
Prolog
New
York City, New York
Grayson
Der Club ist dunkel, fast schon zu dunkel für meinen
Geschmack. Künstlicher Nebel wabert durch die Luft und ich frage mich, wie ich
so etwas sehen soll. Wie ich schnell genug reagieren soll, falls jemand
austickt. Hören kann ich auch nicht genug. Die Musik dröhnt in meinen Ohren und
die tanzenden Lichter der Scheinwerfer lassen mich Fratzen statt Gesichtern
sehen. Am besten sollte ich sie alle rausschmeißen, einfach schon mal
vorsorglich, denn der Club wimmelt nur so von düsteren Gestalten. Es wird nicht
lange dauern, bis jemand aggressiv wird.
Mit jeder Stunde, mit jedem Glas Alkohol, wird die
Stimmung unentspannter. Die Bewegungen der Gäste werden ungelenker, die Blicke
leerer, manche bedrohlich.
Ich stehe in der Nähe der Tanzfläche, die Augen
aufmerksam auf die Menge gerichtet, und warte nur darauf, dass es knallt. Ich
hasse meinen Job und gleichzeitig möchte ich nichts anderes machen – oder
vielmehr kann ich es nicht. Niemals würde ich mir selbst etwas anderes
zugestehen. Also bin ich hier, Abend für Abend, bereit, den Abschaum New Yorks
unter Kontrolle zu halten.
Es dauert nicht lange, da geht es auch schon los.
Ein Typ, breit gebaut, stößt gegen einen anderen,
einen Stammgast, der glaubt, den Laden gepachtet zu haben. Ich mache mich
bereit, wie ein Panther auf der Lauer, fertig zum Sprung.
Die Spannung in der Luft ist spürbar. Ein paar Worte
werden gebrüllt, ich kann sie nicht verstehen. Ein bisschen Geschubse,
entsetzte Blicke einiger Neulinge, die den rauen Ton hier nicht gewohnt sind.
Dann fliegt die erste Faust. Der breite Typ hat unserem Stammgast eins aufs
Kinn gegeben.
Mein Einsatz.
Sofort bildet die Menge um die beiden Streithähne
herum einen Kreis, Anfeuerungsrufe übertönen die laute Musik, doch niemand
denkt daran, dazwischenzugehen – außer mir. Ich bahne mir einen Weg durch die
Meute, packe den Typen, der zugeschlagen hat, von hinten und ziehe ihn von
unserem Stammgast weg, bevor er noch einen Treffer landen kann.
Er ist ein Baum von einem Kerl und wehrt sich, als
würde ich ihm nach dem Leben trachten, doch ich bin stärker. Mit einem
kräftigen Ruck, der die Gaffer beiseite springen lässt, drehe ich ihn herum und
stoße ihn vor mir her in Richtung Ausgang. Er schimpft und versucht, sich
loszureißen, aber ich halte ihn fest, seinen rechten Arm auf den Rücken
gedreht, eine Hand in seinem Nacken.
»Du elender Bastard, was bildest du dir ein?«, geifert
er.
Ich sage nichts, lasse seine Beschimpfungen einfach an
mir abprallen. Nur meinen Griff verstärke ich noch.
Als wir an der Kasse vorbeikommen, grinst mich Jolanda
amüsiert an. Um diese Uhrzeit kommt keiner mehr rein, von dem sie Eintritt
kassieren müsste. Zu später Stunde bin ich das einzige Highlight ihrer Schicht.
»Dein Bodycount ist heute wieder beachtlich!«, ruft
sie mir nach.
Ich zwinkere ihr zu, dann verlasse ich den Club. Als
wir draußen sind, stoße ich den Typen unsanft auf den Gehweg.
»Verzieh dich. Du hast Hausverbot. Für immer.«
»Du wirst noch sehen!«, droht er mir und reckt dabei
eine Faust in meine Richtung.
»Ja ja ja«, sage ich müde. Leere Drohungen, mehr
nicht. Die kenne ich zur Genüge. »Hau ab jetzt, oder ich rufe die Bullen.«
Würde ich nie, aber das weiß er ja Gott sei Dank
nicht.
Meine Drohung wirkt deutlich besser als seine.
Der Typ grummelt noch ein paar Worte in meine
Richtung, dann verzieht er sich.
»Schwachkopf«, murmle ich und sehe ihm kopfschüttelnd
nach, wie er zwischen zwei Häusern verschwindet.
