Sonntag, 25. Januar 2026

[Schnipseltime] Bansi II - Durchgebrannt von Michael Karl


 

Das Gelände füllte sich, auch die weißen Pavillons waren nun besetzt, und als die Dunkelheit wie ein samtener Vorhang fiel, betrat ein aristokratisch wirkender Herr im makellosen Anzug die Bühne, wohl nicht der Premier, doch mit Jubel empfangen; zurück auf den Handtüchern zogen wir Schuhe und Socken aus, stellten die Füße auf weichen Rasen und gaben uns der Atmosphäre hin, während die ersten Künstler unter tosendem Applaus erschienen.

 

Über Stunden reichten sich Bands das Mikrofon, viele Namen unbekannt, die legendären Wailers ausgenommen, doch es spielte keine Rolle; die Musik lag wie ein pulsierender Herzschlag über dem Gelände, Menschen tanzten, wippten, ließen Körper in geschmeidigen, nahezu mystischen Bewegungen mit den Rhythmen verschmelzen, und wir machten es nach, entdeckten, wie sanfte Bewegungen aus Knien und Hüften sich stundenlang durchhalten ließen. Unablässig floss der Sound, nur kurz für Umbauten unterbrochen; immer wieder holten wir Guinness, probierten Eintöpfe mit exotischen Gewürzen, teilten einen kleinen Joint wie so viele um uns herum, lagen dann auf den Handtüchern, ließen uns davontragen, beobachteten die Tanzenden oder starrten in den endlosen Sternenhimmel Jamaikas.

Der beginnende Tag zeichnete sich in grauem, nebelartigem Hellerwerden ab, Konturen traten wieder hervor, als plötzlich – im Puls der Rhythmen – der erste Sonnenstrahl direkt über der Bühne auf das Gelände stach, in übermüdete Augen der Besucher: der Sunsplash, als hätte jemand die Welt perfektioniert ausgerichtet; binnen Minuten flutete grelles Licht das Areal. „Wer denkt sich so eine krasse Scheiße aus“, brüllte Dieter, und ich konnte nur zustimmen; nach einer Nacht aus Tanzen, Lachen, Plaudern, Trinken und Kiffen in einem Meer bewegter Leiber unter Reggae-Rhythmen in der Erleuchtung des alles überragenden Himmelskörpers zu stehen, blieb ein Erlebnis, welches bis heute nicht getoppt wurde; beispiellos. Die Musik reichte weit in den Morgen, das Ende glich einem Erwachen aus wundervollem Traum, dem Aussteigen aus einer stundenlangen Achterbahn der Gefühle; schweigend setzten wir uns auf das kleine baumwollene Stück Heimat und sahen, wie die ersten Besucher müde, doch erfüllt zusammenpackten. „Davon kannst du deinen Enkeln erzählen“, sagte ich zu Dieter; er nickte, noch immer ergriffen von dem eben erlebten.

 

 

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