
Das Gelände füllte sich, auch die weißen Pavillons waren nun besetzt,
und als die Dunkelheit wie ein samtener Vorhang fiel, betrat ein aristokratisch
wirkender Herr im makellosen Anzug die Bühne, wohl nicht der Premier, doch mit
Jubel empfangen; zurück auf den Handtüchern zogen wir Schuhe und Socken aus,
stellten die Füße auf weichen Rasen und gaben uns der Atmosphäre hin, während
die ersten Künstler unter tosendem Applaus erschienen.
Über Stunden reichten sich Bands das Mikrofon, viele Namen unbekannt,
die legendären Wailers ausgenommen, doch es spielte keine Rolle; die Musik lag
wie ein pulsierender Herzschlag über dem Gelände, Menschen tanzten, wippten,
ließen Körper in geschmeidigen, nahezu mystischen Bewegungen mit den Rhythmen
verschmelzen, und wir machten es nach, entdeckten, wie sanfte Bewegungen aus
Knien und Hüften sich stundenlang durchhalten ließen. Unablässig floss der
Sound, nur kurz für Umbauten unterbrochen; immer wieder holten wir Guinness,
probierten Eintöpfe mit exotischen Gewürzen, teilten einen kleinen Joint wie so
viele um uns herum, lagen dann auf den Handtüchern, ließen uns davontragen,
beobachteten die Tanzenden oder starrten in den endlosen Sternenhimmel Jamaikas.
Der beginnende Tag zeichnete sich in grauem, nebelartigem Hellerwerden
ab, Konturen traten wieder hervor, als plötzlich – im Puls der Rhythmen – der
erste Sonnenstrahl direkt über der Bühne auf das Gelände stach, in übermüdete
Augen der Besucher: der Sunsplash, als hätte jemand die Welt perfektioniert
ausgerichtet; binnen Minuten flutete grelles Licht das Areal. „Wer denkt sich
so eine krasse Scheiße aus“, brüllte Dieter, und ich konnte nur zustimmen; nach
einer Nacht aus Tanzen, Lachen, Plaudern, Trinken und Kiffen in einem Meer
bewegter Leiber unter Reggae-Rhythmen in der Erleuchtung des alles überragenden
Himmelskörpers zu stehen, blieb ein Erlebnis, welches bis heute nicht getoppt
wurde; beispiellos. Die Musik reichte weit in den Morgen, das Ende glich einem
Erwachen aus wundervollem Traum, dem Aussteigen aus einer stundenlangen
Achterbahn der Gefühle; schweigend setzten wir uns auf das kleine baumwollene
Stück Heimat und sahen, wie die ersten Besucher müde, doch erfüllt
zusammenpackten. „Davon kannst du deinen Enkeln erzählen“, sagte ich zu Dieter;
er nickte, noch immer ergriffen von dem eben erlebten.
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