▼

Sonntag, 9. August 2026

[Schnipseltime] Risse der Melodie von Nicole Stranzl


 

Mein Vater lehnt auf dem Stock. Seine Krankheit hat einen Greis aus ihm gemacht. Seine Wangen sind eingefallen, da sind Bartstoppeln auf seinem sonst immer glattrasierten Gesicht. Sein Haar ist schütter und ergraut. Er ist ein Schatten seiner selbst. Wo ist der strenge Mann, der mich stets gemaßregelt hat, wenn ich mich nicht züchtig genug verhielt?

„Noah.“ Die Tonlage ist undeutbar.

„Wie … geht es dir, Papa?“ Ich fühle mich unwohl, hier zwischen Tür und Angel. Reinbitten werden meine Eltern mich aber vermutlich nicht. Viel eher jagen sie mich gleich davon.

„Ich sterbe.“ Die Gelassenheit, mit der er spricht, jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken.

Ich öffne den Mund und schließe ihn wieder. Die passenden Worte wollen nicht kommen. Was sagt man auch darauf?

„Aber das ist in Ordnung. Ich bin bereit für das Paradies. Ich bin bereit, deinen Bruder wieder zu treffen.“

„Wenn er denn da ist.“ Die Stimme meiner Mutter ist leise, ihr Blick ist gen Boden gerichtet.

Das ist wohl DIE Gelegenheit, um sie zu fragen, doch mein Vater durchkreuzt meine Pläne.

„Komm doch rein.“

Ich denke, mich verhört zu haben. Lädt er mich ernsthaft ins Haus ein?

„Ahm …“

Er dreht sich um und wackelt mit seinem Stock den Flur lang. Auch meine Mutter ist sichtlich überrascht, sagt jedoch nichts und folgt ihrem Mann. Wie immer. Eine gute Frau widerspricht ihrem Ehemann nicht.

Eilig streife ich meine Schuhe ab und betrete das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Es sieht alles noch aus wie früher. An den Wänden hängen Kinderfotos, auch von mir, was mich überrascht. Ich habe angenommen, sie hätten mich aus ihrem Leben gelöscht.

Ich wende meinen Blick ab und folge meinen Eltern ins Wohnzimmer.

„Ich setze uns Tee auf“, sagt meine Mutter und verschwindet in der Küche.

Mein Vater sitzt bereits in seinem alten Schaukelstuhl. Ob das eine gute Idee ist? Kommt er da wieder raus? Ich verkneife mir jeden Kommentar und nehme ihm gegenüber auf der alten Couch Platz. Es ist dieselbe, auf der Adam und ich als Kinder herumgesprungen sind, wenn meine Eltern es nicht mitbekommen haben. Auch diesen Raum schmücken etliche Bilder. Erst jetzt fällt mir auf, ich bin auf keinem älter als zwölf Jahre. Vermutlich, weil der Teufel erst in der Pubertät von mir Besitz ergriffen hat. Da habe ich angefangen, alles zu hinterfragen, frech zu werden und mit Jungs zu schlafen. Mit zehn Jahren war ich wohl noch nicht vom Weg abgekommen, wie es meine Eltern formulieren würden.

„Früher sind wir beide in diesem Schaukelstuhl gesessen“, sagt mein Vater plötzlich. „Genau hier hab ich dich gehalten.“ Er beugt seinen Arm und schaut hinab, als könnte er tatsächlich ein Baby sehen. „Du hast mich mit deinen dunklen Augen angesehen. Du hast sie von deiner Großmutter geerbt. Sie war auch immer sehr eigensinnig.“ Ich frage mich, ob mein Vater meine Anwesenheit schon vergessen hat, so weggetreten ist er, als er plötzlich seinen Blick hebt und mich direkt ansieht. „Wenn du jetzt so vor mir sitzt, dann kann ich kaum glauben, dass du jemals hier reingepasst hast.“ Tränen glitzern in seinen Augen. „Manchmal frage ich mich, ob ich dich nicht fest genug gehalten habe. Vielleicht könntest du immer noch hierher passen, wenn ich mir mehr Mühe gegeben hätte.“

Mein Hals wird trocken und meine Augen feucht. Ich verstehe, was er mir sagen will. „Papa, du …“

„Ich konnte ihn nicht retten“, werde ich unterbrochen. „Und dich auch nicht.“

„Du musst mich nicht retten.“ Heftig blinzele ich. „Papa, ich muss nicht gerettet werden. Es geht mir gut.“

„Hast du ein Mädchen?“

„Nein.“

„Willst du für immer allein sein?“

„Ich bin doch nicht allein.“

Da ist so viel Unverständnis in seinem Blick und abermals schmerzt es tief in meiner Brust. Es ist, als würden wir zwei verschiedene Sprachen sprechen. Vermutlich tun wir das.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Mit dem Abschicken des Kommentars bin ich mit den Datenschutzrichtlinien des Blogs einverstanden.