »Danke für das Gespräch, es hat mir großen Spaß gemacht.«Das Buch: Meines kommt gleich zu Beginn, in Franz Seniors Feldpostbrief, den er an seine Frau Maria schreibt: „Ich entkomme nur in Träume, von meinem Platz in deinen Armen, umklammert und frei.“Mike: Meines kommt erst gegen Ende, es verbirgt denke ich auch eine zentrale Botschaft des Romans. Der alte Sepp Egger belehrt damit Richard, sinngemäß sagt er: „Von der Leidensfähigkeit des Menschen, habt ihr Jungen keine Ahnung. Die einen ertragen schon mehr, als du dir jemals vorstellen kannst, und noch mehr Elend halten sie stand. Bei anderen setzt jedes kleine Kratzen am Ego eine kurze Lunte in Brand.“
Dann wende ich mich dem Autor zu. »Alle meine Fragen sind beantwortet, ich danke dir für den sehr interessanten Tag bei dir.«
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