
Lautes Kreischen
erklang inmitten der Nacht und weckte Matinion. Einen Moment lang verstand er
nicht, was draußen vor sich ging. Dann gellten die nächsten Schreie: noch
schriller, noch lauter, noch verzweifelter. Sein Herz krampfte sich zusammen.
Das waren unverkennbar Rufe der Todesangst. Obwohl er erst acht Jahre alt war,
konnte er schon zwischen leichter Furcht und blankem Entsetzen unterscheiden.
Sofort sprang
Matinion auf und rannte zu seinen Eltern, die sich ruhig anzogen.
»Mama, Papa … Sie
kommen. Die Todesbäume.«
Sein Vater nickte
ernst, während er sich den Schwertgurt anlegte. »So ist es, mein Sohn. Ich
werde versuchen, den anderen zu helfen. Das ist meine Aufgabe als Anführer.
Aber du, Matinion, du musst dich in Sicherheit bringen.«
»Ich will auch
helfen.«
Sein Vater
schüttelte den Kopf. »Das ist nicht deine Bestimmung. Du musst überleben, hörst
du?«
Seine Mutter zog
Matinion zu sich und küsste ihn, wobei Tränen über ihre Wangen liefen. »Lauf
zum Nachbardorf und hol Hilfe! Beeile dich, bald könnte es zu spät sein.«
Matinion spürte
den drängenden Unterton und doch zögerte er. Er wollte sie nicht verlassen,
denn ein Teil von ihm ahnte bereits, dass er sie nie wiedersehen würde. »Was
ist mit euch? Ihr müsst mitkommen!«
Seine Eltern
sahen sich an. Schließlich seufzte sein Vater schwer. »Das geht nicht. Ich muss
den anderen helfen. Und deine Mutter auch – sie ist Heilerin. Das verstehst du
doch?«
Zögernd nickte
Matinion.
»Dann lauf! Lauf
so schnell du kannst!« Seine Mutter schob ihn Richtung Ausgang.
Als sie aus der
Tür traten, erwartete sie das nackte Grauen. Überall liefen Menschen kreischend
und weinend durcheinander. Sie flüchteten vor den Todesbäumen, die durch die
Reihen pflügten, so unbeteiligt wie eine Sense, die durch Gras fährt. Ihr Haus
lag an der Seite des Dorfes, die vom Wald abgewandt war; daher waren die
Arboranos noch nicht hier. Aber es würde nicht mehr lange dauern.
Matinion
schluckte. Wie sollte sein Vater es mit dem Schwert gegen diese Giganten
aufnehmen? Er wollte ihn anflehen, die Waffe wegzustecken und mit ihm zu
kommen. Zum Nachbardorf, wo es vielleicht Hilfe gab. Als er den entschlossenen
Ausdruck auf den Gesichtern seiner Eltern sah, wusste er, es war vergebens. Sie
würden sich nicht von ihrem Volk abwenden, sondern dessen Schicksal teilen.
»Lauf, mein
Sohn«, sagte sein Vater. Nach diesen Worten drehte er sich um und lief auf die
todbringenden Bäume zu, die kaltblütig alle Menschen töteten, die sie in ihre
knorrigen Äste bekamen. Seine Mutter strich ihm sanft über die Wange, dann
folgte sie ihrem Mann nicht minder entschlossen.
Matinion sah
ihnen verzweifelt nach. Er wollte weder sie im Stich lassen noch die anderen.
Aber er hatte versprochen, Hilfe zu holen. Das würde er machen. Hastig drehte
er sich um und rannte davon, so schnell seine Beine ihn trugen.
Er war erst
einige wenige Meter weit gekommen, als er einen Schrei hörte, der ihm durch
Mark und Bein ging. Auch in ihrer unendlichen Qual erkannte er die Stimme
sofort: Das war seine Mutter, die ihren Todesschrei ausstieß.
Tränen stiegen
ihm in die Augen und er wischte sie rasch fort. Er war ein Krieger, oder
zumindest würde er das bald sein. Aber jetzt kam er sich wie der größte
Feigling vor. Als er durch den Wald lief, in dem die unbeweglichen Brüder und
Schwestern der Arboranos standen, schwor er sich, dass er sich rächen würde.
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