
~ LESEPROBE –
KAPITEL 1 ~
Es gibt Tage, an denen ich im Fünfminutentakt auf die Uhr
schiele, in Erwartung des einzigen Ereignisses, das meine Laune noch retten
kann: Schichtwechsel. Schichtwechsel bedeutet Feierabend und Feierabend
bedeutet schlafen.
Endlich schlafen.
Der dreifache Espresso und die Dose Red Bull von der
Tanke halten zwar den Koffeinspiegel auf einem erträglichen Niveau, ersetzen
ein paar Stunden erholsamen Schlaf aber höchstens dürftig. Mir war zwar von
Anfang an klar, dass es nicht einfach werden würde, die Empfehlung für den
Aufstieg in den gehobenen Dienst zu ergattern, aber mit einer solchen Tortur
habe ich nicht gerechnet. Ich habe die dritte Nachtschicht in Folge hinter mir
und bin so müde, dass ich beim Laufen über die eigenen Füße stolpere und kaum
das Gleichgewicht halten kann.
Echt geil, Alex. Du kannst doch nicht auf der Fußstreife
durch die Straßen taumeln wie ein Zombie in Uniform. Was sollen die Leute
denken?
Ich versuche, mich ein wenig aufzurichten, und straffe
die Schultern, obwohl das kaum über meine zerrauften Haare und die tiefen
Augenringe hinwegtäuschen kann, die ich seit Tagen spazieren trage. Meine
Klamotten sollte ich dringend wieder waschen, um den Schweißgeruch und die
Hundehaare loszuwerden, die an meiner Uniformhose kleben. Vielleicht sollte ich
die Fusselrolle direkt an der Quelle einsetzen, um der Fellflut Herr zu werden.
Ich schnaufe frustriert und zupfe ein paar Flusen vom Ärmel, als würde das
etwas an meinem katastrophalen Zustand ändern. Dann blicke ich nach unten, von
wo mich der Übeltäter mit seinen großen dunklen Augen ansieht. Dexter hechelt,
wobei sich seine Lefzen zu einem breiten Grinsen verziehen, als würde er mich
auslachen. Sein rechtes Ohr hängt schlaff zur Seite und wippt fröhlich im Takt
seiner Schritte, während sein linkes aufmerksam die Umgebung sondiert. Er wirkt
erschöpft, aber zufrieden, und ich muss lächeln.
„Gleich geschafft, Kumpel – dann können wir nach
Hause“, verspreche ich ihm und seine Augen strahlen. Er weiß genau, dass dort
sein Abendessen und ein Stück Rinderohr auf ihn warten. Es scheint, als
verstünde er jedes Wort. Was er glücklicherweise nicht tut, sonst wäre ich echt
am Arsch.
Hätte er anstatt seiner Pfoten Hände mit Daumen, würde er
spätestens morgen meinen Job übernehmen und ich säße auf der Straße. Das klingt
vielleicht dämlich, aber Dexter ist mir im wahrsten Sinne des Wortes eine
Nasenlänge voraus, wenn es um unsere gemeinsamen Einsätze geht. Nicht zuletzt
dank seines Riechkolbens war unsere Fußstreife im Dunstkreis der
U-Bahn-Stationen heute von Erfolg gekrönt. Dem Hinweis einer Sicherheitskraft
zufolge sind die Grünstreifen bei den Dealern der Umgebung äußerst beliebt, um kleinere
Mengen Rauschgift an den Käufer zu bringen, sodass die Absuche mit Dexter
mehrmals von Erfolg gekrönt war. Durch einige verdachtsmäßige
Personenkontrollen konnten wir außerdem drei Verstöße gegen das
Betäubungsmittelgesetz, zwei konfiszierte Springmesser und eine Anzeige wegen
Beleidigung verzeichnen. Wahrscheinlich könnte ich mich regelmäßig von dem
verbalen Dünnpfiff angegriffen fühlen, der einem tagtäglich entgegenschwappt,
doch meistens ist das den Schreibkram nicht wert. Ist ja nicht so, als hätten
diese Papierfetzen für die testosterongesteuerten Männchen in den schlecht
sitzenden Hosen irgendwelche weitreichenden Konsequenzen. Es wird gemeinhin die
Meinung vertreten, dass man als Polizist solche Äußerungen verkraften muss.
Meistens gelingt mir das ganz gut, wir Bullen sind ja stumpfsinnige Geschöpfe,
die problemlos auf Durchzug schalten können. Aber nach dem fünften „Ey Alta,
isch fick deine Mudda“ reicht es mir dann doch und ich zücke Block und Stift,
um mit der gesamten Kraft der Staatsmacht gegen diese Übeltäter vorzugehen.
Strafanzeige und Platzverweis.
Na schönen Dank auch.