Ich drehe mich um, um wieder in den Club zu gehen, als
plötzlich zwei Kerle vor mir stehen. Sie sehen nicht aus wie die üblichen Gäste
des Gutter Alley. Ihre Anzüge wirken teuer, ihre Frisuren sind ordentlich und
sie riechen auch nicht nach Alkohol. Vielmehr erinnern sie mich an
Steuerberater oder Anwälte oder so. Sie passen nicht in den Club und ich weiß,
wenn ich sie reinlasse, wird es nur Ärger geben.
»Haben geschlossen«, sage ich und will an ihnen
vorbei, doch einer der beiden stellt sich mir in den Weg.
Er ist kleiner als ich, blond, hat aber eine
selbstsichere Haltung, die mich irritiert. Er ist hager, mit scharf
geschnittenen Gesichtszügen, und mustert mich unverhohlen. »Grayson Hunter,
richtig?«
Ich nicke, fühle mich angespannt.
Wer sind die zwei? Warum kennen sie meinen Namen? Was
zur Hölle wollen diese Anzugträger von mir?
»Ich werde gleich mit der Tür ins Haus fallen«, fährt
der Blonde fort.
Ich sehe kurz zu seinem Kumpel rüber, der zwar genau
so elegant gekleidet ist, aber ansonsten eher zu meinem Schlag Mann gehört.
Er hat breite Schultern und in seinen Augen liegt ein
finsterer Ausdruck. Kein Zweifel. Dieser Kerl ist hier, um mich
einzuschüchtern.
»Wir brauchen jemanden, der gut im Football ist.«
»Aha«, mache ich, äußerlich cool, auch wenn mein Herz
bei seinen Worten zu rasen beginnt.
American Football ist so ziemlich das Letzte, worüber
ich sprechen möchte.
»Jemanden wie dich.«
»Tut mir leid, aber ich bin Türsteher, kein
Quarterback. Wenn ihr also nicht jemanden für den Einlass braucht, dann seid
ihr bei mir an der falschen Adresse.«
Ich will an Blondi vorbei, aber es ist paradox. Meine
Beine versagen mir einfach den Dienst, weshalb ich lieber stehenbleibe, bevor
ich mich noch vor den beiden Anzugträgern auf die Nase lege.
»Du kannst dir die Nummer sparen. Wir wissen, wer du
bist.« Blondi grinst, was hyänenartig auf mich wirkt.
Kein Zweifel, das tun sie wirklich. Nicht nur, dass
sie mich gefunden haben und meinen Namen kennen, nein, sie wissen auch noch
über früher Bescheid. Über meine Zeit als Footballspieler.
Ich verschränke die Arme vor der Brust. Eine hilflose
Geste, von der ich mir aber erhoffe, dass sie einschüchternd wirkt. Mehr habe
ich den Typen gerade nicht entgegenzusetzen, denn in meinen Ohren dröhnt es und
vor meinem inneren Auge flimmern Bilder, die ich eigentlich nicht sehen möchte.
»Wir wollen,
dass du bei den Empire City Guardians mitmachst«, höre ich Blondi wie durch
Watte sagen. »Kein großes Ding.«
Kein großes Ding? Auch wenn ich seit Jahren versuche,
einen Bogen um Football zu machen, weiß ich eins ganz sicher: Die Guardians
sind ein verdammt großes Ding!
Ich runzle die Stirn, weil die Situation total absurd
ist. Vielleicht habe ich gerade mächtig eins aufs Dach bekommen? Anders kann
ich es mir nicht erklären, dass mitten in der Nacht zwei Anzugträger in einem
der schlimmsten Viertel New Yorks auftauchen und mir einen Job als
Football-Star anbieten.
Jeder, wirklich jeder, würde jetzt Freudensprünge
machen, aber ich sage nur: »Kein Interesse.«
Ich schiebe mich an ihnen vorbei, doch weit komme ich
auch diesmal nicht, denn Blondi sagt den Satz aller Sätze und lässt mich damit
erstarren.
»Wir wissen über Caleb Bescheid.«
Verflucht, was?
Meine Hände werden feucht und anstatt weiter zu rasen,
setzt mein Herz jetzt kurz aus. Caleb. Sie wissen es. Was hat das zu bedeuten?
Langsam drehe ich mich um, starre die beiden Männer
an. Ich weiß, dass ich jetzt keine andere Wahl mehr habe, als mir anzuhören,
was sie zu sagen haben.
»Was wollt ihr?«, frage ich heiser.
Der hagere Blonde lächelt kalt. »Wir wollen einen
kleinen Skandal aufdecken, mehr nicht. Wenn du tust, was wir dir sagen, wird es
gar keine Probleme geben.«
***
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