Mittwoch, 21. Januar 2026

[Schnipseltime] When Myths come true von Julia Abel und Pumpkinpie Verlag (Hrg.)




Aus der Geschichte von Juli Dusk

„Den hab ich dir nicht gestohlen“ , sagte eine Stimme neben ihm.
„Nur… geliehen.“
John zuckte zusammen. Eine Gestalt hockte da – kaum zu erkennen, fast eins mit den Schatten. Ihre Kleidung bestand aus alt aussehenden Stoffen mit Fäden, die abstanden, Schnürsenkeln, Büroklammern hielten, was noch gehalten werden konnte. In den Händen drehte sie eine einzelne vergilbte Spielkarte.
„Tassira“, sagte sie leise, als ob sie selbst nicht sicher war, ob das noch ihr Name war.
„Göttin der verlorenen Dinge. Gedanken. Namen. Einkaufszettel. Erste Küsse. Alles, was zu klein ist, um gehalten zu werden.“
John öffnete den Mund, doch sie hob eine Hand.
„Ich weiß, du erinnerst dich nicht an mich. Niemand tut das. Ich bin das Gefühl, wenn du aufstehst und nicht mehr weißt, warum.“



Aus der Geschichte von Ava Cooper
Der Journalist unterbrach meine Gedanken. »Nennen Sie mir bitte als erstes Ihren vollen Namen.«
»Ich bin Zeus, der Göttervater; Sohn des Kronos und der Rhea.« Bei diesen Worten straffte ich meine Schultern, die deutlich breiter waren als die des jungen Mannes.
»Äh ja, das schrieben Sie in Ihrer E-Mail.« Der Journalist rückte sich die Brille zurecht. »Also gut – Herr … Zeus. Mein Name ist Maximilian.« Er überreichte mir eine schlichte Visitenkarte, auf der noch nicht einmal seine Berufszeichnung stand. »Sie dürfen auch Max sagen.«
»Ich bevorzuge Maximilian«, gab ich zurück und unterdrückte den Drang, verächtlich zu schnauben. Wer nannte schon einem Wildfremden seinen Spitznamen? Namen verliehen Macht, war das diesem Max-Typen überhaupt nicht klar?
Doch anstatt ihm einen zu husten, lächelte ich ihn jovial an. Vielleicht konnte ich diese Naivität ja ausnutzen. »Nun, Maximilian. Was möchten Sie von mir wissen? Wie ich meinen Vater und die anderen Titanen in den Tartaros verbannte? Wie ich die Giganten vernichtete? Oder wollen Sie lieber erfahren, wie man Frauen erobert?« Ich lachte, denn in dieser Kunst war ich wahrlich bewandert! Die Liste meiner Geliebten wurde nur noch übertroffen von der meiner Kinder. Ich stieß ihn in die Seite. »Ich sage Ihnen; da kann ich Ihnen so manche gute Geschichte erzählen!«
Das Gesicht des Jünglings verzog sich abfällig und ich spürte, wie die Wut in mir hochkochte. Alles in mir verlangte danach, ihm für diese Respektlosigkeit einen gewaltigen Blitz entgegenzuschleudern! Aber ich zwang meinen Zorn zurück. Ich brauchte ihn, damit die Menschen erkannten, dass die Götter immer noch unter ihnen wandelten. Wir hatten uns lediglich angepasst; beinahe bis zur Aufgabe unseres Selbst. Anders konnten wir nicht überleben. Denn der Olymp war zerfallen, nachdem niemand uns mehr pries.

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