„Ich geh morgen ins Fitti. Bock, mitzukommen?“, reißt
mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Ich fahre überrascht zusammen und drehe
mich zu Markus um, der seit ein paar Minuten schweigend neben mir herläuft und
auf seinem Handy herumtippt. An die ständige Anwesenheit eines menschlichen
Kollegen habe ich mich noch immer nicht gewöhnt. Während meiner Zeit in der
Hundestaffel war ich oft allein mit Dexter unterwegs. Jetzt habe ich ständig
diese Person an meiner Seite, die mich zu den unpassendsten Zeitpunkten vollquatscht
und einen auf Gym-Buddy machen will.
Jeden verdammten Tag.
Trotzdem kann ich Markus ganz gut leiden. Sein Vorname
lässt es nicht unbedingt vermuten, aber Markus Yusuf Yildrim erscheint auf den
ersten Blick wie das perfekte Klischee eines Türken. Ihn als etwas untersetzt
und durchtrainiert zu bezeichnen, wäre noch eine höfliche Untertreibung –
er ist buchstäblich so hoch wie breit. In der Dienstgruppe wird er „Quotenali“
genannt, allerdings auch nahezu täglich angefleht, mit seinen
Dolmetscherfähigkeiten behilflich zu sein. Er ist schließlich der Einzige auf
der gesamten Dienststelle, der fließend Englisch und Türkisch spricht.
„Äh, ne, sorry“, wimmle ich ihn zum gefühlt tausendsten
Mal ab und fühle mich wie der Spielverderber vom Dienst. „Ich bin so was von im
Arsch, ich will nach der Schicht einfach nur schlafen. Außerdem muss Dex morgen
beschäftigt werden.“ Bevor die übliche Diskussion über den Sinn und Unsinn von
hundefreundlichen Fitnessstudios ausbrechen kann, bleibt Dexter wie aus dem
Nichts stehen. Reflexartig halte ich ebenfalls inne, wodurch Markus beinahe
über die straff gespannte Leine stolpert.
„Hey, pass mal auf“, beschwert er sich, dann fällt sein
Blick auf Dexter und er verstummt. Die schwarze Schnauze aufmerksam in die Luft
gereckt, die Rute kerzengerade nach oben – so baut sich mein Diensthund
schützend vor mir auf.
„Was ist los, Kumpel? Hast du was gehört?“, frage ich mit
gedämpfter Stimme, rechne aber nicht mit einer Antwort. Stattdessen dringt ein
bedrohliches Knurren wie fernes Donnergrollen aus seiner Kehle. Er hat etwas
entdeckt. Etwas, das er eindeutig als bedrohlich einstuft.
„Stimmt was nicht?“ Markus kratzt sich seinen breiten
Stiernacken, der nahtlos in seine auf Hochglanz polierte Glatze übergeht, und
blickt mich fragend an.
„Ich hab keine Ahnung“, murmle ich und recke den Hals, um
zwischen den Autos hindurchzulinsen, die dicht an dicht an der Bordsteinkante
parken. „Geh du mal vor, ich sichere mit Dex ab, okay?“
Ich erhalte ein wortloses Nicken zur Antwort, dann
übernimmt mein Kollege die Führung. Derweil rufe ich Dexter zu mir und er
reagiert sofort. Sein warmer Körper presst sich gegen meinen Unterschenkel, als
wir uns Seite an Seite vorwärts bewegen. Ich versuche, unsere Umgebung im Blick
zu behalten und zwischen die parkenden Autos zu spähen, die wir nach und nach
passieren, doch zugleich fordert Dexter meine Aufmerksamkeit. Jedes Zucken
seiner Ohren, die kleinste Veränderung seiner Körpersprache nehme ich ganz
bewusst wahr. Solange wir nicht wissen, womit wir es zu tun haben, bin ich
gezwungen, mich auf die Instinkte meines vierbeinigen Partners zu verlassen.
Irgendwo zu unserer Rechten ist ein Kratzen zu hören, wie das Schleifen von
Metall auf Metall. Dexters Kopf ruckt herum, er lauscht aufmerksam.
„Jetzt geh schon auf, du Mistding!“ Eine Frauenstimme
dringt hinter einem silbergrauen Mercedes hervor, das Kratzen wird lauter.
Markus, der das Geräusch ebenfalls wahrgenommen hat,
winkt mich zu sich. Ich trete näher an das Fahrzeug heran, das definitiv schon
mal bessere Zeiten gesehen hat. Die Kotflügel sind verbeult, die Felgen rostig
und auf der Stoßstange befinden sich tiefe Kratzer.
Am Heck der Limousine spielt sich eine Szene ab, wie ich
sie in meiner ganzen Karriere bei der Schutzpolizei noch nicht erlebt habe.
