
„Was ist... mit mir... passiert?“, kam es
mit sichtlicher Anstrengung aus Joans Mund, worauf Brian sich zu ihr drehte und
sie mit besorgtem Blick ansah.
„Erinnerst du dich denn nicht?“ Joan
schüttelte den Kopf und stöhnte unter den Schmerzen auf, die die plötzliche
Bewegung auslösten. Ihr Kopf fühlte sich an, als hätte jemand mit einem
Baseballschläger zugeschlagen.
Indessen wandte Brian den Blick zu Dr.
Cooper, der am Ende des Krankenbettes stand. Seine Hände ruhten auf dem
Gestänge.
„Das ist nach einem tiefen Koma nicht
ungewöhnlich“, erklärte Dr. Cooper in ruhigem Ton. Ihm war Joans Problem
bereits bekannt, doch die neuerlichen Untersuchungen hatten keinerlei Hinweise
auf eine Beeinträchtigung des Erinnerungsvermögens gegeben. Zudem waren die
ersten Tests positiv ausgefallen. Joan kannte sämtliche ihrer persönlichen
Daten, konnte ihre Besucher richtig zuordnen und wusste über Ereignisse aus der
ganzen Welt Bescheid. Sie konnte sich an alles erinnern, nur eben nicht an den
Tag des Unfalls. „Ich bin sicher, dass die Erinnerungen in einigen Tagen
zurückkehren werden“, fuhr Dr. Cooper zuversichtlich fort. „Mrs. Farley, Sie
haben eine sehr lange und anstrengende Reise hinter sich. Davon hat sich ihr
Gehirn noch nicht erholt. Gönnen Sie sich und Ihrem Körper etwas Ruhe.“
Für einen Moment schloss Joan ihre Augen
und hörte nicht, wie der Arzt nach einem knappen Nicken zu Brian ihr Zimmer
verließ. Als sie Brian wieder ansah, fiel ihm ein, dass er ihre Frage noch
nicht beantwortet hatte.
„Du hattest einen schweren Unfall“, sagte
Brian, während er ihre Hand fest umschlossen hielt. „Du bist ins Koma
gefallen.“
„Wie... lange?“, presste sie leise hervor.
„Etwas mehr als vier Wochen.“
Joan nickte und verzog das Gesicht vor
Schmerz. Sie schloss die Augen und er glaubte, sie sei wieder eingeschlafen,
aber da öffnete sie die Lider und sah ihn mit sorgenvollem Blick an.
„Kleines, kann ich etwas für dich tun?“,
fragte Brian leise. Er legte seine Hand an ihre Wange und streichelte sie
liebevoll, als Joan den Mund öffnete. Unsicherheit stand in ihr Gesicht
geschrieben. „Sag’ mir, was dir durch den Kopf geht.“
„Wo...“, kam es endlich über ihre Lippen.
„...ist... Steeeve?“
Der Schreck über diese unerwartete Frage
musste ihm allzu deutlich im Gesicht stehen, denn plötzlich lief ihr eine
einzelne Träne aus dem rechten Auge. Brian hatte umsonst gehofft. Ihr war nicht
entgangen, dass Steve kein einziges Mal an ihrem Bett gesessen hatte, wenn sie
aufgewacht war.
Erwartungsvoll sah Joan ihren Bruder an,
der sich überlegte, wie er die Nachricht von Steves Tod noch einige Tage
hinauszögern konnte. Dr. Cooper hatte eindringlich gesagt, dass sie jegliche
Aufregung von Joan fernhalten sollten. Sie brauchte absolute Ruhe. Doch der
Arzt hatte vergessen ihm zu sagen, wie er Steves Tod vor ihr verbergen sollte.
„Joan, er kann nicht zu dir kommen.“
„Er... will... nicht“, sagte sie mit
traurigem Blick. „Ich bin... nicht mehr... wie vorher.“
„Das hat damit absolut nichts zu tun. Wenn
er könnte, würde Steve dich niemals in dieser Situation alleine lassen“,
erklärte Brian von seinen Worten fest überzeugt.
Sie schöpfte neue Hoffnung. „Warum... ist
er... dann... nicht... hier?“
„Jo...“, nannte er sie sanft beim
Kosenamen. „...Steve saß mit dir im Auto. Ihr hattet beide den Unfall.“
„Wie...geht es... ihm?“, fragte sie mit
sorgenvollem Blick. „Ist er... schwer... verletzt?“
Brian, der sich unweigerlich an Steves
Beerdigung erinnerte, traten Tränen in die Augen. Er wusste nicht, wie er
seiner Schwester die schreckliche Nachricht mitteilen sollte. Vielleicht wäre
es das Sinnvollste, wenn er sie zu ihrem eigenen Schutz belog, ihr nichts von
Steves Tod erzählte.
„Brian...“, drängte sie ihn.
„Jo...“, begann er leise. Erwartungsvoll
sah sie ihn an. Als Brian zu ihr aufblickte und sie mit traurigen Augen ansah,
wusste sie, was geschehen war.
Kaum merklich schüttelte sie den Kopf. „Ich
habe ihn... in meinen Träumen... gesehen.“ Tränen liefen aus ihren Augen. „Wir
sind den Weg... gemeinsam... gegangen. Hand... in Hand...bis zur... Gabelung.
Er wollte... den dunklen Weg... gehen, aber ich hatte... Angst. Der andere
Weg... war viel... heller und ich habe... dich gesehen.“ Sie schluchzte laut.
„Plötzlich... war er... nicht mehr... bei mir. Warum... hat er mich... allein
gelassen?“
Durch einen Tränenschleier sah Brian sie
an. Er konnte sich nicht im Entferntesten vorstellen, was Steves Tod für sie
bedeuten musste. Sie hatte ihn unendlich geliebt. „Ich weiß es nicht, Kleines.“
„Lass... mich... allein...“, bat sie ihn
unter Tränen.
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