Mittwoch, 19. November 2025

[Schnipseltime] Todesbäume - Renn, wenn du kannst von Ava Cooper


 

Lautes Kreischen erklang inmitten der Nacht und weckte Matinion. Einen Moment lang verstand er nicht, was draußen vor sich ging. Dann gellten die nächsten Schreie: noch schriller, noch lauter, noch verzweifelter. Sein Herz krampfte sich zusammen. Das waren unverkennbar Rufe der Todesangst. Obwohl er erst acht Jahre alt war, konnte er schon zwischen leichter Furcht und blankem Entsetzen unterscheiden.

Sofort sprang Matinion auf und rannte zu seinen Eltern, die sich ruhig anzogen.

»Mama, Papa … Sie kommen. Die Todesbäume.«

Sein Vater nickte ernst, während er sich den Schwertgurt anlegte. »So ist es, mein Sohn. Ich werde versuchen, den anderen zu helfen. Das ist meine Aufgabe als Anführer. Aber du, Matinion, du musst dich in Sicherheit bringen.«

»Ich will auch helfen.«

Sein Vater schüttelte den Kopf. »Das ist nicht deine Bestimmung. Du musst überleben, hörst du?«

Seine Mutter zog Matinion zu sich und küsste ihn, wobei Tränen über ihre Wangen liefen. »Lauf zum Nachbardorf und hol Hilfe! Beeile dich, bald könnte es zu spät sein.«

Matinion spürte den drängenden Unterton und doch zögerte er. Er wollte sie nicht verlassen, denn ein Teil von ihm ahnte bereits, dass er sie nie wiedersehen würde. »Was ist mit euch? Ihr müsst mitkommen!«

Seine Eltern sahen sich an. Schließlich seufzte sein Vater schwer. »Das geht nicht. Ich muss den anderen helfen. Und deine Mutter auch – sie ist Heilerin. Das verstehst du doch?«

Zögernd nickte Matinion.

»Dann lauf! Lauf so schnell du kannst!« Seine Mutter schob ihn Richtung Ausgang.

Als sie aus der Tür traten, erwartete sie das nackte Grauen. Überall liefen Menschen kreischend und weinend durcheinander. Sie flüchteten vor den Todesbäumen, die durch die Reihen pflügten, so unbeteiligt wie eine Sense, die durch Gras fährt. Ihr Haus lag an der Seite des Dorfes, die vom Wald abgewandt war; daher waren die Arboranos noch nicht hier. Aber es würde nicht mehr lange dauern.

Matinion schluckte. Wie sollte sein Vater es mit dem Schwert gegen diese Giganten aufnehmen? Er wollte ihn anflehen, die Waffe wegzustecken und mit ihm zu kommen. Zum Nachbardorf, wo es vielleicht Hilfe gab. Als er den entschlossenen Ausdruck auf den Gesichtern seiner Eltern sah, wusste er, es war vergebens. Sie würden sich nicht von ihrem Volk abwenden, sondern dessen Schicksal teilen.

»Lauf, mein Sohn«, sagte sein Vater. Nach diesen Worten drehte er sich um und lief auf die todbringenden Bäume zu, die kaltblütig alle Menschen töteten, die sie in ihre knorrigen Äste bekamen. Seine Mutter strich ihm sanft über die Wange, dann folgte sie ihrem Mann nicht minder entschlossen.

Matinion sah ihnen verzweifelt nach. Er wollte weder sie im Stich lassen noch die anderen. Aber er hatte versprochen, Hilfe zu holen. Das würde er machen. Hastig drehte er sich um und rannte davon, so schnell seine Beine ihn trugen.

Er war erst einige wenige Meter weit gekommen, als er einen Schrei hörte, der ihm durch Mark und Bein ging. Auch in ihrer unendlichen Qual erkannte er die Stimme sofort: Das war seine Mutter, die ihren Todesschrei ausstieß.

Tränen stiegen ihm in die Augen und er wischte sie rasch fort. Er war ein Krieger, oder zumindest würde er das bald sein. Aber jetzt kam er sich wie der größte Feigling vor. Als er durch den Wald lief, in dem die unbeweglichen Brüder und Schwestern der Arboranos standen, schwor er sich, dass er sich rächen würde.

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