Eine Frau – ich schätze sie mit einem flüchtigen Blick auf Mitte
zwanzig – ist mit vollem Körpereinsatz dabei, den Kofferraum aufzubrechen.
Sie hämmert mit einem dicken Metalllineal auf den Deckel ein und versucht, ihr
Werkzeug unter die Verkleidung zu schieben, um das Schloss aufzuhebeln. Eine
professionelle Autoknackerin ist sie nicht, so viel steht fest. Es scheint mir
viel wahrscheinlicher, dass sie ihren Schlüssel im Wagen vergessen hat und sich
jetzt nicht anders zu helfen weiß. Und dennoch ist da dieses seltsame Ziehen in
der Magengegend und ich werde das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas nicht
stimmt.
Fürs Erste halte ich mich im Hintergrund und suche mir
eine Position, aus der ich das Auto, die Frau und zumindest einen Teil der
Straße gut im Blick habe. Dexter verfolgt aufmerksam, wie sich mein Kollege der
Frau nähert. Sein Körper ist gespannt wie eine Sprungfeder, die Muskeln unter
dem dichten sandfarbenen Fell treten deutlich hervor. Ich höre, wie das Blut in
meinen Ohren rauscht, und spüre mein Herz gegen meine Rippen hämmern. Einer
spontanen Eingebung folgend, greife ich nach meiner Dienstwaffe und klappe den
Sicherungsbügel beiseite. Im Gegensatz zu Dexter und mir bleibt Markus ganz
entspannt. Zumindest mag seine lässige Art den Anschein erwecken, aber ich
kenne ihn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass dem nicht so ist.
„Guten Tag, die Polizei“, beginnt er das Gespräch in
einem ruhigen, freundlichen Tonfall. „Treten Sie von dem Auto zurück. Die Hände
bitte dahin, wo ich sie sehen kann.“
Bis zu diesem Moment scheint uns die vermeintliche
Autodiebin nicht einmal bemerkt zu haben. Sie zuckt erschrocken zusammen und
fährt ruckartig herum, das Lineal wie eine Waffe erhoben. Dexter stemmt sich
gegen die Leine und knurrt, die Ohren flach an den Kopf gepresst. Diese Frau
ist ihm scheinbar nicht geheuer, obwohl sie mit ihrer pummeligen Gestalt und
der Brille auf der Nase eigentlich ganz harmlos aussieht.
Ich bin trotzdem vorsichtig. Wenn ich in meinen
Dienstjahren eines gelernt habe, dann, dass man sich von einem ersten Eindruck
besser nicht täuschen lassen sollte.
„Fuck, Sie haben mich erschreckt“, stößt sie keuchend
hervor und lässt dabei das Lineal sinken. „Ich hab Sie gar nicht
bemerkt …“ Ihr Blick huscht hektisch hin und her, als würde sie einen
Ausweg aus dieser verzwickten Situation suchen, und ihre Augen bleiben einen
Moment lang an mir und schließlich an Dexter hängen. Ich kann ihr förmlich
ansehen, wie sie „wegrennen“ von ihrer Liste streicht.
„Treten Sie von dem Auto zurück“, wiederholt Markus seine
Anweisung mit etwas mehr Nachdruck. „Ist das überhaupt Ihres?“
„Nein, aber … es ist nicht das, wonach es aussieht,
ehrlich nicht“, druckst sie herum und tritt dabei von einem Bein auf das
andere. „Es gehört einem Freund. Lassen Sie mich einfach reinschauen, er hätte
bestimmt nichts dagegen.“ Sie macht einen alibimäßigen Schritt in unsere
Richtung, scheint es sich dann wieder anders zu überlegen und kehrt zum Wagen
zurück.
„Ich hab überhaupt keine Zeit für so was, ich
muss …“ Es kracht und knirscht, als sie das Lineal mit aller Kraft unter
die Blechverkleidung stößt und es hin und her dreht. Da sind wir in eine echt
schräge Nummer reingeraten, und das so kurz vor Feierabend.
Schöne Scheiße.
Markus hat ebenfalls genug von diesem Theater, auf seiner
Stirn bildet sich eine steile Falte und sein Tonfall wird schärfer.
„Sie entfernen sich von dem Auto und nehmen die Hände
hoch. Haben Sie mich verstanden?“, wiederholt er, lauter diesmal, und Dexter
unterstreicht seine Worte mit einem kehligen Bellen.
Die junge Frau wirkt zunehmend verzweifelt. Sie stemmt
sich mit beiden Händen auf ihr Werkzeug, als hinge ihr Leben vom Inhalt dieses
Kofferraums ab.
„Sie verstehen das nicht, ich muss jemanden finden! Ich
muss –“
„Jetzt, sofort!“
Knack.
Der Schließmechanismus kann dem Druck nicht länger
standhalten und kapituliert mit einem vernehmlichen Knirschen. Urplötzlich
herrscht eine Totenstille, die nur von einem leisen Quietschen durchbrochen
wird. Wie in Zeitlupe schwingt der Kofferraumdeckel auf. Aus meiner Position
habe ich einen besseren Blick auf das Innere des Wagens als mein Kollege, daher
entdecke ich das Paar nackter, aufgequollener Füße zuerst. Dann trifft mich der
Verwesungsgeruch mit der Wucht eines Vorschlaghammers. Süßlich, faulig, beißend
frisst er sich in meine Nase. Ein Geruch, den jede Einsatzkraft kennt und den
wir alle verabscheuen.
Mir jagt ein eiskalter Schauder über den Rücken.
Vielleicht weil dieser Anblick einer Leiche in einem Auto irgendwo in einer
Münchner Wohngegend auch für mich zu surreal wirkt.
Es ist Dexter, der mich aus meiner Schockstarre reißt. Er
fletscht die Zähne, knurrt und reißt so heftig an der Leine, dass ich sie mit
beiden Händen festhalten muss, ehe ich ihn wieder unter Kontrolle bringen kann.
„Weg von dem Wagen!“, brülle ich der Frau entgegen, die
von dem Gestank vollkommen betäubt dasteht, unfähig, sich zu bewegen. Anstatt
meiner Anweisung zu folgen, starrt sie mich an wie ein Reh im
Scheinwerferlicht, die Augen vor Panik weit aufgerissen. Das Lineal rutscht ihr
aus der Hand und fällt klirrend auf den Asphalt.
„I-ich … Ach du Scheiße, was …“ Sie presst sich
die Hand auf den Mund und bückt sich nach einer ausgebeulten Umhängetasche, die
halb geöffnet neben ihr auf dem Boden liegt.
„Finger weg, Hände aus der Tasche!“, fährt Markus sie an.
Er tritt einige Schritte zurück, gewinnt mehr Abstand zu ihr. Die Dienstwaffe
hält er mit beiden Händen vor sich, der Lauf zeigt Richtung Boden.
Intuitiv wiederhole ich seine Anweisung. Mein Hals fühlt
sich staubtrocken an und in meiner Kehle sitzt ein Kloß aus Panik und
Überlebenswille, aber ich schreie sie aus Leibeskräften an, endlich die Hände
aus der Tasche zu nehmen. Sie blickt mich nur durch die Gläser ihrer Brille an
und scheint von der gesamten Situation genauso überfordert zu sein wie ich.
Adrenalin schießt durch meine Adern, brennt wie winzige
Nadelstiche auf der Haut. Ich registriere am Rande, wie sehr meine Finger
zittern, die ich um den Griff meiner Dienstwaffe schließe. Dabei schicke ich
ein Stoßgebet gen Himmel, dass dieser Anker genau das bleibt, was er für mich
und jeden meiner Kollegen darstellt: der allerletzte Ausweg.
„Hey, stopp, ich will doch nur …“, ruft sie
aufgebracht, wobei ihre Hand in der Tasche verschwindet.
Mein Herzschlag schießt zusammen mit dem Adrenalinspiegel
durch die Decke und ich funktioniere einfach nur. Ich tue das, was mir meine
Erfahrung und mein Überlebensinstinkt empfehlen, fernab aller Lehrbücher und
weit abseits jeglicher Trainingsszenarien. Geistesgegenwärtig löse ich meine
Hand vom Pistolengriff und rufe Dexter zu mir. Er baut sich zwischen meinen
Beinen auf und fixiert die Frau drohend.
„Hände weg von der Tasche oder ich setze den Hund ein“,
drohe ich und höre selbst, wie meine Stimme dabei zittert. Trotzdem ist es mir
todernst und Dexters gefletschte Zähne, die ihr entgegenblitzen, sollten diese
Botschaft zusätzlich unterstreichen. Doch sie sieht mir direkt in die Augen und
ich entdecke irgendwo zwischen Panik und Verwirrung einen Funken Wut in ihr
schwelen.
„Fuck, was soll das? Ich will nur –“ Erneut tastet
sie nach ihrer Umhängetasche.
„Voran!“ Dexter schnellt wie ein geölter Blitz nach vorn,
das Maul weit aufgerissen, die Ohren flach an den Kopf gepresst. Sein Körper
kracht mit voller Wucht in das Ende der Leine, seine Zähne schnappen eine
Armlänge von ihrer ausgestreckten Hand entfernt in die leere Luft. Dreißig Kilo
Fell, Muskeln und eiserne Entschlossenheit reißen an meinem Arm, jagen
Schockwellen bis in meine Schulter. Ein erschrockener Aufschrei, der in Dexters
Gebell beinahe untergeht, hallt durch die Straße.
Markus rennt los, um die Frau zu fixieren, die
zusammengesunken am Auto lehnt. Währenddessen hole ich meinen Hund zu mir
zurück und lege ihn in einigen Metern Entfernung ab, ehe ich meinem Kollegen zu
Hilfe komme. Obwohl ich höre, wie die Handschellen klicken, fällt die
Anspannung nicht von mir ab. Kein Wunder bei der verdammten Leiche, die da
neben mir vor sich hin stinkt, sodass ich Gefahr laufe, mir mein Mittagessen
noch mal durch den Kopf gehen zu lassen.
„Mach du Funk und Absperrung, ich übernehme das hier“,
biete ich Markus an und kümmere mich damit um die Aufsicht über die gefesselte
Frau.
Er nickt zustimmend, greift nach seinem Funkgerät und
lässt uns erst mal allein.
Als ich sie vorsichtig auf die Seite drehe, entdecke ich
das Blut, das von ihrer Stirn auf den kalten Asphalt tropft. Sie muss vor
Schreck gestürzt sein und dabei die Heckkante gestreift haben. Ich presse die
Lippen zusammen und rüttle sie vorsichtig an der Schulter.
„Hallo? Können Sie mich hören?“
Ihre Augenlider zucken, sie stöhnt.
„Können Sie mich verstehen?“, schiebe ich hinterher, in
der verzweifelten Hoffnung, eine halbwegs verständliche Antwort zu erhalten.
„N-nimm deine Griffel von mir, du Penner“, kommt es
gedämpft von ihr und ihre Augen öffnen sich einen Spalt weit.
Ich atme erleichtert auf. Es ist vermutlich das erste
Mal, dass ich mich über eine Beleidigung freue, aber gerade bin ich einfach
froh, sie nicht ausgeknockt zu haben.
„Wir kriegen gleich Verstärkung“, informiert Markus mich
knapp. „Ich sperre die Straße ab und weise die Kollegen ein. Bis dahin ist der
Rettungsdienst auch da. Kümmerst du dich erst mal um sie?“
Mit einem kurzen Blick auf Dexter, der die Szenerie von
seinem Platz aus wachsam beobachtet, nicke ich. Ich bin ja nicht allein, wir
kriegen das schon hin.
Ein paar Minuten später offenbart sich mir das gesamte
Ausmaß meiner Misere. Die unbekannte Frau liegt mit angezogenen Beinen auf dem
Bürgersteig, während ich mit meiner umfangreichen Ersthelferausrüstung,
bestehend aus einer zerknautschten Packung Taschentücher, rette, was zu retten
ist. Gegen die Platzwunde mitten auf ihrer Stirn kann ich nicht viel
ausrichten, ich beschränke mich darauf, ihr das Blut aus dem Gesicht zu
wischen. Obwohl ich ihr die Handfesseln eben wieder abgenommen habe, beteiligt
sie sich kein bisschen an meinen kläglichen Bemühungen. Stattdessen darf ich
mir anhören, was für ein riesiger Vollidiot ich bin. Danke, da bin ich selbst
schon drauf gekommen, aber das behalte ich lieber für mich. Meine Autorität hat
heute schon genug gelitten.
„Ich wollte doch bloß meinen Presseausweis aus der
Handtasche holen …“, mault sie mich trotzig von der Seite an und ich halte
inne.
„Wie … Bitte was?“, frage ich dezent unprofessionell
nach und komme mir dabei ein bisschen dämlich vor.
„Ich. Presse. Guckst du.“ Sie stößt mit dem Fuß gegen
ihre Umhängetasche, die auf die Seite kippt, wobei ein Teil des Inhalts auf die
Straße kullert. Eine Haarbürste, ein zerlesenes Notizbuch, ein dicker
Schlüsselbund … nichts Besonderes.
Moment mal.
Mein Blick bleibt an einer weißen Ausweiskarte hängen,
die mit einem Schlüsselband an den Schultergurt der Tasche geknotet wurde:
„Camille Ciskowitz, Berichterstatterin“. Eine Journalistin. Ich habe gerade
eine Journalistin festgenommen. Mir sackt das Herz in die Magengrube.
Klasse, Alex, überleg dir schon mal, wie du das in deinen
Bericht schreibst. Wahrscheinlich landet dein schiefes Gesicht morgen unter
einer hübschen Schlagzeile in der Zeitung, dann bist du erst mal das Gespött
auf der Wache und Christina verliert den letzten Funken Respekt vor dir.
Könnte nicht besser laufen für mich.
„Hätten Sie mir mal eine Gelegenheit gegeben, irgendwas
zu erklären, dann wäre das alles gar nicht passiert“, schaltet sich die
blutüberströmte Dame neben mir wieder ein und klingt dabei ein bisschen
gehässig. Wahrscheinlich sind mir beim Anblick ihres Presseausweises die
Gesichtszüge entgleist.
„Hätten Sie sich an unsere Anweisungen gehalten, dann
wäre es nicht so weit gekommen“, halte ich dagegen und seufze innerlich vor
Erleichterung, als das vertraute Martinshorn des Rettungsdiensts durch die
Straße hallt. Dem Himmel sei Dank, unsere gemeinsame Zeit hat ein Ablaufdatum.
„Wie kommen Sie überhaupt darauf, dass –“, zischt
sie aufgebracht zurück, doch ich lasse sie gar nicht ausreden.
„Erstens hätten Sie genauso gut eine Waffe aus Ihrer
Tasche zaubern können und zweitens erklärt das nicht, was Sie an diesem Auto zu
schaffen haben“, fahre ich ein bisschen zu hitzig dazwischen und erwidere ihren
trotzigen Blick. Zugegeben, dieses Thema ist ein wunder Punkt für mich. Ich
habe wirklich keinen Bock, mich auf offener Straße bei einer Personenkontrolle
abstechen zu lassen, weil ich meinen Glauben an die Menschheit über die
Eigensicherung stelle. Jeder von uns möchte nach seinem Dienst zu Hause im
eigenen Bett einschlafen können, ohne den Umweg ins Krankenhaus auf sich nehmen
zu müssen. Ein Gedanke, der manchen Menschen geradezu abwegig erscheint.
„Das könnte ich ja vielleicht mal erklären, wenn Sie mich
nicht ständig unterbrechen würden, verdammt!“
Jetzt reicht es mir langsam. Nach drei Nachtschichten, zu
viel Kaffee und zu wenig Schlaf ist von meinem Geduldsfaden nichts mehr übrig.
Da hat eine Diskussion mit einer besserwisserischen Journalistin etwa denselben
Effekt wie eine brennende Wunderkerze an einer Zapfsäule. Ich muss
schnellstmöglich zurück zu einer professionellen Ebene finden, bevor ich
explodiere.
„Bevor Sie versuchen, mir irgendwas zu erklären, muss ich
Sie über Ihre Rechte belehren“, unterbreche ich sie schon wieder und bin
überrascht, wie fest meine Stimme dabei klingt. Hin und wieder ist meine Wut
eine meiner großen Stärken. „Ihnen wird die Beteiligung an einem Tötungsdelikt
und Sachbeschädigung an einem Fahrzeug vorgeworfen. Sie sind somit Beschuldigte
im Strafverfahren. Sie sind verpflichtet, Ihre Personalien vollständig und
wahrheitsgemäß anzugeben, darüber hinaus brauchen Sie sich zur Sache nicht
äußern und haben jederzeit die Möglichkeit, einen Rechtsanwalt zu kontaktieren.
Außerdem haben Sie das Recht, Beweise vorzulegen und Zeugen zu benennen, die
Sie entlasten. Es besteht zudem die Gefahr, dass Sie Beweismaterial vernichten
oder Zeugen beeinflussen könnten, weshalb Sie vorläufig festgenommen werden.“
Eine Belehrung wie aus dem Bilderbuch: sachlich,
nüchtern, förmlich – ich habe wieder festen Boden unter den Füßen. Mein
Herzschlag verlangsamt sich automatisch, die Anspannung in meinen Schultern
löst sich.
„Haben Sie die Belehrung verstanden?“, frage ich
routinemäßig, suche dabei ihren Blick und bemerke mit einer gewissen
Selbstzufriedenheit, dass sie mich schon wieder vollkommen sprachlos anglotzt.
In ihrem Verstand scheint gerade die Information angekommen zu sein, dass sie
ganz schön tief in der Scheiße steckt.
Endlich.
Endlich habe ich das Gefühl, die Situation wieder unter
Kontrolle zu haben.
„Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?“, hake ich
eindringlich nach, erleichtert, dass meine Stimme wieder die professionelle
Härte ausstrahlt, die den Leuten einen gewissen Respekt einflößt. Meistens
zumindest.
Ihr abgehacktes Nicken erinnert an einen Roboter, aber
ich gebe mich damit zufrieden. Ihre Personalien kann ich in ein paar Minuten
aufnehmen, in dem Zustand läuft sie mir nicht weg.
„Gut, Frau Ciskowitz“, erwidere ich ein bisschen
freundlicher. „Man wird Ihnen heute noch eine Menge Fragen stellen, aber fürs
Erste kümmert sich der Rettungsdienst um Sie.“
Sie nickt erneut, ihre Augen sind glasig und sie wirkt,
als wäre sie mit den Gedanken ganz woanders. Insgeheim bin ich überrascht, wie
wortkarg sie plötzlich ist. Das hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Beschweren
werde ich mich sicher nicht darüber, mir steht noch eine Menge Arbeit bevor.
Mein Kopf fühlt sich jetzt schon an wie mit Watte gefüllt und das Stechen
hinter meinem rechten Auge hat deutlich an Intensität gewonnen.
„Dienst nach Vorschrift“ heißt die Devise, dann kann ich
möglichst schnell ins Bett fallen und ein bisschen Schlaf nachholen. Dexters
leises Winseln erinnert mich daran, dass ich mit diesem Wunsch nicht allein
bin.
„Gut, dann gehen wir jetzt zum Rettungswagen, damit
jemand Ihre Verletzung versorgt“, entscheide ich und greife nach ihrem Oberarm.
„Können Sie aufstehen?“
Für meine Frage ernte ich lediglich einen bösen Blick,
dann reißt sie sich los und kämpft sich ächzend auf die Beine. Alles klar, sie
braucht meine Hilfe nicht. Achselzuckend greife ich nach Dexters Leine und
nehme ihn wie üblich auf die linke Seite. Gerade als ich mich in Bewegung
setzen will, reckt die Blondine den Hals, um einen Blick auf die Leiche im
Kofferraum zu erhaschen.
„Was ist mit der Leiche? Wissen Sie irgendwas über sie?“
Erwartet sie auf diese Frage ernsthaft eine Antwort?
„Keine Ahnung. Liegt schon ein bisschen länger da drin,
mehr kann ich Ihnen dazu auch nicht sagen“, gebe ich widerwillig Auskunft und
kann mir die kleine Spitze nicht verkneifen. „Das sollte ich eigentlich Sie
fragen.“
Wie gut, dass Blicke nicht töten können, sonst hätte
Dexter spätestens jetzt einen schweren Verlust zu beklagen.
Während ich fest damit rechne, dass sie die nächste
Grundsatzdiskussion vom Zaun bricht, steuert sie bereits zielsicher auf den
geöffneten Kofferraumdeckel zu. Die hat vielleicht Nerven.
An der frischen Luft kann ich den stechenden
Leichengeruch sogar fast ausblenden, aber es gibt Bilder, die sich für immer
ins Gedächtnis brennen. Nein, manche Leichen vergisst man nicht. Deshalb halte
ich sie an der Schulter fest und ziehe sie zurück, bevor sie den Toten genauer
unter die Lupe nehmen kann.
„Hey, was soll das denn werden? Hiergeblieben!“ Das hier
ist kein Tatort-Sightseeing und ich für meinen Teil möchte lieber von hier
verschwinden, bevor die Spurensicherung eintrifft.
„Ich will nachsehen, ob ich was erkennen kann – das
könnte immerhin ein Freund von mir sein, verdammt!“ Sie reckt schon wieder den
Hals und stellt sich auf die Zehenspitzen, wodurch sie fast das Gleichgewicht
verliert. Ganz kurz krallt sie die Hände in meinen Oberarm, um sich
abzustützen, dann lässt sie mich los, als hätte sie sich verbrannt, und weicht
peinlich berührt zurück.
„Sorry“, nuschelt sie verlegen, verschränkt die Arme vor
der Brust und deutet mit dem Kinn Richtung Fahrzeug. „Darf ich?“
Was soll’s, denke ich, vielleicht kann
sie die Leiche identifizieren, dann bekommt die Kripo wenigstens ein paar
brauchbare Informationen.
„Von mir aus, aber ich sage Ihnen gleich, dass das kein
schöner Anblick ist“, warne ich sie, obwohl ich weiß, dass ich damit gegen eine
Wand rede. „Schön langsam und auf Abstand bleiben.“
„Ach was Sie nicht sagen.“ Zielstrebig nähert sie sich
dem geöffneten Kofferraum und linst hinein.
Ich riskiere ebenfalls einen Blick auf den leblosen
Körper. Der Tote liegt zusammengekrümmt wie ein Müllsack auf der Seite und ist
bereits so stark verwest, dass seine Gesichtszüge kaum mehr auszumachen sind.
Die Haut ist nicht mehr wächsern, wie es bei frisch Verstorbenen der Fall ist,
sie hat sich bereits gräulich verfärbt. Es fällt schwer, in diesem Haufen
verrottenden Fleisches einen einst lebenden und atmenden Menschen zu erkennen,
doch mir wird bei dem Anblick trotz der spätsommerlichen Wärme eiskalt.
„Oh Gott“, stößt die Blondine neben mir erstickt aus,
wendet sich abrupt ab und stolpert ein paar Schritte zur Seite. Ihr Gesicht hat
eine grünliche Färbung angenommen.
„I-ich denke … Nein. Das ist nicht Hugo. Das ist er
nicht …“ Sie krümmt sich und stützt die Hände auf die Oberschenkel, ich
höre sie schwer atmen. Okay, allmählich empfinde ich sogar ein wenig Mitleid
mit ihr, gleichzeitig brennen mir gleich mehrere Fragen auf den Nägeln.
„Welcher Hugo? Gehört ihm das Auto?“, stelle ich die
ersten beiden und bleibe an ihrer Seite stehen, bis ich sicher sein kann, dass
sie nicht umkippt.
„Na, der Hugo eben! Hugo van Peerten. Den müssen
Sie kennen, das ist immerhin Ihr Kollege.“ Sie sagt es mit einer tiefen
Überzeugung, die mir ein ungläubiges Schnauben entlockt.
„Als ob ich jeden Polizisten in ganz München kennen
würd–“, halte ich impulsiv dagegen, dann bleiben mir die Worte im Hals stecken.
Hugo van Peerten. Ich kenne diesen Namen. Leider kenne ich ihn sogar viel zu
gut. Trotzdem achte ich sorgfältig darauf, meine professionelle Maske nicht
fallen zu lassen, und zucke nur lässig mit den Schultern. „Wie gesagt, keine
Ahnung, wer das sein soll.“
Plötzlich knackt es aus dem Lautsprecher meines
Funkgeräts und Markus’ Stimme krächzt mir ungeduldig entgegen. Er vermeldet die
Ankunft des Rettungswagens, außerdem befindet sich bereits eine Kollegin vor
Ort, die unsere Verdächtige noch einmal gründlich durchsuchen wird. Ganz toll,
es stehen also alle einsatzbereit herum und warten auf mich – oder uns.
Ich teile meinem Kollegen mit, dass wir uns bereits auf dem Weg befinden, und
drehe das Funkgerät leiser.
„Okay, wir gehen jetzt bis zur Kreuzung vor, da wartet
eine Kollegin, die –“, will ich zu einer Erklärung ansetzen, da werde ich
schon wieder unterbrochen, zum gefühlt hundertsten Mal innerhalb der letzten
Viertelstunde.
„Na, was bist du denn für ein niedliches Kerlchen?“
Verdammt.
Dexter.
Ein ausgebildeter Schutzhund ist definitiv kein
Kuscheltier. Bei einigen dieser Kraftpakete kann eine gut gemeinte
Streicheleinheit im Krankenhaus enden und selbst die eigenen Leute halten von
einem Diensthund im Einsatz einen gebührenden Abstand. Zu ihrem Glück ist
Dexter im Gegensatz zu seinen Kollegen eher der ausgeglichene Typ.
„Wie heißt du denn?“, fragt die Blondine mit unbeirrter
Freundlichkeit weiter und geht in gebührendem Abstand zu Dexter in die Hocke.
Die Selbstverständlichkeit, mit der sie auf den Hund zugeht, der ihr vor
wenigen Minuten mit gefletschten Zähnen gegenüberstand, ist geradezu
verstörend. Die Frau hat sie nicht mehr alle.
„Finger weg, das ist gefährlich“, versuche ich sie zu
warnen und ziehe Dexter zurück, um wenigstens ihre Hand zu retten, die sie
meinem Diensthund so unbesorgt entgegenstreckt.
Und Dexter … tja, Dexter reckt ihr interessiert die
Schnauze entgegen, schnuppert an ihrem Handrücken – und wedelt mit dem
Schwanz.
„Sie haben aber einen sympathischen Kollegen, Herr …
Dings“, resümiert sie und grinst mich unbekümmert an. „Von dem könnten Sie sich
ruhig eine Scheibe abschneiden.“
Von meinem eigenen Partner derart hintergangen zu werden,
kratzt gewaltig an meinem Stolz.
„Wie auch immer“, knurre ich gereizt und zupfe ungeduldig
an der Leine.
„Am Ende der Straße warten der Rettungswagen und eine
Kollegin, die Sie durchsuchen wird. Kommen Sie, die haben auch nicht ewig
Zeit.“
Frau Ciskowitz schnauft entrüstet und stemmt sich hoch.
„Ist ja gut. Wenn’s sein muss, gehen wir.“
Wird aber auch Zeit. Als ich mich in Bewegung setzen
will, bleibt mein Blick an dem nigelnagelneuen Blechschild hängen, das über
unseren Köpfen in der Abendsonne funkelt. Ein blauer Kreis, ein rotes X.
War ja klar, dass die Karre im Halteverbot steht.
Mord im Halteverbot.
Ich schätze, auf das Knöllchen kann ich ausnahmsweise
verzichten.
~ LESEPROBE ENDE ~
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